Darf’s noch „altmodisch“ sein?

Hugo Müller-Vogg4.12.2014Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Vater, Mutter, Kind – kein Grund, sich zu entschuldigen. Doch in München wird Familie von der Stadtverwaltung etwas anders definiert.

Die Stadt München bietet – wie viele andere Kommunen auch – einen Familienpass an. Mit ihm erhalten Familien mit Kindern zahlreiche Vergünstigungen. Im neuen „Münchner Familienpass 2015“ wird – sozusagen von Amts wegen – Familie so definiert: „Für die Landeshauptstadt München ist Familie immer da, wo Kinder sind! Der Begriff „Familie“ schließt also Alleinerziehende, Familien mit Pflegekindern und Großeltern mit Enkelkindern ebenso ein wie homosexuelle Partnerschaften mit Kindern.“

Kein Zweifel: Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Partner aufwachsen, bei alleinerziehenden Müttern und Vätern oder bei Großeltern, haben eine Familie. Es ist also richtig, dass die Münchner Verwaltung diese Kleingruppen alle als Familien betrachtet. Aber was ist eigentlich mit Kindern, die bei ihren leiblichen Eltern leben, gar bei verheirateten Eltern? Leben die nicht in einer Familie? Nach der Definition der Stadt München offenbar explizit nicht. Jedenfalls ist die „altmodische“ Vater-Mutter-Kind-Konstellation den Familienförderern im Münchner Rathaus keine Erwähnung wert.

Gutmenschen am Werk

Nun gut: In diesem Jahr ziert ein Foto von Vater, Mutter und Kind die Titelseite der Familienpass-Broschüre. Die klassische Familie also? Nicht ganz: Der Vater sitzt im Rollstuhl. Diese Bebilderung passt ins Schema der Münchner Familienpolitik. Dort gilt offenbar: Die Ausnahme ist die Regel. So strahlen im noch gültigen Familienpass 2014 auf dem Titel zwei Familien um die Wette: Zwei Väter mit einem Töchterchen und zwei Mütter mit zwei kleinen Buben. 2013 zierte eine Oma mit zwei Enkeln den Pass, 2012 eine Mutter mit Kind.

Damit erst gar kein Missverständnis aufkommen kann: Kinder verdienen staatliche Förderung, völlig unabhängig vom Familienstand ihrer Eltern, von deren Gesundheitszustand oder ihrer sexuellen Orientierung. Aber offensichtlich sind im Münchner Jugendamt Gutmenschen am Werk, die es bereits für einen gefährlichen Ausbund an Intoleranz halten, heterosexuelle, nicht behinderte Mütter und Väter mit ihren Kindern abzubilden. Dennoch verrät die Bildauswahl der letzten Jahre – aus politisch korrektem Blickwinkel gesehen – ein geradezu erschreckendes Ausmaß an Ausgrenzung und Diskriminierung. Schließlich fehlen schwarze Väter ebenso wie Mütter in Burkas oder Kinder mit leicht erkennbarem Migrationshintergrund.

18 Millionen Ehepaare aus Mann und Frau

München wird seit Kurzem von Schwarz-Rot regiert. Doch herrscht im Sozialreferat, das für den Familienpass zuständig ist, offenbar noch immer der rot-grüne Geist aus früheren Reformzeiten. So steht der Münchner Familienpass für das immer weiter verbreitete, staatlich geförderte politisch korrekte Denken: Minderheit kommt vor Mehrheit. Und: Richtig tolerant ist, wer die Mehrheit gar nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Mit dieser Einstellung basteln zum Beispiel die Bildungsplaner im grün-roten Baden-Württemberg oder im rot-grünen Niedersachsen an Lehrplänen. Dort sollen Schwules, Lesbisches, Transsexuelles und Intersexuelles die bestimmenden Themen des Schulunterrichts über „sexuelle Vielfalt“ werden.

Auch wenn es in den Augen fortschrittlicher Gesellschaftspolitiker als hinterwäldlerisch gilt, sollte man bei aller Rücksicht auf Minderheiten und bei aller Aufklärung über Vielfalt eines nicht übersehen: Den etwa 34.000 eingetragenen gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften und einigen hunderttausend Konstellationen der Kategorien „trans“, „inter“, „lesbisch“, „schwul“ oder „bi“ stehen 18 Millionen Ehepaare gegenüber – bestehend aus Mann und Frau. Im Übrigen bilden Mehrheitsprinzip und Minderheitenschutz in einer freiheitlichen Gesellschaft keinen unversöhnlichen Gegensatz; sie sind zwei Seiten derselben Medaille.

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