Völlig übermächtigt

Ian Morris6.01.2014Politik, Wirtschaft

Energie ist Macht – und wir entziehen unserer Umwelt davon mehr als je zuvor. Versiegt die Energie, brechen Imperien zusammen.

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Ein simpler Fakt ist der Schlüssel zum Verständnis des 21. Jahrhunderts: Macht entspringt der Fähigkeit, der Umgebung Energie zu entziehen, sie zu organisieren und anzuwenden. Wie entscheidend diese Erkenntnis ist, wird deutlich, wenn wir eine historische Perspektive einnehmen.

Ein Großteil seiner Zeit war der moderne Mensch Jäger und Sammler: Er entzog der Natur nur wenig Energie, etwa durch das Pflücken von wilden Pflanzen oder das Erlegen von Tieren. Die Menschen ­lebten in kleinen, schlecht organisierten Gruppen, die alles andere als mächtig waren.

Alles begann auf dem Acker

Dies änderte sich erst nach dem Ende der letzten Eiszeit, also etwa 10.000 v. Chr. Im heutigen Mittleren Osten entwickelte sich die Landwirtschaft, was dem Menschen erlaubte, der Erde hundertmal mehr Energie zu entziehen als bisher. Die Bevölkerungszahl wuchs seitdem sprunghaft an und bis heute nutzen Menschen jede erdenkliche Methode, diese neue Macht zu organisieren und anzuwenden. Regierungen, Städte und Imperien entstanden. Wir lernten, Metall zu bearbeiten, ­segelten über die Meere, schrieben Bücher und erfanden das Geld.

Wo die Landwirtschaft florierte, entstanden die neuen Zentren der Macht – von China bis zum Mittelmeer und von Peru bis Mexiko. Die Bauern vertrieben die Jäger und Sammler und bekämpften sich anschließend gegenseitig.

Vor rund 2.000 Jahren schließlich erreichte das Römische Reich die maximale Macht, die eine auf Landwirtschaft basierende Gesellschaft überhaupt erreichen kann. Rom herrschte über 70 Millionen Menschen, mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung, und erstreckte sich über fünf Millionen Quadratkilometer. Dort entstanden faszinierende Literatur und Kunst, große Handelsexpeditionen wurden bis nach Indien geschickt. Andere Agrar­imperien – etwa die chinesische Song-Dynastie gut 1.000 Jahre später – erreichten eine ähnliche Größe, aber übertrafen Rom nie.

Süchtig nach Energie

Dieses Kunststück glückte erst vor 200 Jahren, als es in Westeuropa gelang, die in fossilen Brennstoffen gebündelte Kraft freizusetzen. Ein wahrer Energierausch setzte ein und bewirkte ein enormes Bevölkerungswachstum. Der Nationalstaat, freie Märkte und Demokratie entstanden, die Elektrizität wurde entdeckt, Züge, Flugzeuge und Computer gebaut.

Wie die Agrarrevolution sorgte auch die Industrielle Revolution für das Entstehen neuer Machtzentren. Dieses Mal entstanden sie vor allem um den Nordatlantik herum. Diese neuen Mächte verbrachten das 19. Jahrhundert damit, vorindustrielle Nationen zu unterwerfen und das 20. Jahrhundert damit, sich gegenseitig zu bekämpfen. Doch trotz aller Kriege wurde die Welt wohlhabender: Zwischen 1700 und 2000 verzehnfachte sich das Bruttosozialprodukt pro Kopf.

Zwei Jahrhunderte sind seit dem Beginn der Industriellen Revolution vergangen und wir arbeiten uns immer noch an ihren Folgen ab. Drei große Trends sind offensichtlich:

Der erste Trend ist ein geografischer. Nach der ursprünglichen Machtverschiebung Richtung Nordatlantik gelang ost- und südasiatischen Ländern ebenfalls der Sprung in die Moderne. Macht wandert seither in Richtung Pazifik und Indischer Ozean.

Der zweite Trend ist eine Steigerung der Macht für Organisationen mit globalem Einfluss. Bislang äußert sich die Globalisierung am stärksten in der Wirtschaft, aber die Europäische Union zeigt – unbenommen ihrer aktuellen Probleme –, wie ökonomische Integration die politische Integration vorantreiben kann.

Der dritte Trend bezieht sich auf die Stärkung des Einzelnen. Organisationen, die diskriminieren – egal ob aufgrund von Geschlecht, Rasse, Religion oder fast jeder anderen menschlichen Eigenschaft –, wachsen langsamer, als jene, die das nicht tun.

Innerhalb der nächsten ein oder zwei Jahrhunderte werden diese Trends vermutlich anhalten oder sich verstärken. Langfristig wird sich diese Entwicklung jedoch umkehren: Gesellschaften werden nicht immer effektiver Macht sammeln, organisieren und nutzen können. Denn Trends besiegeln ihr Ende oft selbst.

Viele Agrargesellschaften haben zum Beispiel ihrer Umwelt so viel Energie entzogen, dass die Böden, auf die sie angewiesen waren, verödeten. Heute haben wir so viele fossile Brennstoffe verbraucht, dass wir das Klima ruiniert haben, auf das wir angewiesen sind. Und wenn eine Zivilisation erst mal zusammengebrochen ist, kann es bis zu 1.000 Jahre dauern, bis sie ihr einstiges Machtniveau zurückerlangt. So erging es den Städten, die 1900 v. Chr. im südostasiatischen Industal kollabierten oder dem Römischen Imperium, als es 400 n. Chr. zerbrach.

Eine völlig neue Ära

Zu großer Gewalt hat in der gesamten Menschheitsgeschichte jeder große Wandel der Art und Weise geführt, wie Menschen Energie extrahieren, organisieren und nutzen. Der Kollaps einer Zivilisation zieht die brutalsten Verwerfungen überhaupt nach sich. Was die Aussicht auf einen ­solchen Kollaps im 21. Jahrhundert so fürchterlich macht, ist, dass wir mittlerweile über nukleare Waffen verfügen. Wir haben das Potenzial, die gesamte Menschheit auszulöschen.

Die gute Nachricht ist, dass es heute im Vergleich zum Kalten Krieg zwanzigmal weniger Atombomben gibt. Ein gnadenlos geführter Krieg könnte die Welt zumindest nicht mehr an einem einzigen Tag ruinieren. Die schlechte Nachricht ist, dass wir unserer Umwelt mittlerweile derart effizient Energie entziehen können, dass wir innerhalb kürzester Zeit die alte Vernichtungskraft sogar überbieten könnten.

Wir müssen im 21. Jahrhundert mit größeren und radikaleren Umbrüchen als jemals zuvor rechnen. Die drängendste Frage ist also, in welche Richtung dieser Wandel geht. Es scheint nicht mehr besonders utopisch, zu behaupten, dass wir in etwa einhundert Jahren über unbegrenzte und saubere Energiequellen verfügen. Oder dass immer leistungsfähigere Technik den Menschen mit den Maschinen verschmilzt und so die Grenzen der Biologie überwindet.

Entwicklungen wie diese werden die bereits skizzierten Trends der Industrialisierung weiter verstärken: mehr Macht im asiatischen Raum, für globale Organisationen und das Individuum. Möglich ist aber auch, dass wir in eine vollständig neue Ära in der Geschichte der Macht eintreten.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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