Wir Journalisten sind ein Club von Heuchlern

Hugo Müller-Vogg17.05.2014Medien

Mit der Moralkeule auf Politiker loszugehen, verspricht Journalisten schnellen Beifall. Anmerkungen zum „Aufschrei“ über nicht gezahlte Zweitwohnungssteuern.

Skandal, Skandal – endlich mal wieder ein Skandal! Der Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter hat für seine Zweitwohnung in der Hauptstadt die fällige Zweitwohnungssteuer nicht gezahlt; der SPD-Außenpolitiker Niels Annen ebenso wenig. Inzwischen melden sich Politiker aus allen Lagern zu Wort, gestehen zerknirscht: Auch ich bin ein Steuerhinterzieher.

Wir sollen von Politikern nicht erwarten, dass sie wie Helden und Heilige durchs Leben gehen. Aber anständig und steuerehrlich sollten sie schon sein. Und wenn sie sich mit dem Kleingedruckten nicht beschäftigen wollen, dann brauchen sie halt einen kundigen Büroleiter und einen versierten Steuerberater. Denn vor dem Steuergesetz sind Politiker nicht „gleicher“ als andere. Wenn diejenigen, die über Steuern und Abgaben entscheiden, nicht aus freien Stücken „dem Staate geben, was des Staates ist“, wer denn dann?

Mit der Moralkeule auf Politiker

Aber nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Man kann die Hofreiters und Annens nicht mit Steuerhinterziehern wie Uli Hoeneß in einen Topf werfen. Schlamperei bei der Zweitwohnungssteuer ist eine Ordnungswidrigkeit, vorsätzliche und systematische Steuerhinterziehung dagegen eine kriminelle Tat. Vielen Medien dient die nicht gezahlte Zweitwohnungssteuer freilich als Beleg dafür, wie raffgierig „die“ Politiker nun einmal sind.

Von dort ist es dann nicht weit bis zum Vorwurf der Selbstbedienungsmentalität der politischen Klasse. Da gefallen sich viele Journalisten in der Rolle der Chefankläger. Und merken gar nicht, dass sie selber im Glashaus sitzen. Oder sind die Fälle der Obermoralisten Alice Schwarzer und Theo Sommer bereits vergessen? Gegen deren Steuervergehen sind die nicht gezahlten Steuern für die Zweitwohnung nur „Peanuts“.

Mit der Moralkeule auf Politiker loszugehen, verspricht freilich schnellen Beifall. Nehmen wir nur die angeblich „fürstlichen“ Diäten unserer Abgeordneten. Für deren 8.667 Euro im Monat würden Chefredakteure, die meisten Ressortleiter und Fernsehmoderatoren hierzulande nicht arbeiten – und schon gar nicht 6-Tage-Wochen ohne Freizeitausgleich akzeptieren. Die öffentlich-rechtlichen Star-Moderatoren verdienen locker mehr als die Bundeskanzlerin, ihre ebenfalls vom Bürger bezahlten Intendanten ebenso. Wie wäre es, wenn alle Journalisten, die über die angeblich zu üppige Besoldung und Versorgung der Politiker klagen, ihr eigenes Gehalt ebenfalls veröffentlichten? Und die Bezüge ihrer Chefs gleich mit! Unter diesen Bedingungen bliebe mancher ganz scharfe Kommentar ungeschrieben und ungesendet.

Wer Neidgefühle gegenüber „den“ Politikern schüren will, der beschäftigt sich auch gerne mit den Freiflügen der Abgeordneten in der Business Class und der für sie unentgeltlichen Bahncard 1. Klasse. Und wen treffen die Politiker bei ihren „Luxusreisen“ auf den Nachbarsitzen? Jede Menge Chefredakteure, Intendanten und „Edelfedern“. Ja, es trifft zweifellos zu, dass Mandatsträgern viele Vergünstigungen zustehen, von der steuerfreien Aufwandsentschädigung bis zu den Limousinen der Bundestags-Fahrbereitschaft in Berlin. Wenn Journalisten das jedoch kritisieren, weiß man nie so recht, ob echte Empörung oder schlichter Neid das ausschlaggebende Motiv sind. Als in den Neunzigerjahren die steuerfreie Aufwandspauschale für Bonner Berichterstatter in Höhe von 10.760 Mark abgeschafft wurde, war der Aufschrei der Betroffenen jedenfalls unüberhörbar.

Journalisten genetisch vor Interessenkonflikten gefeit?

Apropos Privilegien: Zahllose Unternehmen – Automobilbauer, Reiseveranstalter, Staubsaugerfabrikanten, Versandhändler und Möbelfabrikanten – bieten Journalisten attraktive Rabatte von zehn bis 25 Prozent an; die Vorlage des Presseausweises genügt. Und diese Vergünstigungen werden genutzt: Nach Angaben der einschlägigen Plattform „pressekonditionen.de“ verzeichnete die Fluggesellschaft Condor im Jahr 2013 rund 40.000 Klicks. Dahinter folgten BMW mit rund 25.000 Klicks und mit knappem Abstand TUI Deutschland. Früher war Air Berlin der „Marktführer“ bei den journalistischen Schnäppchenjägern. Doch die Fluggesellschaft hatte im Gefolge der Wulff-Affäre die Journalistenrabatte abgeschafft, ebenso wie die Deutsche Bahn AG.

Ein ebenfalls beliebter Kritikpunkt sind die Nebentätigkeiten der Politiker. Da ruft der mediale Chor geschlossen nach „mehr Transparenz“. Aus gutem Grund: Die Öffentlichkeit sollte schon wissen, welchen Jobs ein Abgeordneter parallel zum Mandat nachgeht und von welcher Interessengruppe er ein Gehalt oder ein Honorar bezieht. So weit, so gut. Wie aber sieht es mit der „Nebentätigkeitstransparenz“ im Journalismus aus? Wenn alle Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunksender regelmäßig veröffentlichten, welche Redakteure, Autoren und Moderatoren bei welchen Firmen und Verbänden gegen Honorar Vorträge hielten, Veranstaltungen moderierten oder Texte ablieferten, würde die Öffentlichkeit sich verwundert die Augen reiben – und die Politiker schadenfroh die Hände. Aber offenbar sind Journalisten genetisch vor Interessenkonflikten gefeit.

Curt Goetz hatte schon recht: „Die meisten Menschen haben zwei Arten von Moral – eine für sich, und eine für andere.“ Bleibt noch hinzuzufügen: Wir Journalisten sind auch nur Menschen.

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