In der Kommerzfalle

von Ilka Hoffmann29.06.2015Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Viele Privatschulen leisten gute Arbeit. Dass es immer mehr werden, ist aber besorgniserregend für die Chancengleichheit in unserer Demokratie.

Die Zunahme von Privatschulen muss differenziert und kritisch zugleich betrachtet werden. Nicht immer sind Privatschulen Schulen für Kinder reicher Eltern. Ein großer Teil der Privatschulen wird gegründet, weil öffentliche Schulen demografiebedingt geschlossen werden. Das war besonders in den östlichen Bundesländern der Fall, wo der Einbruch der Schülerzahlen bereits vor einigen Jahren einsetzte. Engagierte Eltern auf dem Land wollen also die „Schule im Dorf“ lassen. Privatschulen gibt es auch im Förderschulbereich. Es gibt auch inklusive Reformschulen in privater Trägerschaft. Dennoch muss man genau hinschauen, wenn die Zahl dieser Institutionen stetig steigt.

Mangelndes Vertrauen gegenüber öffentlichen Schulen und die Wünsche der Eltern müssen ernst genommen werden. Schulen sind vielerorts unterfinanziert, was sich in Unterrichtsausfall, großen Klassen, mangelnder individueller Förderung und schlechter Ausstattung manifestiert. Da erstaunt es kaum, dass viele besser verdienende Eltern nach Alternativen suchen. Es gibt auch sicherlich Eltern, die durch eine Privatschule Exklusivität für die Bildung ihrer Kinder erreichen wollen. Dass Privatschulen immer pädagogisch besser arbeiten, ist jedoch eine Legende. Zahlreiche private Schulen arbeiten ganz konventionell. Und viele öffentliche Schulen sind reformfreudig, leistungsstark und förderorientiert, wie der Deutsche Schulpreis seit einigen Jahren durch seine Preisträger zeigt.

Der Graben verläuft zwischen Hauptschulen und Gymnasien

Auch der behauptete Leistungsvorsprung privater Schulen gehört ins Reich der Legenden. Private Schulen schneiden nicht besser als öffentliche ab, wenn man die soziale Herkunft und die Zusammensetzung ihrer Schülerschaft in Rechnung stellt. Für die Leistungen von Schulen – so zeigt eine Analyse der PISA-Daten – ist die Schulform von größerer Bedeutung als der Schulträger. Der Graben verläuft also zwischen Hauptschulen und Gymnasien und nicht zwischen öffentlichen und privaten Schulen.

Eine dritte Legende ist die Behauptung, dass die Existenz von Privatschulen zu einem qualitätssteigernden Wettbewerb zwischen den Schulen führe und es daher sinnvoll sei, mehr Privatschulen zuzulassen. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Weder dämonisiert noch bekämpft die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Privatschulen. Sie stellt auch nicht die mitunter sehr gute pädagogische Qualität der dort geleisteten Arbeit infrage. Schulen in privater oder „freier“ Trägerschaft – zum Beispiel kirchlich getragene Schulen, reformpädaogisch orientierte Schulen oder auch Internate – gab es schon immer, die Schullandschaft konnte ganz gut damit leben. Sie sind sogar im Grundgesetz – unter bestimmten Bedingungen – als Teil des Schulwesens vorgesehen, stehen unter staatlicher Aufsicht und haben daher Anspruch auf finanzielle Unterstützung.

Schulwesen als Versuchsfeld für Kommerz

Privatschulen spielten jedoch lange Zeit eine nur marginale Rolle. Dass ihre Anzahl von Jahr zu Jahr wächst, beobachtet die GEW sehr kritisch. Denn: Immer mehr Privatschulen verschärfen die ohnehin schon höchst ungleiche Verteilung von Bildungschancen. Es gibt sicherlich auch Eltern, die durch die Wahl einer Privatschule ihre Kinder von den sozialen Problemen in der Gesellschaft oder auch nur von Kindern aus anderen familiären Verhältnissen als den eigenen fernhalten wollen.

Problematisch ist es auch, wenn – wie in den vergangenen Jahren der Fall – zunehmend privatwirtschaftliche Anbieter in diesen „Markt“ drängen und das Schulwesen zum Versuchsfeld für gewinnorientierte und kommerzielle Interessen wird. Das will zwar in Deutschland nicht recht gelingen, hier stehen kommerziellen Begehrlichkeiten Gesetze und Vorschriften entgegen.

Doch ein Blick in andere Länder wie die Vereinigten Staaten, Großbritannien oder sogar Schweden zeigt, was möglich ist. Zum Beispiel, dass Unternehmen gleich den ganzen Schulbetrieb übernehmen, oder dass Privatschulketten verschiedenste Dienstleistungen, Personalplanung und Management an ihnen nahe stehende kommerzielle Firmen auslagern. Eine aktuelle Kampagne der Bildungsinternationalen (Education International, der weltweite Zusammenschluss der Bildungsgewerkschaften) hat zudem weltweite Akteure im Visier, die durch aggressives Lobbying und immense PR-Anstrengungen zunehmend Einfluss auf die Politik in vielen Ländern der Welt nehmen.

Soziale Spaltung verhindern

Die GEW hält es deshalb für notwendig, die Entwicklung genau zu beobachten und auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen. Schule hat einen gesellschaftlichen Integrationsauftrag, der zum Beispiel besagt, dass alle Kinder in der Schule den Umgang mit Pluralität erlernen können sollen. Der sozialen Spaltung muss daher Einhalt geboten werden. Zum Schutz der öffentlichen Schule als Gesamtsystem, zum Schutz der Chancengleichheit und des Zusammenhalts. Das öffentliche Schulwesen hat einen hohen Wert in einer demokratischen Gesellschaft.

Damit Schule kein Bildungsmarkt wird und damit das Vertrauen der Eltern in öffentliche Einrichtungen dauerhaft gestärkt wird, müssen öffentliche Schulen flächendeckend zu guten und inklusiven Ganztagsschulen ausgebaut werden, die alle Kinder individuell und bestmöglich fördern. Wir brauchen eine hohe Qualität aller Einrichtungen, eine breite Bildungsbeteiligung und gleiche Bildungschancen für alle Kinder und Jugendlichen. Und gute Lern- und Arbeitsbedingungen. Dies ist ohne ein staatlich beaufsichtigtes und finanziertes Gesamtsystem nicht zu haben.

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