Es ist nicht einmal klar, dass wir überhaupt einen freien Willen haben. David Eagleman

Ein neuer Typus Mensch

“Haben oder Sein” sind verdichtete Antworten auf die Fragen eines fremdbestimmten Lebensgefühls, die ich sowohl bei Meister Eckhardt als auch bei Erich Fromm fand. Vom Internet “haben”, also dem reinen Konsum, sind wir zum Internet “sein” gelangt.

Wir Onliner befinden uns – jeder für sich, aber auch alle zusammen – in einem bestimmten geschichtlichen Kontext, dem Zeitalter des Internets. Wir müssen unser Verhalten, das aus dem Identifizierungsprozess mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anforderungen heraus bestimmt wird, nicht nur an den geschichtlichen Kontext, sondern auch möglichst an den herrschenden Zeitgeist anpassen, um den neuen Lebensraum, die digitale Welt, auch vollständig verstehen zu können. Damit fördern wir leidenschaftlich und voller Energie in erster Linie das wirtschaftliche und gesellschaftliche System, das uns auch im Internet umgibt: Wir werden Teil einer Maschinerie, die auf Vervollständigung, Transparenz, Effizienzstreben und Erfolg ausgerichtet ist.

Diese Ziele färben auch unseren Arbeitsalltag. Aber allzu häufig vergessen wir Onliner bei allem Engagement in unserer Firma, auf Konferenzen und in Social Networks, dass wir auch Menschen sind, die das volle Spektrum menschlicher Gefühle und Einstellungen in uns tragen. Das Streben nach Effizienz und Erfolg erfordert eine durch und durch positive Lebenseinstellung und großen persönlichen Einsatz. Was aber geschieht mit diesen Zielen in Zeiten, in denen es uns nicht gelingt, eine “schlechte persönliche Phase” vor der Öffentlichkeit zu verbergen? Schwächen zugeben, Fehler eingestehen, Schwierigkeiten haben, traurig sein, sich ohnmächtig fühlen, all diese menschlichen Gefühls- und Verhaltensvariationen schicken sich nicht für einen Menschen, der in der Online-Welt zu Hause ist. Sie entstammen aber dem realen Menschen in seiner realen Umweltsituation und müssten sich daher auch in seinem digitalen Leben niederschlagen. Dort aber ist kein Platz für Schwächen und Unzulänglichkeiten, dort herrscht der Erfolg des strahlenden Siegers.

Die “Hygienevorschriften” des Internets lassen nur das Positive und Schöne zu

So bleibt dem Onliner nur, sich ständig in positivem Denken zu üben und es auch online zur Schau zu stellen. Sehr schnell kann es dazu kommen, dass der Onliner jeden Anflug von Schwäche und jedes Erleben von Versagen bei sich selbst und bei anderen aus seinem Bewusstsein verdrängt. Indem er es aber aus seinem Bewusstsein verdrängt, hat es auch keine Existenzberechtigung in der digitalen Welt; die “Hygienevorschriften” des Internets, die nur das Positive und Schöne zulassen, werden wieder einmal bestätigt, auf Kosten der psychischen Hygiene des Einzelnen.

Diese Entwicklung betrifft nicht nur den einzelnen Onliner, sondern auch den Umgang mit allen anderen, die sich der digitalen Welt verschrieben haben. Wer sich selbst als wirklicher Onliner versteht, der fordert auch von anderen, sich immer gut zu fühlen und dies auch an jeder Stelle zu äußern. Man hat die Menschen um sich herum interessant und inspirierend zu finden und zu allen Schwachen und Versagenden öffentlich auf Distanz zu gehen, sie aus seiner Welt auszuschließen. Das ist das ungeschriebene Gesetz im Netz, mit seinen Sanktionen, die all die treffen, die sich nicht an die “Spielregeln” halten.

Diese ganze Entwicklung führt schließlich dazu, dass ein ganz neuer Typus Mensch in der Online-Welt entsteht, der “internetnormierte Mensch”, der alle oben beschriebenen Anforderungen leicht und selbstverständlich erfüllt. Mehr noch, dieser neue Typus wird für andere immer attraktiver und dadurch auch immer dominanter, weil er als “Ideal” den anderen zum Nacheifern vorgegeben ist.

In keiner uns bekannten Epoche der Menschheit haben Maschinen eine so umfassende und alle Lebensbereiche bestimmende Bedeutung gehabt wie heute. Maschinen vernetzen die ganze Welt und sind damit nicht nur ein Instrument der Angebots- und Nachfragesteuerung, sondern zum philosophischen Nukleus der Wirtschaft und damit für viele Menschen zum sinnstiftenden Inhalt ihres Lebens geworden.

Die Maschinen sind zum grundlegend strukturierenden Prinzip in den meisten menschlichen Lebensbereichen geworden. Wir, die Nutzer der Maschinen, müssen flexibel und mobil sein, ein starkes Ego haben, gut sozialisiert und individualisiert sein. Von uns wird ebenfalls der bisher nur für die Verfügbarkeit von Maschinen definierte 24/7-Kodex erwartet, der für Menschen naturbedingt gar nicht gelten kann, weil der Mensch Ruhe- und Regenerationsphasen zum körperlichen wie psychischen Überleben braucht. Wir sind dabei, die Eigenschaften der Maschinen auf uns Menschen zu übertragen, alle genannten Eigenschaften werden nach und nach zu Leitwerten des gegenwärtigen Menschen, weil sie eben unerlässliche Voraussetzungen für ein erfolgreiches Online-Leben sind.

Liebe ist nicht maschinell herstellbar

Der Mensch darf niemals vergessen, dass er ein Mensch ist und das Leben in vollen Zügen genießen kann. Psychologisch gesehen bedeutet diese Orientierung an den Maschinen immer, dass nicht das eigene Sein zählt, also die tatsächlichen Fähigkeiten, Eigenheiten und Bedürfnisse eines Menschen, sondern das, was sich verkaufen lässt, das, was ankommt, was vielversprechend verpackt oder dargestellt ist. Es kommt nicht auf das eigene Sein eines Menschen mit all seinen Gefühlen und Gedanken an, also das eigentliche “Mensch-Sein”, sondern auf die Vorgabe, auf die bloße Inszenierung. Nicht das, was faktisch gegeben ist, sondern das, was erzeugt, was suggeriert werden kann, das macht erfolgreich. So führt das Online-Sein faktisch zu einer Entwertung des Seins und des authentischen Handelns eines Menschen. Diesen Mangel an Selbst-Sein und Selbst-Erleben versucht die menschliche Psyche zu kompensieren. Eine bevorzugte Kompensation wird im “Haben” vorgenommen, nicht im “Sein”. Das “Haben” entwickelt sich schnell zu einem “Mehr-haben-Wollen”, einer nicht endenden Spirale, die sich aber in die falsche Richtung dreht. Das “Sein” tritt in den Schatten, das “Haben” steht im Licht. Ein unhaltbarer Zustand, vollkommen aus dem sensiblen Gleichgewicht des Lebens herausgeworfen, kreisen die nur durch das “Haben” bestimmten Menschen wie Satelliten um sich selbst und ihr Hochglanz-Abbild, ihren Avatar, im Internet, ohne jeden Kontakt zur Realität, die das “Mensch-Sein” nun einmal verlangt.

Die ganz persönliche Definition des individuellen Seins ist die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben mit allen Höhen und Tiefen, die die menschliche Psyche nun einmal für ihre Weiterentwicklung braucht, denn gerade Krisen sind oftmals die Grundvoraussetzung für einen großen Schritt in der persönlichen Entwicklung. Nicht zu vergessen kann uns die menschlichste und wertvollste Fähigkeit des Menschen helfen, geerdet zu bleiben: die Fähigkeit, Liebe zu empfinden und Liebe zu schenken. Liebe ist nicht maschinell herstellbar, sie wird niemals ins “Haben” abrutschen können.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Ibrahim Evsan: Ein weiterer Kampf der digitalen Supermächte

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