Einen gerechten Krieg gibt es nicht. Robert Sedlatzek-Müller

Vier Thesen zur Bildung der Zukunft

Stellen wir uns einmal vor, es gäbe kein Bildungssystem, so wie wir es kennen. Die Gesellschaft, die Politik, hätte nun die Aufgabe, ein Konzept zu entwickeln, wie Bildung aussehen müsste. Würden wir das System so gestalten, wie wir es heute haben? Höchstwahrscheinlich nicht, schreibt Hubertus Porschen.

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Unser Bildungssystem entspringt einer anderen Zeit mit grundlegend anderen Anforderungen. Es reicht heute nicht mehr, zuzuhören und (Fach-)Wissen aufzunehmen. Einer steht vorn und erzählt den anderen, wie es geht: Goethe, Schiller, Geschichte, etwas Mathematik. Erst in der Schule und später in Studium und Ausbildung genauso. Und dann geht’s ins Berufsleben. Dann wird gearbeitet. Schluss mit Lernen. Ein Beruf bis zur Rente. Ein und dieselbe Tätigkeit.

Die Welt ändert sich rapide

Bevor wir genauer betrachten, wie Bildung in Zukunft aussehen könnte, beschreibe ich einmal einige wichtige Veränderungen für Unternehmen, für Menschen und im Umgang mit Daten.

- Die Welt wird immer digitalisierter und dematerialisierter. Plattformen dominieren unsere Ökonomie. Der Wert der Plattformen speist sich durch Daten. Unternehmen müssen in einer zukünftigen Welt immer mehr zu Datenunternehmen transformieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

- Ein Großteil der Menschen, die jetzt in unser Bildungssystem eintreten oder schon eingetreten sind, wird einmal in Jobs arbeiten, die es heute noch gar nicht gibt. Eine Studie von Microsoft beziffert die Quote gar auf 65 Prozent.

- Arbeit wird weniger. Schon seit vielen Jahrzehnten und Jahrhunderten verringert sich die Arbeitszeit der Menschen. Zwar sehen wir uns noch mit diversen Herausforderungen einer technologisierten Welt (wie zum Beispiel „Work-Life Balance“) konfrontiert, doch kristallisiert sich immer mehr heraus, dass wir in Zukunft nicht nur weniger, sondern auch wesentlich flexibler arbeiten werden („Pay per Use“).

- Informationen sind nahezu überall verfügbar. Sie vervielfachen und verbreiten sich durch die technologischen Möglichkeiten schneller als je zuvor. Sie sind fast gar nicht standortabhängig. Damit verbunden ist zudem die Möglichkeit der Skalierung von Lernprogrammen durch virtuelle Kurse auf Plattformen wie Udemy oder Youtube.

Aus diesen (und anderen) Veränderungen heraus ergeben sich weitreichende Folgen für die Bildungskonzepte. Ich habe vier Thesen dazu entwickelt, die als Antworten auf vier Fragen formuliert sind.

1. Lebenslanges Lernen ist überlebensnotwendig

Das ist die Antwort auf die Frage „Wann findet zukünftig Bildung und Lernen statt?“. Denn: Wir werden nicht nur den Arbeitgeber zukünftig immer häufiger wechseln, wir werden auch immer häufiger die Branche und damit verbunden die jeweiligen Tätigkeiten wechseln. Wer sich heute mit dem Advertising auf Facebook beschäftigt, muss sich nicht nur irgendwann auch mit Advertisingmaßnahmen für Snapchat auskennen, sondern unter Umständen irgendwann auch zum Engagementexperten transformieren, weil Advertising, so wie wir es kennen, eventuell in zehn Jahren obsolet sein wird.

So oder so: Wir müssen ständig lernen und unser Gehirn darauf einstellen, zu lernen. Wer sich dem verweigert, wird vermutlich von so etwas wie einem Grundeinkommen profitieren, darf sich dann aber nicht wundern, wenn er nicht von allen Bequemlichkeiten der „Produzenten“ profitiert.

2. Die Rolle des Lehrers ist verändert

Mit wem können wir zukünftig lernen? Die Frage nach dem Lehrenden wird in Zeiten der Digitalisierung immer spannender. Exponentielles Wachstum und immer kürzere Zyklen, in denen Veränderungen stattfinden, verlangen ein neues Rollenverständnis des Lehrenden. Ich möchte die Frage einmal mit vier Gedanken beantworten:

- Statisches Wissen oder reines Fachwissen können wir schon heute über Plattformen konsumieren. Dazu bedarf es keiner physischen Präsenz.

- Die Anwendung von Wissen ist das entscheidende Kriterium des „Lernens“. Der Lehrende muss die Rolle eines Aktivators erfüllen. Er ist der Coach. Jogi Löw schießt die Elfmeter auch nicht selber, sondern formt ein Team und verbessert die Fähigkeiten und Kompetenzen seiner Spieler.

- Aufgrund des stetigen Wandels ist es wenig sinnvoll, Lehrer auf traditionelle Weise auszubilden. Wir brauchen Praktiker, Experten aus dem Berufsleben, die ihr Wissen weitergeben möchten. Diese Menschen müssen entsprechend incentiviert und bezahlt werden. Der Staat muss sowohl für Unternehmen als auch für die interessierten Experten, die dort beschäftigt sind, Rahmenbedingungen bieten, die es ermöglichen, Unternehmen temporär zu verlassen und wieder einzutreten.

- Vermutlich wird sich Lernen zukünftig noch stärker auf die Unternehmen verlagern. Diese brauchen hier eine stärkere Unterstützung des Staates, um im internationalen Wettbewerb nicht noch mehr an Boden zu verlieren.

3. Lernen findet zukünftig überall statt

Wo findet Bildung in der Zukunft statt? Wir werden immer und überall lernen, auf dem Smartphone, im Unternehmen, in der Schule und in der Universität. Aber denken wir mal etwas weiter, wird uns schnell bewusst, dass wir zudem viel stärker mit Maschinen beziehungsweise künstlicher Intelligenz verschmelzen werden. Lernen könnte also auch im Schlaf stattfinden oder während einer Meditation.

4. Wir müssen vollkommen andere Kompetenzen ausbilden

Wie findet Bildung heute statt? Wir werden in Zukunft andere Kompetenzen benötigen als die, die unser bisheriger Fächerkanon hergibt. In diesem Zusammenhang möchte ich die folgenden besonders hervorheben:

- Unternehmerische Kompetenzen: Angesichts einer wachsenden Zahl von Einzelunternehmern oder Selbstständigen, die je nach Angebot und Nachfrage heute hier und morgen dort arbeiten, tun wir gut daran, Menschen die Basics des Unternehmertums mitzugeben.

Zum Beispiel die Fähigkeit, eine Vision zu entwickeln. Dafür bedarf es Kreativität – die Entwicklung einer kreativen Kompetenz findet in unserem Bildungssystem jedoch keine Berücksichtigung. Um uns von Maschinen und künstlicher Intelligenz abzugrenzen, ist das aber extrem wichtig.

Ein weiterer Bereich wird Arbeit sein, die sehr viel Empathie erfordert, worüber Maschinen in absehbarer Zeit sicher nicht verfügen werden. Außerdem müssen wir lernen, innovativ zu sein. Gute Beispiele für die deutsche (Wirtschafts-)Lehre sind „der Meffert“ oder „der Wöhe“, die zu den Standardwerken eines BWL-Studenten gehört. In den USA ist es häufig Clayton Christensen, den Studenten als Pflichtlektüre studieren!

- Digitale Kompetenzen: Informatik muss dringend Pflichtfach werden. Zwar muss nicht jeder programmieren können, aber ähnlich wie die englische Sprache vor 15 Jahren noch ein Muss für eine Managementkarriere war, so sind es heute Programmiersprachen, die ein Tor zu einer neuen Welt und Karrieremöglichkeit eröffnen. Es geht um ein grundlegendes technisches Verständnis und die Fähigkeit, intelligentere Computerprogramme zu erdenken inklusive der zugehörigen Hardware. Nicht iPad-Wischen, sondern iPad-Wissen.

- Sicherheit und Datenschutz: Jeder, der unser Bildungssystem durchläuft, muss die Grundlagen von Datenschutz und der gängigen Sicherheitsmechanismen lernen. Ob Nutzer oder Produzent, ist ganz egal. So wie ich früher mein Haus durch eine Alarmanlage oder ein Türschloss gesichert habe, muss ich heute mich und meine Daten mit einem Konzept schützen.

- Online-)Marketing: Die Grundlagen des Onlinemarketings müssen heute in unserem System vermittelt werden. Chancengleichheit können wir nur herstellen, wenn jeder die gleichen Möglichkeiten hat. Ein Nichtverständnis der grundlegenden Algorithmen sozialer Netzwerke wird zunehmend ein Wettbewerbsnachteil werden.

Ein weiteres Beispiel für das komplette Versagen unseres Bildungssystems kommt in dem Fehlen von – ich nenne es mal „Salesmanship“ – zum Ausdruck. Wie sollen wir lernen, nicht nur Produkte und Technologien zu entwickeln, sondern diese auch zu vermarkten, wenn wir das Handwerkszeug hierzu gar nicht draufhaben?

Fazit

Die erhöhten und durch den Faktor der Exponentialität verstärkten Änderungen in unserem Alltagsleben bildet das bisherige Bildungssystem in keinster Weise ab. Anstelle partieller Korrekturen bedarf es grundlegend neuer Konzepte, Methoden und Inhalte. Ob diese in einem föderalen System weiterhin dezentral umsetzbar sind, bleibt fraglich und sollte auf den Prüfstand kommen.

Diese und weitere Inhalte finden sich im Buch des Autors Dr. Hubertus Porschen, „Digitaler Suizid“.

Quelle: XING

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Andreas T. Sturm, Clemens Schneider, Clemens Schneider.

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