Willkommen in der neuen schwarz-roten Quotenwirtschaft!

Hugo Müller-Vogg6.03.2015Innenpolitik

Neue Betriebs-Kitas würden jungen Frauen auf dem Weg nach oben mehr helfen als die Zwangsbesetzung einiger weniger Spitzenpositionen mithilfe der Frauenquote. Eine Analyse.

Ob da die Erde wenigstens für einen kurzen Moment stehen bleibt? An diesem Freitag beschließt der Bundestag, was allgemein Frauenquote genannt wird und angeblich den weiblichen Teil der Nation voranbringen soll, wenn nicht gar das ganze Land. Genau genommen beschließt die Große Koalition eine „Geschlechterquote“. Da geht es nicht um semantische Feinheiten. Mit dem Begriff „Geschlechterquote“ verbergen die Regierungsparteien vielmehr, dass sie Frauen gezielt bevorzugen wollen. Das kann aber nur gelingen, wenn andere benachteiligt werden – in diesem Fall die Männer.

„Geschlechterquote“ hingegen suggeriert, dass Männer in den Führungsgremien der Wirtschaft gegenüber Frauen ebenfalls nicht benachteiligt werden dürfen. Nur: Vorstände und Aufsichtsräte, in denen ausschließlich Frauen sitzen, gibt es in keinem einzigen Großunternehmen. Oder will die GroKo einer in der Zukunft möglicherweise drohenden Übermacht der Frauen vorbeugen?

Von dieser politisch korrekten Sprachakrobatik einmal abgesehen, ist das Ziel klar: In den Aufsichtsräten von 108 voll mitbestimmungspflichtigen und börsennotierten Großunternehmen müssen ab dem Jahr 2016 frei werdende Sitze so lange mit Frauen besetzt werden, bis die Quote von 30 Prozent erreicht ist. Um das zu erreichen, muss die Zahl der weiblichen Aufsichtsratsmitglieder in diesen Gesellschaften auf rund 190 verdoppelt werden. Zudem müssen sich etwa 3500 Unternehmen auf eine freiwillige Frauenquote in Vorstand und Aufsichtsrat verpflichten.

Woher sollen all die neuen Aufsichtsrats-Frauen kommen?

Da drängen sich einige Fragen auf. Woher sollen also all die neuen Aufsichtsrats-Frauen kommen? Können Frauen, die nie eine entsprechende Führungsfunktion ausgeübt haben, einen Unternehmensvorstand wirklich kontrollieren und beraten? Oder wird es zu Berufungen nach dem Vorbild von Doris Schröder-Köpf kommen? Schließlich hat der Warenhauskonzern Karstadt seinen Aufsichtsrat mal für kurze Zeit durch die Berufung der ehemaligen Journalistin und Gattin des Altkanzlers quotenmäßig aufgehübscht. Und werden mehr Aufsichtsrätinnen die Sekretärinnen bei der Deutschen Bank, die Chemikerinnen bei der BASF oder die Konstrukteurinnen bei Volkswagen glücklicher machen?

Um auf das sicherlich segensreiche Wirken der Karstadt-Aufseherin Schröder-Köpf zurückzukommen: Sollte es tatsächlich so gewesen sein, dass sich die Situation der Karstadt-Verkäuferinnen oder -Putzfrauen in ihrer Aufsichts-Ära verbessert hat, dann ist dieser Fortschritt bis heute wie eine geheime Verschlusssache behandelt worden. Wahrscheinlich war es eher so, dass die durchschnittliche Karstadt-Frau gar nicht wusste, wer sich da zeitweilig im Aufsichtsrat von Geschlechts wegen für sie einsetzte.

Nun sind Frauen in unternehmerischen Führungspositionen nach wie vor eher die Ausnahme. Ist das alles das Ergebnis einer Verschwörung griesgrämiger alter Männer? So einfach ist es dann doch nicht. Zwar stellen die Frauen heute 50 Prozent aller Studierenden. Das sagt über das aktuelle Reservoir an weiblichen Führungskräften indes nicht viel. Die potenziellen Geschäftsführerinnen oder weiblichen Vorstandsmitglieder sind heute Mitte 40 und bringen langjährige Berufserfahrung mit, haben also ihr Studium vor zwei Jahrzehnten abgeschlossen, als der Frauenanteil unter den Hochschulabsolventinnen noch deutlich geringer war.

Auf sieben Ingenieure kommt eine Frau

Unabhängig von der Zahl der Akademikerinnen im „Vorstandsalter“: Die meisten von ihnen entschieden und entscheiden sich für Studiengänge, mit denen man es in der Wirtschaft nicht weit bringen kann. In Fächern wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft oder Technik sind Frauen unterrepräsentiert: Auf sieben Ingenieure kommt eine Frau. Unverändert zieht es Frauen eher zu den geisteswissenschaftlichen Fächern. Doch selbst die tüchtigste Diplom-Bibliothekarin bringt meistens nicht mit, was man als Top-Managerin braucht.

An einer weiteren Tatsache können ebenfalls kein Gesetz und keine Quote etwas ändern: Viele berufstätige Frauen verzichten spätestens nach dem zweiten Kind ganz auf eine Karriere. Zum Teil aus freien Stücken, zum Teil wegen fehlender Möglichkeiten zur Kinderbetreuung. Mehr Betriebs-Kitas würden deshalb jungen Frauen auf dem Weg nach oben mehr helfen als die Zwangsbesetzung einiger weniger Spitzenpositionen nach Geschlecht.

Gleichwohl: Die GroKo sorgt für mehr Frauen in den Kontrollgremien. Rechtlich ist das nicht unproblematisch. Der Hauptversammlung, also dem Organ der Eigentümer, muss es doch erlaubt sein, den Tüchtigsten beziehungsweise die Tüchtigste ins Amt zu hieven. Das Geschlecht als K.O.-Kriterium bedeutet letztlich die Beschneidung der Eigentumsrechte wie des Leistungsprinzips. Die frühere Frauenministerin Kristina Schröder (CDU) lehnt die starre Frauenquote genau deshalb ab: weil sie einen empfindlichen Eingriff in die unternehmerische Freiheit darstelle. Gleichwohl ersetzt die GroKo das Prinzip „Leistung muss sich lohnen“ durch das politisch korrekte Motto „auf das Geschlecht kommt es an“. Willkommen in der neuen deutschen Quotenwirtschaft.

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