Wir müssen so etwas wie eine Fehlerkultur entwickeln. Thomas de Maizière

Der Life-Line-Recorder in der Cloud

Die physischen Kapazitäten der Festplatten in unseren Computern sind endlich, die Cloud hingegen bietet beliebig viel Stauraum. Was dezentral im Netz gespeichert wird, ist jederzeit abrufbar und an kein Limit mehr gebunden. In den Wolken, so scheint es, ist die Freiheit wohl grenzenlos.

Bis heute zählen Festplattengrößen neben Prozessorgeschwindigkeiten bei Computern zu den entscheidenden Auswahlkriterien für den Kauf eines neuen Rechners. Wir achten alle – mehr oder weniger bewusst – darauf, dass genug Platz auf dem physikalischen Speicher vorhanden ist, um unser Leben in Form von Videos, Fotos und anderen Medien auf der Festplatte abzulegen.

Damit ist der Computer neben dem Arbeitsgerät und der Spielekonsole auch zu so etwas wie einem Life-Line-Recorder geworden. Unser Leben liegt fein säuberlich in “Ereignisse“ unterteilt auf den Laufwerken und kann auf unserem externen “Gehirnlaufwerk“, der Festplatte, jederzeit nach beliebigen Kriterien in Videos und Präsentationen zusammengestellt und vorgeführt werden. Für viele ist es immer noch unvorstellbar, dass die Festplatte “voll“ sein könnte, weil sich das Gefühl einstellt von “jetzt endet mein Leben, weil ich es nicht mehr aufzeichnen kann“. Wir brauchen immer mehr externe Festplatten, um unserem Leben den Raum geben zu können, den wir für wichtig halten. Obwohl unsere Lebens-Daten virtuell vorliegen, sind sie dennoch immer in unserem direkten Zugriffsbereich, auf unserem Rechner. Doch der nächste Evolutionsschritt naht.

Cloud-Computing ist etwas ganz Neues für den Menschen

Wir werden dazu übergehen, unsere Daten aus dem selbst verwalteten eigenen Rechner in die Sphären eines Rechnerparks abzugeben. Aber dieser Schritt ruft bei vielen Nutzern Bedenken in Sachen Sicherheit, wenn nicht sogar eine starke Abneigung gegen diese Form der Speicherung hervor, weil unsere Daten – das heißt auch immer unser Leben – nicht mehr in unserem selbst verantworteten Herrschaftsbereich, sondern auf “irgendeiner Wolke“ liegen.

Die Voraussetzungen für Cloud-Computing sind gegeben, die Internet-Infrastruktur bietet ausreichende Geschwindigkeiten dafür, die Server sind technisch fähig, um die heute noch unvorstellbaren Datenmengen zu bewältigen. Zudem wird Cloud-Computing eine nachvollziehbare Abrechnungsmethode bieten, weil man nur das in Rechnung gestellt bekommt, was man auch an Datenleistung “verbraucht“. Wir werden also unsere Daten – befreit von allem Ballast im wörtlichen Sinne – dennoch bei uns haben, jederzeit an jedem Ort der Welt abrufbar. Die Geräte dafür kommen in diesen Tagen verstärkt auf den Markt.

Die virtuelle Darstellung unseres Lebens erreicht ein neues Niveau

Die Globalisierung im Sinne der Notwendigkeit, “Daten überall abrufen zu können“, ohne schwere Notebooks mit sich herumtragen zu müssen, wird auch unsere Lebens-Daten erfassen. Damit erreicht die virtuelle Darstellung unseres Lebens eine neue Phase, mehr noch unsere ganzen Lebensdaten erreichen ein neues Niveau, weil die Daten in Echtzeit abrufbar auf virtuellen Speichern, nicht mehr physikalisch auf einem Computer vorliegen. Der Life-Line-Recorder ist eine Ebene aufgestiegen, “in die Wolke über uns“, ohne die Bindung an Festplatten, deren Kapazität wir ständig erweitern müssen.

Die Frage ist jetzt, ob wir durch die zunehmende Digitalisierung unseres Lebens auch immer mehr dazu neigen werden, uns im Internet zu inszenieren, statt uns wie in der realen Welt als ganze Persönlichkeit darzustellen. Die Daten unseres Life-Line-Recorders werden jetzt noch flüchtiger, weil sie nicht mehr “direkt bei uns“, auf unserem Rechner, sind. Durch das Cloud-Computing müssen wir mehr statt weniger Verantwortung für die von uns selbst aufgezeichneten Daten übernehmen. Wir müssen dafür sorgen, dass wir uns in der Cloud als Menschen nicht “verflüchtigen“.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Ibrahim Evsan: Ein neuer Typus Mensch

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