Ostermärsche in Zeiten der Krimkrise | The European

Stell Dir vor, es ist Ostermarsch …

Hugo Müller-Vogg22.04.2014Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

… und kaum einer geht hin. Die mediale Aufwertung der Narrenzüge ist nicht mehr zu rechtfertigen.

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Sean Gallup/Getty Images

Ein der deutschen Sprache mächtiger, über deutsche Politik aber nicht informierter Deutschlandbesucher hätte über die Ostertage den folgenden Eindruck gewonnen: Die Deutschen gehen an diesen Tagen nicht in erster Linie auf Eiersuche oder in die Kirche. Nein, sie marschieren – und zwar für den Frieden.

Seit Karfreitag sendeten die Hörfunksender fast stündlich die entsprechenden Marschtöne, auch die Fernseh-Regionalprogramme der öffentlich-rechtlichen Sender waren in Marschlaune. Und am Ostermontag reihten sich Das Erste und das ZDF freudig ein: Marschieren für den Frieden.

Die Masche zieht nicht mehr

In der Tat: Die von „Friedensaktivisten“, linken Gewerkschaften, linken Pastoren und Politikern aus dem rot-rot-grünen Spektrum dominierten Ostermärsche haben eine lange Tradition. In den 1960er-Jahren gingen zwischen Karfreitag und Ostermontag bis zu einer Million Menschen gegen Bundeswehr, NATO, Atomwaffen und die USA auf die Straßen.

In den 1980er-Jahren gab es eindrucksvolle Massenproteste gegen die NATO-Nachrüstung. Eine Konstante gab es immer: Die Bösen saßen immer im Westen, Kritik an Moskau gab es nie. Was einen einfachen Grund hatte: Ohne Geld aus Ost-Berlin hätte die westdeutsche „Friedensbewegung“, deren Ziel eine militärisch wehrlose Bundesrepublik war, die Massen nicht mobilisieren können.

Inzwischen treibt der Wunsch nach dem Austritt aus der NATO, der Umwandlung der Bundeswehr in eine Art Technisches Hilfswerk und das Verbot von Rüstungsexporten nicht mehr Massen auf die Straßen. Dieser „Osterbrauch“ ist längst aus der Mode gekommen. 80 Veranstaltungen an vier Tagen mit „Tausenden“ von Teilnehmern ist alles in allem eine klägliche Bilanz.

Die „Großkundgebung“ am Montag in Frankfurt am Main mit nach Angaben der Veranstalter 2.500 Teilnehmern war da schon die größte. In Dortmund kamen nur 700, in Frankfurt an der Oder ganze 100. Die Zahl der Christen, die an den Osterfeiertagen Gottesdienste besuchten, war an jedem Kundgebungsort deutlicher höher – auch ohne große mediale Begleitung. Dass der Ostermarsch nur noch eine Folklore-Veranstaltung linker Nostalgiker ist, hindert Hörfunk und Fernsehen freilich nicht daran, so zu tun, als wäre ein Ostern ohne Marschierer kein richtiger Feiertag.

Nützliche Idioten

Am Ostermontag war aus der Sicht des ZDF der vierte Marsch-Tag in seiner „heute“-Sendung um 19 Uhr die zweitwichtigste Nachricht – nach Ukraine und noch vor den Mautplänen des Kieler Ministerpräsidenten Torsten Albig. Der ARD war die Abschlusskundgebung in Frankfurt ebenfalls einige „Tagesschau“-Minuten wert, wenn auch erst gegen Ende der Viertelstunde. Was dabei noch auffiel: In beiden Sendern war die Kameraführung so wohlwollend, dass dem Zuschauer nicht auffiel, wie leer der Platz war.

Für die unverdrossenen Marschierer setzten zwei historische Daten – vor 100 Jahren begann der Erste und vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg – den Rahmen. Die Ukraine-Krise verlieh dem Ruf nach Frieden eine besondere Aktualität. Wobei die „Friedensbewegung“ in die Rolle der treuen Propagandisten Putins schlüpfte. Diese Putin-Versteher – Linken-Politiker, Gewerkschafter und evangelische Pfarrer – predigten auf den Marktplätzen, das „Misstrauen“ der Bundesregierung gegenüber dem neuen Kreml-Zaren sei viel verdammenswürdiger als Putins aggressive Annexion der Krim und sein Griff nach der Ostukraine. Damit entlarvten sie sich als das, was sie sind: Putins nützliche Idioten.

Wir leben in einem freien Land, und hier darf man für und gegen alles demonstrieren – auch für Putins neuen Imperialismus. Man darf auch die Maidan-Demonstranten pauschal unter Rechtsextremismus-Verdacht stellen. Man darf als Veranstalter auch darauf bauen, dass an den gewöhnlich eher nachrichtenarmen Ostertagen den Nachrichtenagenturen und Rundfunksendern jede Mini-Demonstration willkommen ist. Gleichwohl: Dies alles rechtfertigt nicht die mediale Aufwertung dieser österlichen Narrenzüge zum nationalen Großereignis.

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