Vorbild fällt

Hugo Müller-Vogg13.03.2014Gesellschaft & Kultur

Uli Hoeneß muss gewusst haben, dass diese Geschichte für ihn nicht gut ausgehen wird. Und doch könnte sein Sturz etwas Gutes bewirken.

Wenn eine Mannschaft in der 80. Minute 1:4 zurückliegt, dann nutzt die beste Schlussoffensive nichts mehr. Die zurückliegende Elf wird auch nur noch so tun, als kämpfe sie unverdrossen weiter. Nicht anders erging es den Verteidigern von Uli Hoeneß beim Schlussplädoyer: Es fehlten ihnen einfach überzeugende Argumente, um auf die strafbefreiende Wirksamkeit der Selbstanzeige zu pochen. Sie ahnten wohl, dass das Gericht gar keine andere Wahl hatte, als eine Haftstrafe zu verhängen – und zwar ohne Bewährung.

Uli Hoeneß, von Karl-Heinz Rummennige einst als „Vater Teresa vom Tegernsee“ und „Nelson Mandela von der Säbener Straße“ heiliggesprochen, muss also wohl hinter Gitter. Das ändert nicht das Geringste an seiner Lebensleistung als Fußball-Manager. Er hat nicht nur Bayern München zu einem der erfolgreichsten Fußballvereine gemacht. Er hat darüber hinaus Maßstäbe für die ganze Branche gesetzt.

Ein Segen für die Steuermoral

Noch eines muss man ihm lassen: Hoeneß hat erst gar nicht versucht, sich als spielsüchtigen Zocker darzustellen, als einen psychisch Schwerkranken, der nicht mehr Herr seiner Sinne und Taten war. Es hätte allerdings auch nicht zu dem von ihm selbst gepflegten Image des kühl agierenden Managers gepasst.

Endgültig verspielt hat Hoeneß seinen Ruf als vorbildlicher Staatsbürger, anständiger Steuerzahler und großzügiger Wohltäter. Wer den Staat – und damit seine Freunde, Nachbarn und Mitbürger – um 27 Millionen Euro betrügt, der sollte erst gar nicht versuchen, seine Spenden in Höhe von fünf Millionen Euro gegenzurechnen. Steuerkriminalität und Gutmenschentum mögen aus der Sicht des Verurteilten zwei Seiten einer Medaille sein, in Wirklichkeit schließen sie sich aus.

Für den Menschen Hoeneß, seine Familie und seine Freunde ist das Urteil eine Katastrophe. Der Erfolgsmensch, der einstige Superstar, hat mehr oder weniger alles verloren: Seinen Ruf, seine Ämter und wohl auch den größten Teil seines Vermögens. Für die Steuermoral der Deutschen könnte es ein Segen sein. Zum ersten Mal muss ein prominenter Steuerhinterzieher ins Gefängnis und kommt nicht wie Ex-Tennisstar Boris Becker oder Ex-Postchef Klaus Zumwinkel mit einer Bewährungsstrafe davon. Das wird heute Nacht viele Menschen aus den so genannten besseren Kreisen unruhig schlafen lassen. Die Steueranwälte dürften in den nächsten Tagen Überstunden einlegen, weil viele Steuerkriminelle versuchen werden, sich mit Hilfe ordnungsgemäßer Selbstanzeigen jetzt ganz schnell „ehrlich zu machen“. Wenn dieses Urteil einen Effekt hat, dann den der Abschreckung.

Steuerhinterziehung ist Diebstahl

Das Urteil ist noch nichts rechtskräftig, eine von den Hoeneß-Verteidigern angekündigte Revision dürfte sich hinziehen. Gleichwohl kann es sich Bayern München nicht länger erlauben, einen Steuerhinterzieher als Präsidenten zu haben. Auch als Aufsichtsratsvorsitzender ist er nicht mehr haltbar. Wie wollen die Herren Spitzenmanager in ihren eigenen Unternehmen eigentlich noch auf Anstand pochen, wenn sie beim FC Bayern frohgemut mit einem Steuerhinterzieher zusammenarbeiten? Und wie lange noch will Edmund Stoiber um Verständnis für seinen Freund Uli werben?

Der „Fall Uli Hoeneß“ ist ein Schlag für Millionen Menschen, die in dem Fußball-Manager ein Vorbild sahen. Gleichwohl könnte Hoeneß durch seinen Sturz vom Denkmal für diese Gesellschaft noch etwas Gutes bewirken: eine schärferes Bewusstsein dafür, dass Steuerhinterziehung keine Lappalie, sondern Diebstahl an den ehrlichen Steuerbürgern ist.

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