Das bisschen Steuerhinterziehung

Hugo Müller-Vogg5.05.2014Innenpolitik

Viele Menschen haben Uli Hoeneß bereits vergeben. Kein Wunder, dass sie sich so auf seine Rückkehr freuen.

„Das war’s noch nicht.“ Die letzten Worte des Steuerhinterziehers Uli Hoeneß vor der Mitgliederversammlung des FC Bayern München klangen in den Ohren seiner Fans wie eine Verheißung. „Super Uli“ geht mal kurz ins Gefängnis, kommt bald zurück und weiter geht’s wie bisher. Kein Abpfiff, nur das Signal zur Pause.

Was Hoeneß sagte, übersetzte Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge so: „Er ist vor Kurzem als Präsident zurückgetreten. Da braucht man kein großer Prophet zu sein, dass er dann auch als Präsident zurückkehren wird.“ In anderen Bundesligavereinen freut man sich ebenfalls schon auf die Rückkehr von Hoeneß, obwohl der noch gar nicht richtig weg ist. „Ich würde mich freuen, wenn Uli weiter fester Bestandteil der Fußballfamilie wäre“, sagte der Vorstandsvorsitzende von Eintracht Frankfurt, Heribert Bruchhagen. Ebenso würde sich Schalkes Sportchef Horst Heldt über Hoeneß’ Rückkehr „sehr freuen“.

Das alles kann man als Kameraderie unter Sportmanagern auslegen. Ganz nach dem Motto: „Unser Freund Uli hat einen Fehler gemacht. Hat aber eine zweite Chance verdient. Wer macht denn keine Fehler?“ So viel Menschlichkeit hätte man im knallharten Bundesliga-Business eigentlich gar nicht erwartet. Aber offenbar geht es hier nicht nur um Sympathie für den erfolgreichsten aller Fußballmanager, um moralischen Beistand für einen tief Gefallenen. Die Reaktion der Bayern-Mitglieder wie der Bayern-Konkurrenten offenbart eine ganz andere Einstellung: Das bisschen Steuerhinterziehung juckt uns doch nicht.

Tatsache ist: Hoeneß hat 28,5 Millionen Euro hinterzogen – mindestens. Aus nicht erklärlichen Gründen hat das Münchner Gericht so genau nicht nachgeforscht. Wie viel der Wundermann von der Säbener Straße vor Einsetzen der Verjährungsfrist tatsächlich dem Fiskus vorenthalten hat, werden wir – wie bei Alice Schwarzer – wohl nie erfahren. So weit, so schlecht.

Bürgerliche Doppelmoral

Stellen wir uns einmal vor, derselbe Uli Hoeneß hätte seinen FC Bayern München um 28,5 Millionen Euro geprellt – durch Unterschlagung oder durch Nebengeschäfte beim Kauf und Verkauf von Spielern. Dann würde wohl selbst bei den Hardcore-Hoeneß-Fans innerhalb und außerhalb Münchens jedes Verständnis fehlen. Dann würde das Fußballvolk nach einer ganz harten Strafe rufen – viel härter, als jene dreieinhalb Jahre, von denen Hoeneß als Freigänger ohnehin nur einen kleinen Teil in der Zelle absitzen dürfte.

Hoeneß hat aber nicht die Bayern München AG betrogen, sondern nach Ansicht seiner Fans „nur“ den Staat. Hier offenbart sich eine bis weit in sogenannte gutbürgerliche Kreise noch immer verbreitete Doppelmoral: Weil der Fiskus uns ohnehin so stark schröpft, ist Schummeln erlaubt, ja geradezu ein Bürgerrecht. Man darf sich nur nicht erwischen lassen.

Was offenbar in viele Köpfe nicht hinein will: Wer Steuern hinterzieht, bestraft nicht den Staat; er bestraft alle ehrlichen Steuerzahler. Denn eines ist klar: Wenn gegenüber dem Finanzamt alle ehrlich wären, könnte der Staat die Steuern senken.

Verständnis vor Recht

Steuerhinterzieher verhalten sich deshalb asozial, sie betrügen die Allgemeinheit. Diese „asozialen Reichen“ verhalten sich deshalb nicht anders als ein Buchhalter, der Geld seines Arbeitgebers auf sein eigenes Konto umleitet, oder ein Bankmanager, der sich am Geld seiner Kunden bereichert. Kriminell ist kriminell.

Die Milde, die Hoeneß in der Fußballbranche umweht, ist mehr als bedenklich. Völlig unerträglich wird es, wenn ein Politiker wie der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) in der Mitgliederversammlung der Bayern demonstrativ neben dem Steuerhinterzieher Platz nimmt und allen signalisiert: Mein Freund Uli ist ja im Grunde ein ganz toller Kerl. Es ist derselbe Stoiber, der auch volles Verständnis dafür hatte, dass Hoeneß bis zu seiner Verurteilung in allen Ämtern bleiben konnte, obwohl an seiner Schuld aufgrund seiner Selbstanzeige gar kein Zweifel bestand.

Ob jeder Bayern-Fan aus der Südkurve so ganz verstanden hat, was Hoeneß „verbrochen“ hat, darf bezweifelt werden. Auch bei seinem Freund Karl-Heinz Rummenigge, einem wegen Schmuggelns Vorbestraften, dürfte das Unrechtsbewusstsein nicht allzu ausgeprägt sein. Aber ein aus gutem Grund immer auf „Recht und Gesetz“ pochender CSU-Politiker sollte eigentlich die Dimension des Tatbestands Steuerhinterziehung beurteilen können – und die entsprechenden Konsequenzen ziehen.

Der Fall Hoeneß ist in doppelter Hinsicht ein Lehrbeispiel: Was Geldgier aus einem Menschen machen kann. Und dass Steuerkriminalität hierzulande offenbar noch immer als „lässliche Sünde“ angesehen wird. Da regiert Verständnis vor Recht – und das nicht nur in der Südkurve.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Der Erfolg der AfD liegt in der Austauschbarkeit der Altparteien

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wurde in Thüringen gewählt. Zum dritten Mal in diesem Jahr kann die AFD zum Entsetzen von Medien und Politik einen Wahlerfolg in „Dunkeldeutschland“ (Gauck) feiern. Die linke Mehrheit ist gebrochen, die SPD liegt bei 8,2 %, die AfD macht als zweite Kraf

Nächstenliebe geht anders!

Nächstenliebe geht anders! Alle EU-Abgeordneten von CDU/CSU haben gegen eine Resolution zur Beendigung des Sterbens im Mittelmeer gestimmt. Mit Rechtspopulisten und -extremen haben sie diesen Aufruf zur Menschenrettung mit einer neuen europäischen Seenotrettung und für die Entkriminalisierung der

Der Seelendoktor und ambivalente politische Revoluzzer

Theodor Fontane (* 30. Dezember 1819 in Neuruppin; † 20. September 1898 in Berlin) war einer der großen deutschen Landschaftspoeten. Er ist aber auch der Anwalt der Frauen gewesen, die Emanzipation verdankt dem Neuruppiner Apotheker viel. Aber wie dachte er politisch und was ist von seiner Ambiva

Die schleichende Rückkehr des Unrechtsstaats

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat eine Hotline zum anonymen Melden rechtsextremer Umtriebe eingerichtet. Unterdessen suggeriert der Stadtrat von Dresden in einer Erklärung unter der Überschrift „Nazinotstand?“, die sächsische Landeshauptstadt versinke im rechtsextremen Chaos. Die obses

Triumph für Matteo Salvini

Eben noch ging ein Seufzer der Erleichterung durch Europa: Der italienische Patient war endlich auf dem Weg der Besserung. Lega-Chef und Innenminister Salvini manövrierte sich mit seinem gescheiterten Neuwahl-Coup ins Aus. Und das Regierungsbündnis aus 5-Sterne-Bewegung und linker Demokratischer P

Auf welchen Politikertypus stehen die Deutschen?

Auf welchen Politikertypus stehen die Deutschen? Kuschelbär (Robert Habeck) oder John Wayne (Friedrich Merz)? Ich vermute Kuschelbär.

Mobile Sliding Menu