Die "Charts der Herzen"

von Ibrahim Evsan8.07.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Es ist höchste Zeit, Maßnahmen zu ergreifen, die den tatsächlichen Musikgeschmack und Musikkonsum der Menschen abbilden. Echte nutzergenerierte Charts findet man bei Spotify, Simfy, Last.fm etc. – und die haben mehr Aussagekraft als eine Top-100-Liste auf Papier.

Es wundert mich, dass ich unter den Top-100-Musik-Charts für mich persönlich nur sehr wenige Titel finde, die ich mir auch kaufen würde. Vereinzelt ist dort ein Song, den ich in den letzten Wochen gekauft habe, doch der Großteil aller Titel spricht mich nicht an. Natürlich bin ich nur ein kleiner Bestandteil einer Zielgruppe, doch die Charts spiegeln nicht meinen Musikgeschmack wieder. Habe ich mich verändert oder hat sich die (Musik-)Welt um mich herum verändert? Genauer gefragt: Repräsentieren die offiziellen Musik-Charts das Kaufverhalten, die Hörgewohnheiten und das Lebensgefühl unserer Gesellschaft? Die Kauf- und Hörgewohnheiten der Menschen – insbesondere der Onliner – haben sich entschieden verändert. Neben den stationären und digitalen Verkaufscharts gibt es jetzt auch noch die “Hör”-Charts.

Charts verzerren die realen Zahlen

Im stationären Musikhandel habe ich bemerkt, dass die angesagteste Musik gut strukturiert im Top-100-CD-Regal für Singles und Alben zu finden ist. Andere Titel werden innerhalb der themenspezifischen Regale unter Rock, Indie oder House alphabetisch versteckt. Wenn es die “künstlich erzeugten” Top-100-Musik-Charts nicht geben würde, dann würden sich auch viele potentielle Käufer nicht davon beeinflussen lassen und sich nicht die Musik kaufen, die die Musikindustrie durch Werbung wie eine Druckbeschallung auf allen Kanälen promoten möchte. Bei großen Händlern wie Media Markt oder Saturn findet man nur das Album und nicht den einzelnen Song. Es handelt sich meines Erachtens bei den bisher erhobenen Musik-Charts um eine Verzerrung der Zahlen zugunsten dessen, was als neues Produkt von einer bestimmten Zielgruppe gekauft werden soll. Es gibt heute sehr viel mehr Charts, als noch vor zehn Jahren, mp3.com, mtv, last.fm, musicload oder gar iTunes machen es vor. Unter Einbeziehung dieser “anderen” Charts könnte es tatsächlich möglich sein, dass die Band Nirvana in den Top-100-Charts mit ihren alten Titeln alle paar Monate wieder Einzug hält. Nur das Zusammenführen der Ergebnisse aller Verkaufskanäle für Musik generiert tatsächliche Zahlen, die als valide Charts für das Kaufverhalten aussagekräftig sind. Alle Plattformanbieter bieten Funktionen wie Tagging, Ranking und Bewerten, um einzelne Inhalte eindeutig zählen zu können. Für die Musikindustrie würde es sich wieder lohnen, die Künstler zu pushen, die mit ihrer Musik heute noch Millionen bewegen.

“Just in Time”-Charts bilden die tatsächlichen Hörgewohnheiten der Menschen ab

Wenn man heute nach den “digital angehörten Musiktiteln” (alle Musikvideos auf den Videoportalen, Napster, Musikdiscovery oder pandora.com) geht und nicht nur die “digital gekauften Musiktitel” zugrunde legt, zeigen die daraus resultierenden Charts der insgesamt gehörten Musiktitel eine ganz andere Top 100 als die von Media Control. Noch weiter gefasst wären diese “Hör”-Charts, wenn man die Nutzung von Spotify, Simfy, last.fm etc. miterfassen würde. Schließlich ist es egal, ob ich mir eine CD anhöre, auf sevenload oder youTube ein Musikvideo ansehe oder Spotify nutze. “Just-in-time”-Charts, die Charts, die die tatsächlichen Hörgewohnheiten der Menschen abbilden, wären sehr interessant, sowohl für die Konsumenten als auch für die Musikindustrie. Sie müssten die Möglichkeiten des Internets nur endlich voll nutzen und sich nicht von den digitalen Supermächten die Butter vom Brot nehmen lassen.

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