Der deutsche Akademisierungswahn | The European

Bildungs-Republik Deutschland

Hugo Müller-Vogg26.05.2015Gesellschaft & Kultur

Unser Akademisierungswahn widerspricht dem Bedarf am Arbeitsmarkt. Wir haben weitaus mehr Studierende als Arbeitsplätze, die zwingend von Akademikern besetzt werden müssen.

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o-zero / photocase.de

Man kann es nicht mehr hören, und doch ist es richtig: Als Land ohne Rohstoffe ist Deutschland auf beruflich und akademisch qualifizierte Menschen angewiesen. Unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit hängt deshalb in hohem Maße von Bildung, Wissenschaft und Forschung ab. Angela Merkel hat konsequenterweise bereits 2008 BRD neu buchstabiert: Bildungs-Republik Deutschland.

Damals nahmen 40 Prozent eines Abiturjahrgangs ein Studium auf, heute sind es 57 Prozent. Diese Erfolgsmeldung verdeckt weniger erfreuliche Zahlen. Der Anteil der Studienabbrecher ist mit rund 30 Prozent nach wie vor viel zu hoch. Auch andere Zahlen sind ernüchternd: sechs Prozent verlassen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss, 13 Prozent junger Erwachsener schaffen keinen Berufsabschluss. Obendrein sind 7,5 Millionen der erwerbsfähigen Deutschen funktionelle Analphabeten. Diese können zwar einzelne Worte und Sätze lesen und schreiben, aber selbst einfache Texte nicht verstehen – und das im Land „der Dichter und Denker“.

Der Bund pumpt Milliarden in die Hochschulen. Die Länder geben viel Geld für die Schulen aus, zum Teil sinnvoll, zum Teil sinnlos. Die meisten Bildungspolitiker verstehen sich als Bildungsreformer. Mehr oder weniger überall gleicht die Schullandschaft einer Dauerbaustelle. So heftig der Streit über das „richtige“ Schulsystem tobt, an die eigentlich zentrale Frage wagt sich die Politik nicht heran: Wie viele Akademiker braucht dieses Land wirklich?

Hochschulen sind zu Massenuniversitäten geworden

Tatsächlich sind wir längst einem Akademisierungswahn erlegen. Wenn erfahrene Hebammen nach 20-jähriger Berufstätigkeit sich in den Hörsaal setzen, um ihren Bachelor-Abschluss zu machen, sei ihnen dieses Erfolgserlebnis gegönnt, ebenso den Absolventen von Bachelor-Studiengängen in 92 weiteren Pflegeberufen. Ob eine solche Steigerung der Akademikerquote die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands erhöht, darf bezweifelt werden.

Weil heute 57 Prozent der Abiturienten ein Studium aufnehmen und damit mehr als doppelt so viele wie vor 20 Jahren, sind die Hochschulen zu Massenuniversitäten geworden. Das kommt – von den Exzellenz-Initiativen abgesehen – der Qualität nicht unbedingt zugute. 30 Prozent Studienabbrecher sind eindeutig zu viele. Schlimmer noch: Die Abbrecherquoten in den besonders wichtigen MINT-Studiengängen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) sind noch höher. Das ist eben die Kehrseite des mehr oder weniger ungeregelten Ansturms auf die Hochschulen: Sie produzieren eine erhebliche Zahl an Bildungsverlierern und Gescheiterten.

Soll die „Bildungsrepublik“ der Zukunft so aussehen?

Welche Perspektive haben junge Menschen, die es an der Universität nicht schaffen? Bildungsministerin Johanna Wanka schwebt vor, Studienabbrecher sollten ihre zweite Chance im Handwerk suchen. Ihre Ausbildung solle verkürzt, die bereits erbrachten Studienleistungen auf die Ausbildungszeit angerechnet werden. Müsste angesichts der hohen Abbrecherquoten nicht die viel drängendere Frage gestellt werden: ob nicht zu viele junge Menschen ein Studium beginnen, die eigentlich gar nicht an die Universität gehören?

Die Überakademisierung zeitigt noch andere Folgen. Vor zehn Jahren entschieden sich von den Schulabgängern weit über die Hälfte für eine Berufsausbildung. Im Jahr 2013 war die Zahl der Studienanfänger mit 510.000 erstmals höher als die der Auszubildenden. Das wird wohl auch so bleiben. Soll die „Bildungsrepublik“ der Zukunft so aussehen, dass der Wirtschaft der Nachwuchs für „normale“ Tätigkeiten ausgeht? Oder wäre es wirklich ein Fortschritt, wenn der Anteil der Akademiker unter den Handwerkern und Kellnern (pardon: Service-Fachkräften) steigt?

Zur Realität in unserer „Bildungsrepublik“ zählt nun einmal, dass eine akademische Ausbildung in den Köpfen vieler junger Leute und Eltern einen viel höheren Stellenwert hat als eine solide duale Ausbildung für einen nicht-akademischen Beruf.

Zu viele Studierende

Seriösen Prognosen zufolge droht bis zum Jahr 2030 in Deutschland eine Lücke von mehr als vier Millionen nicht-akademischen Fachkräften. Dieser absehbare Mangel lässt sich weder mit mehr Studienabbrechern beheben noch mit mehr erfolgreichen Absolventen von Bachelor- und Masterstudiengängen. Das können nur gut ausgebildete junge Leute aus kaufmännischen, technischen und Handwerksberufen.

Irgendwie scheint noch immer die inzwischen mehr als 50 Jahre alte These von der drohenden Bildungskatastrophe die Bildungs- und Ausbildungsdiskussion zu beherrschen. Damals wurde befürchtet, die Bundesrepublik „produziere“ zu wenige Akademiker. Die aktuelle übersteigerte Akademisierung geht jedoch am tatsächlichen Bedarf des Arbeitsmarkts vorbei. Wir haben weitaus mehr Studierende als Arbeitsplätze, die zwingend von Akademikern besetzt werden müssen.

Auch wenn wir Deutsche uns gerne für das Maß aller Dinge halten, könnte ein Blick über den Zaun nicht schaden. Die hohe Arbeitslosigkeit unter jungen spanischen Akademikern ist eben nicht nur eine Folge der dortigen Wirtschaftskrise. In Spanien zeigt sich, dass eine Überakademisierung niemandem hilft – weder den jungen arbeitslosen Akademikern noch den unter ihrer Qualifikation beschäftigten Hochschulabsolventen oder gar der Volkswirtschaft insgesamt.

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