L’Europe c’est moi

Igor Fayler8.01.2012Medien

Mein Unwort des Jahres: Merkozy. Die EU und der Euro befinden sich in einer historischen Krise. Kann uns nur noch Merkozy retten?

Woran erkennt man politische Krisen? An den unruhigen Märkten, an Krisengipfeln, an den Rücktritten von politischem Spitzenpersonal? Auch. In erster Linie jedoch erkennt man politische Krisen an der Sprache in Politik und Medien. Die verwendeten Bilder, Vergleiche und Neologismen sind symptomatisch für Angst und Unsicherheit. Sie können aber auch von Willensstärke, Mut und Hoffnung zeugen. Hoffnung, die Krise unbeschadet zu überstehen oder sogar gestärkt aus ihr hervorzugehen. Man kann es eine Anomie der Sprache nennen. Tabus fallen, sprachliche Ästhetik verliert an Bedeutung, Hyperlative, Oxymorone und ihre zahllosen seltsamen Geschwister nisten sich in die öffentliche Sprache ein. In jedem Fall unterzieht sie sich einem Wandel – mit all ihren Höhen und Tiefen.

Fear and loathing in Europe

Ein Kofferwort, welches in letzter Zeit durch die deutsche und internationale Medienlandschaft zieht, erregte meine Aufmerksamkeit im Besonderen: Merkozy. Im Verlauf der Euro-Krise haben sich die deutsche Regierungschefin und der französische Staatspräsident verstärkt im Rahmen von bilateralen Treffen ausgetauscht und über das zukünftige Erscheinungsbild der EU auf höchster politischer Ebene beraten. Ob in Brüssel, Paris oder am Strand von Deauville – Merkel und Sarkozy signalisierten stets Einigkeit und Handlungsbereitschaft. Die Unterschiede der Personen Merkel/Sarkozy – sie: nüchtern, besonnen, diplomatisch, er: temperamentvoll, emotional und direkt – scheinen wie weggefegt. Dasselbe gilt für die teils konträren politischen Standpunkte, wie die Causa Euro-Bonds, die Rolle der EZB oder die Beteiligung privater Gläubiger zeigen. Die deutsch-französische Freundschaft ist etwas Besonderes, keine Frage. Mancher meint, es sei schlichtweg Liebe. Dass Frankschland der Motor der europäischen Integration ist, soll an dieser Stelle ebenfalls nicht infrage gestellt werden. Doch handelt es sich bei Merkozy wirklich nur um ein einfaches Wortspiel, ein Kunstwort rein deskriptiver Natur? Kritisch betrachtet, beinhaltet der Begriff mehr als eine wertneutrale Bezeichnung für das Duo Merkel/Sarkozy und ihre zahlreichen Treffen. Der Begriff, und das ist die Krux, steht für eine bestimmte Art politischer Führung innerhalb der EU. Merkozy beschreibt, was von Europa-Skeptikern aller Couleur seit Jahren beanstandet wird: das undemokratische, das technokratische und das unfertige Europa. Wie kein anderer Begriff steht Merkozy für Nebenabsprachen und informelle Politik. Jedoch grenzt sich die Politik à la Merkozy dabei stark von politischem Pragmatismus (welchen ich begrüße) ab, denn sie ist eine stabile Institution. Merkozy wird von der Ausnahme zur Regel europäischer Politik und negiert somit ein Stück weit die europäische Idee. In der aktuellen Krise wird dies nur mehr als deutlich. M-E-R-K-O-Z-Y. Jedes Mal, wenn ein Autor oder ein Politiker diese sieben Buchstaben schreibt, tippt oder ausspricht – dieser Kommentar eingeschlossen – legitimiert er ein Stück weit diesen Regierungsstil. Vorbei an EU-Parlament und Kommission, an den nationalen Parlamenten und somit am Bürger.

Merkozy ist nicht alternativlos

In politischen Krisen gibt es immer Rufe nach Führungsstärke und einem harten Durchgreifen, zulasten demokratischer Entscheidungsprozesse. Mit Merkozy bedienen die Medien diese Klientel, indem sie etwas Heldenhaftes und damit Positives auf Merkel und Sarkozy projizieren. Zugleich bestätigen sie damit die Euro-Skeptiker. Deshalb steht für mich, wie kaum ein anderer Begriff des Jahres 2011, Merkozy für den Zustand der EU: für ihre andauernde politische Krise.

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