Christian Wulff ist keine Idealbesetzung. Alexander Kissler

Recep der Schreckliche

Die Türken wählen Erdogan und kümmern sich nicht um deutsche Leitartikler. Welch ein Skandal!

Die Türken haben Recep Tayyip Erdoğan zum Präsidenten gewählt. Das war nach den Meinungsumfragen der vergangenen Wochen keine Überraschung. Doch aus den Kommentaren der meisten deutschen Beobachter spricht tiefe Verzweiflung. Wie konnten diese Türken nur diesen muslimisch-konservativen, autoritären Typen wählen? Unfassbar! Doch sie trösten sich – von ganz links bis weit in die Mitte des Medienspektrums – damit, dass „Recep der Schreckliche“ nur 52 Prozent der Stimmen erhalten hat und nicht etwa 57 Prozent.

Es gibt zweifellos gute Gründe, sich einen anderen türkischen Präsidenten zu wünschen: Einen echten Demokraten statt eines „lupenreinen“ à la Putin, einen liberalen Muslim statt eines religiösen Eiferers, der einen Vizepremier neben sich duldet, der Frauen das Lachen verbieten will, einen modernen Staatsmann, der die Türkei zum Westen öffnet, statt neo-osmanischen Träumen nachzuhängen. Aber die Türken haben nun mal Erdoğan gewählt, ob uns das gefällt oder nicht.

Das Ende des Sultans?

Das Wahlergebnis widerspricht dem Türkei-Bild, das die meisten deutschen Medien in letzter Zeit gezeichnet haben. Nach den Gezi-Massenprotesten im Juni vergangenen Jahres wussten alle deutschen Türkei-Experten, dass Erdoğan jetzt endgültig die großstädtische, pro-europäische Mittelschicht verloren habe. Die Quittung, so konnten wir überall lesen und hören, werde er bei den Kommunalwahlen im März 2014 erhalten. Dann kamen schwere Korruptionsvorwürfe gegen seine unmittelbare Umgebung auf; selbst sein Sohn steckte tief in diesem Sumpf. Schließlich mussten im Dezember vorigen Jahres bei einer Minenkatastrophe 300 Menschen sterben, weil die Sicherheitsvorkehrungen in diesem Bergwerk jeder Beschreibung spotteten, was Erdoğan mit ein paar flapsigen Bemerkungen abzutun versuchte. Es war, da waren sich alle deutschen Türkei-Beobachter einig, der letzte Nagel im Sarg des „Sultans“ Erdoğan.

Ach, wenn diese Türken sich doch an all die Mahnungen und Warnungen deutscher Edelfedern und prominenter „Talking Heads“ der öffentlich-rechtlichen Anstalten gehalten hätten. Doch die Türken wollen ihr Land partout nicht am deutschen Wesen genesen lassen. Zuerst gewannen Erdoğan und seine AKP die Kommunalwahlen. Und jetzt krönte er seine rigorose Machtpolitik sowie sein Spiel mit dem islamisch-nationalistischen Feuer mit der Wahl zum Präsidenten – mit absoluter Mehrheit im ersten Wahlgang.

Selbstgerechter Galgenhumor

Schlimmer noch: Die neue, aufgeklärte und proeuropäische Mittelschicht stimmte ebenfalls für den neuen „Sultan“. Die AKP gewann in Istanbul die Kommunalwahl, obwohl doch die deutschen Beobachter zu wissen vorgaben, dass Erdoğan sich nur noch auf hinterwäldlerische Landbevölkerung verlassen könne. Und jetzt? Jetzt stimmten die modernen Istanbuler wiederum mehrheitlich für den Mann, der wohl alles versuchen wird, die türkische Republik in ein autoritär-präsidiales System umzuwandeln. (Ob die Verfassungsrichter das mitmachen werden, werden wir noch sehen.)

Ja, Journalisten haben es bisweilen schwer. Sie schildern ein Land, so, wie sie es sehen; manchmal auch so, wie sie es gerne hätten. Doch dann stellt sich heraus, dass das Land beziehungsweise seine Bevölkerung anders tickt, als die Medien meinen. Da hilft nur selbstgerechter Galgenhumor: Umso schlimmer für das Land! Die Türken werden schon noch sehen, was sie davon haben, nicht politisch-korrekt zu wählen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Hugo Müller-Vogg: Wie Phönix in der Asche

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