EU-Politik ist ein Kunststück. Heinz Fischer

„Es geht nicht ums schnelle Geld, sondern um die Vision“

Mit seinem Start-up Researchgate möchte Ijad Madisch den Austausch zwischen Forschern verbessern. Er sprach mit The European über die Möglichkeiten des Internets, die Interessen von Investoren und den Standort Berlin.

The European: In der Berliner Start-up-Szene sind Sie mit Ihrem Projekt ResearchGate vertreten – was ist der Zweck der Webseite?
Madisch: ResearchGate ist ein soziales Netzwerk für Forscher aller Art – wir versuchen damit, Forscher zusammenzubringen, ihre Arbeit effizienter zu machen und somit Redundanz in der Forschung zu vermeiden. Das bedeutet beispielsweise den Zugriff auf die Negativdaten anderer zu ermöglichen, um selbst schneller voranzukommen. Forscher können so Durchbrüche erreichen, die schwer zustande kämen, wenn Forscher nicht miteinander kommunizieren würden.

The European: Start-ups versuchen oft, die Möglichkeiten des Internets auszuschöpfen, um damit alte Probleme neu zu lösen – welchen Ansatz verfolgt ResearchGate?
Madisch: Wir haben Diskussionen, „smart filesharing“, sowie einen besonderen Fokus auf Publikationen: Nach der Anmeldung können Publikationen mit dem eigenen Benutzernamen verknüpft werden und dadurch für andere Forscher transparent zugänglich gemacht werden. So haben wir ResearchGate auf die Bedürfnisse von Forschern zugeschnitten – etwas, was es im Internet sonst nicht gibt.

„Es geht um das Potenzial, den Markt zu verändern“

The European: Sicherlich liegt der Reiz eines solchen Nischenproduktes auch in diesem Fokus auf eine Benutzergruppe. Welches Potenzial erkennen Sie für Differenzierung durch eng zugeschnittene Produkte?
Madisch: Ich sehe darin in der Tat einen großen Vorteil. Speziell im Hinblick auf Forschung betrifft uns das Thema letztlich alle: Stellen wir uns vor, eine Kommunikation zwischen Forschern sorgt für verbesserte Therapiemöglichkeiten von Krankheiten – das geht uns alle an, da jeder einmal krank werden wird. Viel Forschung wird durch Steuergelder finanziert, daher ist es in unser aller Interesse, wenn sie transparent und effizient stattfindet.

Für Start-ups kann eine wohlgewählte Nische auch einen großen Wettbewerbsvorteil bedeuten. Sicherlich wird das Produkt nicht jeder nutzen können, doch das Potenzial wurde dadurch schnell erkannt. Unsere Investoren Benchmark Capital und Founders Fund hatten vorher noch nie in Deutschland investiert, und auch das Medienecho war – nicht zuletzt durch die Nische – enorm. Wir haben es auf die Startseite des Onlineauftritts der „New York Times“ geschafft, was vorher auch noch keinem deutschen Start-up gelang. So erreichen wir momentan 4000 bis 5000 Neuanmeldungen pro Tag.

The European: Sprechen wir noch ein wenig über Investoren: Suchen diese gezielt nach Produkten, die eine neue Zielgruppe identifizert haben – oder sollte das Produkt allgemeingültig sein?
Madisch: Ich würde das anders formulieren: Große Investoren wie Benchmark Captial und Founders Fund schauen weniger auf die Zielgruppe als auf das Potenzial, den Markt zu verändern. Forschung ist einer der unberührtesten Märkte im Internet, da wollen wir Bewegung hineinbringen. Das World Wide Web wurde ja ursprünglich entwickelt, um den Austausch zwischen Forschern zu verbessern. Daher ist es witzig, wie das Web für alles Mögliche genutzt wurde – bis auf diesen ursprünglichen Zweck.

The European: Berlin wird oft als europäische Gründerhauptstadt bezeichnet – muss sich jedoch gleichzeitig dem Vorwurf stellen, es würde viel kopiert und wenig Neues erfunden. Welches tatsächliche Innovationspotenzial bietet diese Stadt?
Madisch: Das Gute an den Copycats ist, dass sie die Infrastruktur aufgebaut haben: Neue Firmen wie Wooga, Gidsy, SoundCloud und auch ResearchGate können diese nutzen, symbolisieren aber eine neue Ära. Ich will nicht von besser oder schlechter sprechen, aber diese Unternehmen werfen ein anderes, positiveres Licht auf Berlin, da sie für neue Ideen stehen. Es wird aber noch Zeit kosten, bis noch mehr Venture-Capital-Firmen (VCs), auch aus dem Ausland, in Berlin investieren.
Was Investoren anbelangt, haben mich keine deutschen VCs überzeugt. Die Kunst ist es, Investments zu erkennen, bevor ganz große Investoren Geld hineingesteckt haben. In Deutschland sehe ich das nicht immer. Viele Investoren versprechen sich viel von einer Idee nur, da sie in den USA bereits erfolgreich funktioniert hat. Aus eigener Erfahrung wage ich daher zu bezweifeln, dass deutsche Investoren eine marktverändernde Idee erkennen.

„Wenn die Vision nicht funktioniert, sind potenzielle Einnahmequellen irrelevant“

The European: Wird in Deutschland zu sehr auf schnelle Monetarisierung geachtet, während in Amerika langfristiger investiert wird?
Madisch: Definitiv. Auf der Suche nach Investoren habe ich bei Benchmark Capital mit Matt Cohler gesprochen, dem zweiten Mitarbeiter bei Facebook und einem der Mitgründer von LinkedIn. Bei der Vorstellung meiner Idee habe ich nie über die Monetarisierung gesprochen – denn wenn die Vision aufgehen sollte, würden wir 17 Millionen Menschen für unser Produkt gewinnen und dabei langfristig auch eine Einnahmequelle finden. Cohler ist Investor bei Instagram, Quora und Asana und doch hat er mich nicht nach Monetarisierung gefragt, sondern wie für mich Erfolg aussähe. Die richtige Antwort, die ich ihm gab, war nicht das schnelle Geld, sondern ein Aufgehen der Vision anzustreben. Die potenziellen Einnahmequellen, die es von Anfang an gab, sind irrelevant. Wenn die Idee nicht funktioniert, erreicht man nicht die nötige Menge an Menschen, um sie nutzen zu können.
In Deutschland wurde ich bereits nach der dritten Folie gefragt, wie ich Geld verdienen wolle – da hatte ich noch nicht einmal die Vision vollständig erklärt.

The European: Die Investitionsbereitschaft in Deutschland erscheint dennoch hoch. Für eine Seite wie Amen ist viel Geld geflossen, doch ein durchschlagender Erfolg hat sich bislang nicht einstellen können. Reicht eine pfiffige Idee bereits aus, damit nach den Scheckbüchern gegriffen wird?
Madisch: Sicher macht es etwas aus, ob Gründer eine Idee gekonnt präsentieren. Wie in jeder anderen Branche kommt es auch im großen Maße auf persönliche Netzwerke an, durch die man Investoren erreichen kann. Leider führt Erfolg schnell dazu, dass Menschen sich für Experten halten und glauben, den Erfolg wiederholen zu können – so werden dann auch größere Beträge in die Hand genommen.
Persönlich würde ich mir trotz des Erfolges von ResearchGate nicht zutrauen, zu vielen Ideen aus anderen Branchen Stellung zu beziehen.

„Ein soziales Netzwerk muss außerhalb von Facebook funktionieren“

The European: Im „Atlantic“ schrieb Alexis Madrigal, wir hätten die utopischen Träume der späten 90er-Jahre realisiert: mobiles Internet, ständige Kommunikation und Vernetzung. Doch forderte er ein Umdenken bei Gründern, denn die Zukunft könne nicht bloß aus immer neuen Start-ups bestehen. Was denken Sie?
Madisch: Wenn die Fragmentierung der sozialen Netzwerke voranschreitet, wird es irgendwann eine Sättigung geben. Meine Theorie ist, dass ein soziales Netzwerk nicht überleben kann, wenn seine Funktion auch in Facebook abgebildet werden kann. Andersherum heißt das: Wenn die Funktion nicht von Facebook abgebildet werden kann, hat das Netzwerk eine Chance. Das sehe ich auch mit ResearchGate: Das Forschernetzwerk ist ein völlig anderes als das Netzwerk der privaten Freunde. Für eine Weile glaubte jeder, mit sozialen Netzwerken Erfolg haben zu können. Doch was es als Nächstes geben wird, kann ich schwer voraussehen.

The European: In einem Meinungsbeitrag vor einem Jahr hatten Sie gefordert, die Politik müsse mehr für Start-ups tun – was ist der Stand der Dinge, nun da Berlin eine neue Regierung hat?
Madisch: Noch immer ist es sehr schwierig, Visa für ausländische Fachkräfte zu bekommen. Wir haben fast sieben Monate gebraucht, um einen arabischen Programmierer hier einstellen zu können. „Berlin Partner“, ein Beratungsservice der Stadt und der Handelskammer Berlin, hat uns schließlich geholfen.

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