Die Politisierung des Web 2.0

von Chris Hughes8.10.2009Innenpolitik, Medien

Spätestens seit Obamas Wahlkampf ist vielen Politstrategen das Potenzial von sozialen Netzwerken bewusst. Sie eröffnen breite Kanäle für die (Selbst-)Organisation von Menschen hinter bestimmten Kandidaten oder Initiativen. Doch wird die Politik dadurch auch zu mehr Verantwortung gezogen.

Als wir Facebook ins Leben gerufen haben, ging es vor allem darum, eine Plattform zu schaffen. Wir wollten den Nutzern die Möglichkeit geben, Informationen mit Freunden, Kollegen und Bekannten auszutauschen. Dieses Ziel ist und bleibt ein zentraler Aspekt von Facebook. Auf der anderen Seite sind unsere technologischen Möglichkeiten in den vergangenen Jahren drastisch gewachsen. Nutzer können ihre politische Meinung kundtun, Kampagnen organisieren oder sich hinter bestimmte Kandidaten oder Initiativen stellen.

Werbetrommel Internet

Die Politik ist so zum wichtigen Bestandteil sozialer Netzwerke geworden. 2007 standen die Vorwahlen für die US-Präsidentschaft an – die ersten Wahlen im Web 2.0. Ich habe mich dann entschlossen, Facebook zu verlassen, und bin ins Wahlkampfteam von Barack Obama gewechselt, um dort die Organisation der Webseite MyBarackObama.com zu übernehmen. Ich war überzeugt, dass Obama der richtige Politiker für unser Land ist. Aber diese Überzeugung ging Hand in Hand mit einer Wahlkampfphilosophie, die technologischen Fortschritt als eine politische Chance wahrgenommen hat. Obamas Team hat als erstes verstanden, dass man soziale Netzwerke nicht nur zur Informationsverbreitung benutzen kann, sondern Menschen auch gezielt organisieren kann. Freiwillige Helfer haben schon immer eine bedeutende Rolle in der US-Politik gespielt: Sie klopfen an die Türen der Nachbarn, rufen Wechselwähler an und sammeln Spenden. Das Internet hat diesen Teil des Wahlkampfs jetzt deutlich vereinfacht. Da liegt das politische Potenzial von Onlinenetzwerken. Bis zum Wahlabend haben sich über zwei Millionen Menschen als freiwillige Wahlkampfhelfer bei uns registriert. Der Erfolg dieses Ansatzes war dabei am Anfang keineswegs eindeutig. Doch wir hatten ein klares Ziel: Wir wollten den Menschen eine Möglichkeit zur Selbstorganisation geben. Wir sahen den Wahlkampf als eine Möglichkeit, unsere Werte mit neuen Technologien zu verbinden und die Organisation von Freiwilligen sehr viel effizienter zu gestalten. Das war im Endeffekt ein wichtiger Bestandteil des Wahlerfolges. Interessanterweise haben sich auch nicht nur junge Menschen angesprochen gefühlt. Viele der engagiertesten Freiwilligen auf MyBarackObama waren zwischen vierzig und fünfzig.

Obamas Wahlsieg als Präzedenzfall

Durch den Wahlsieg haben wir natürlich auch Präzedenzen geschaffen. Ich halte es aber für problematisch, verschiedene Wahlen direkt zu vergleichen. Sie finden in unterschiedlichen Ländern unter anderen Vorzeichen statt, mit anderen Kandidaten und Streitpunkten. Das sage ich immer, wenn jemand den Erfolg des Wahlkampfes von Obama replizieren möchte. Aber es stimmt, dass Politiker auf der ganzen Welt das Potenzial von Facebook erkennen: Es bietet ihnen die Möglichkeit, mit den Wählern in einen Dialog zu treten. Findet dadurch auch eine Politisierung der Gesellschaft statt? Das ist eine schwierige Frage. Zumindest in einem Punkt bin ich mir sicher: Soziale Netzwerke geben den Menschen die Möglichkeit, mit anderen in Verbindung zu treten. Das kann dann durchaus zur Folge haben, dass wir viele Dinge bewusster wahrnehmen und uns politisch engagieren. Vor allem aber verbreiten sich Debatten jetzt viel weiter und schneller. In diesem Sinne kann das Internet auch eine Kontrollfunktion haben und die Politik in die Verantwortung nehmen. Das ist aber keine grundsätzlich neue Entwicklung: Soziale Netzwerke verstärken nur die existierenden politischen Diskussionen.

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