Die Rache der Geschichte

Hugo Müller-Vogg6.03.2013Medien, Wirtschaft

Der Verkauf der „Frankfurter Rundschau” ist ein tragikomisches Stück. Nicht nur müssen es die verbleibenden Redakteure nun bei der „FAZ” schaffen. Nein, auch das Gelände, auf dem sie dies tun werden, ist ideologisch vermint.

Wie bringt man anderen Menschen Hiobsbotschaften bei? Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Die „Frankfurter Rundschau“ (FR) hat dies beherzigt, als sie ihren Lesern kürzlich das Unaussprechliche zu erklären suchte: die Rettung durch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), das Zentralorgan des Klassenfeindes. Feinfühlig, wie man bei der FR nun mal ist, wurde die „neue Frankfurter Rundschau GmbH“ den eigenen Leserinnen und Lesern so erklärt:

bq. Sie gehört zu 55 Prozent der Frankfurter Societät GmbH, zu 35 Prozent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung GmbH – die Karl-Gerold-Stiftung, gegründet vom früheren FR-Herausgeber, hält noch zehn Prozent.

Stimmt alles, es fehlt nur ein kleiner Hinweis: Die Societät gehört ebenso wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zur Fazit-Stiftung, in der wiederum die FAZ das Sagen hat. Im Klartext: Die FR gehört faktisch zu 90 Prozent der FAZ. Aber so genau soll es der „Rundschau“-Leser – rot-grün gesinnt, gewerkschaftsfreundlich und immer noch vom antikapitalistischen Geist von 1968 ff. beseelt – gar nicht wissen.

Ideologisch vermintes Gelände

Nun hat die Rettung der „Frankfurter Rundschau“ durch die FAZ-Gruppe tragische Züge, aber auch komische. Es ist schon tragisch, dass eine Redaktion jahrelang gekämpft und erhebliche finanzielle Zugeständnisse gemacht hat und die Selbstständigkeit des eigenen Blatts dennoch nicht retten konnte. Immerhin bleiben – der FAZ sei dank – 28 Redakteursstellen erhalten. Dazu kommen noch einmal 28 Journalisten, die wie schon bisher von einem Dienstleister an die FR ausgeliehen werden – zu Gehältern, die unter dem Journalisten-Tarif liegen. Im Wirtschaftsteil der FR wurde so etwas früher als die hässliche Seite des Kapitalismus gebrandmarkt: „Leiharbeit“.

Die Redaktion der „neuen Frankfurter Rundschau“ wird ihren Sitz im selben Gebäudekomplex haben wie die FAZ. Und da wird’s komisch. Denn hier handelt es sich sozusagen um historisches Gelände – und um ideologisch vermintes obendrein. Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre war dieser Block im ehemals industriell geprägten, heute multikulturellen Gallusviertel häufig ein Schlachtfeld, auf dem die Polizei als Frieden schaffende Eingreiftruppe gut zu tun hatte. Denn in der damals noch dort beheimateten Societäts-Druckerei wurde neben der FAZ und der zur Societät gehörenden „Frankfurter Neue Presse“ auch eine Teilauflage von „Bild“ gedruckt. Deshalb zogen außerparlamentarische Oppositionelle, darunter viele Rundschau-Leser und manch späterer Rundschau-Redakteur, häufig zum FAZ-Gelände, blockierten die Ausfahrt und riefen: „Enteignet Springer!“ Eine Bundesrepublik ohne Springer-Presse, das wäre aus APO-Sicht schon das halbe Paradies gewesen.

Springer wurde bekanntlich nicht enteignet. Was der „Frankfurter Rundschau“ zugute kam. Denn Springer ließ später bei der Rundschau drucken, für gutes Geld versteht sich. Während fortschrittlichen Menschen „Bild macht dumm“-Buttons an den selbst gestrickten Pullover steckten, machte „Bild“ in Wirklichkeit reich – jedenfalls die FR. So half der kapitalistische Springer-Verlag der „Frankfurter Rundschau“ beim permanenten Überlebenskampf.

Am Tropf der alten Tante

Man kann es auch schärfer formulieren: Ohne „Knete“ von Springer hätten die Rundschau-Redakteure schon vor vielen Jahren ihre Familien nicht mehr ernähren können. Was diese – im stillen Kämmerlein – sicher als besondere List der Geschichte gerechtfertigt haben. Hatte nicht schon Lenin vorhergesagt, der Kapitalist werde selbst den Strick verkaufen, mit dem er eines Tages aufgeknüpft werde?

Nun ja, aufgehängt wurde in Frankfurt niemand. Dafür hängt die „neue Frankfurter Rundschau“ jetzt am Tropf der guten alten Tante FAZ. Die Rache der Geschichte an jungen Revolutionären besteht eben nicht nur darin, später im Frack und mit Orden zum Opernball gehen zu müssen, wie der österreichische Real-Sozialist Bruno Kreisky zu spotten pflegte. Manchmal fällt die Rache der Geschichte noch grausamer aus.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Der Ausschluss von Stephan Brandner ist ein klares Signal gegen Hetze und Hass

Stephan Brandner von der AfD hat Menschen ausgegrenzt und Hass geschürt. Nun muss er seinen Posten aufgeben - die Abgeordneten des Rechtsausschusses haben ihren Vorsitzenden abgewählt. Einen vergleichbaren Fall hatte es bislang in der Geschichte des Bundestages noch nicht gegeben.

Der Erfolg der AfD liegt in der Austauschbarkeit der Altparteien

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wurde in Thüringen gewählt. Zum dritten Mal in diesem Jahr kann die AFD zum Entsetzen von Medien und Politik einen Wahlerfolg in „Dunkeldeutschland“ (Gauck) feiern. Die linke Mehrheit ist gebrochen, die SPD liegt bei 8,2 %, die AfD macht als zweite Kraf

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie und soll also am liebsten aus den Medien verbannt werden. Zu groß scheint die Angst, als Gaukler entlarvt zu werden.

Wir müssen wieder miteinander streiten lernen

Es hat lange gedauert, aber nun haben auch die liberalen Blätter endlich erkannt, dass etwas schief gelaufen ist mit dem „Haltung zeigen“. Als ich es wagte, ein Buch mit dem Titel „Wir können nicht allen helfen“ zu veröffentlichen, begrüßte mich die Kreuzberger Grünen-Abgeordnete auf d

Wir müssen den Rechtsstaat vor seiner Opferung auf dem Altar der Hypermoral bewahren

Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht, ist mein Lieblingsbonmot des polnischen Satirikers Stanisław Jerzy Lec, das ein Dilemma auf den Punkt bringt. Geschichte wird immer wieder umgeschrieben, so wie es den jeweiligen Inhabern der Deutungshoheit gefällt. Wir erleben gerade in diesen Tagen wie

Nächstenliebe geht anders!

Nächstenliebe geht anders! Alle EU-Abgeordneten von CDU/CSU haben gegen eine Resolution zur Beendigung des Sterbens im Mittelmeer gestimmt. Mit Rechtspopulisten und -extremen haben sie diesen Aufruf zur Menschenrettung mit einer neuen europäischen Seenotrettung und für die Entkriminalisierung der

Mobile Sliding Menu