Das Renteneintrittsalter muss ab 2030 schrittweise steigen

von Hubertus Pellengahr15.07.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Immer mehr Menschen sind von der Altersarmut bedroht. Wer gleichzeitig Rentenzahlungen und Rentenbeiträge stabilisieren will, kann beides mit einer einfachen Maßnahme erreichen: das Renteneintrittsalter erhöhen, betont Hubertus Pellengahr.

Die Mütterrente ist eine sehr teure Symbolpolitik, die über höhere Beiträge und Steuern von Kindern und Enkeln finanziert wird. Aus Sicht der Familien also: linke Tasche rechte Tasche. Aus Sicht der Generationengerechtigkeit: eine Belastung der jüngeren Jahrgänge um jährlich sieben, bald vielleicht sogar elf Milliarden Euro. Das Bittere dabei ist, dass die älteren Menschen, die tatsächlich mehr Geld oder eine bessere Betreuung bräuchten, von diesen Milliarden kaum profitieren. Die Gießkanne der Rentenkasse taugt dafür nicht.

Das Gleiche gilt für das Rentenniveau. Gewerkschaften und Teile der SPD reden darüber, als könne man an ihm die Qualität und Höhe der Rente ablesen. Ein Fehlschluss. Es gibt lediglich an, wie hoch die Rente eines Durchschnittsverdieners im Verhältnis zum Einkommen eines Durchschnittsverdieners ist. Für meine Mutter und alle anderen Rentnerinnen und Rentner hat sich die Rente in den vergangenen Jahren deutlich erhöht – obwohl das Rentenniveau gesunken ist –, weil die Löhne stark gestiegen sind und die Zahl der Rentenbeitragszahler angewachsen ist. Die gute Lage am Arbeitsmarkt und das Wirtschaftswachstum sind relevanter für die Rentenhöhe als das Rentenniveau.

Alles hat seinen Preis

Das Gerede vom sinkenden Rentenniveau zeigt sich daher schnell als das, was es ist: politische Stimmungsmache. Obendrein auch noch eine, die das Ziel, Altersarmut zu bekämpfen, weitgehend verfehlt. Würde man nämlich, wie es die Große Koalition vorhat, die Rentenformel so verändern, dass das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent sinken kann, wären nicht etwa die von Altersarmut Bedrohten die größten Profiteure, sondern die Bezieher hoher Renten. Das ist grundsätzlich völlig in Ordnung und die logische Folge unseres Rentensystems – aber es ist nicht das Altersarmutsbekämpfungsprogramm, als das die Apologeten eines hohen Rentenniveaus ihr Projekt ausgeben.

Ein gesetzlich fixiertes Rentenniveau würde die Beiträge zur Rentenversicherung innerhalb von nicht mal zwei Jahrzehnten von derzeit 19 Prozent auf über 25 Prozent ansteigen lassen. Eine solche Rechnung den Beitragszahlern zu präsentieren, trauen sich offenbar nicht einmal die Anhänger des 48-Prozent-Rentenniveaus. Sie wollen daher noch eine weitere Zahl gesetzlich festnageln: den Beitragssatz. Er soll die 20-Prozent-Marke nicht übersteigen. Das Problem dabei: Alles hat seinen Preis, und irgendwoher muss das zusätzliche Geld für die Generation der Babyboomer kommen. Geht es nach dem Willen der Großen Koalition, soll dafür die Steuerkasse angezapft werden. Treffen würde auch das wieder die heute Jungen – sie müssten künftig eben nicht höhere Rentenbeiträge zahlen, sondern höhere Steuern.

Die Lebenserwartung steigt und mit ihr die Rentenbezugszeit

Wer gleichzeitig Rentenzahlungen und Rentenbeiträge stabilisieren will, kann beides mit einer einfachen Maßnahme erreichen: das Renteneintrittsalter erhöhen. Männer, die 1960 mit 65 Jahren in Rente gegangen sind, bezogen durchschnittlich nicht einmal zehn Jahre lang Rente. Inzwischen ist die durchschnittliche Rentenbezugsdauer für Männer auf über 17 Jahre angestiegen – für Frauen sogar auf über 21 Jahre. Und die Lebenserwartung steigt weiter. Durchschnittlich um einen Monat pro Jahr. 2040 haben dann auch 65-jährige Männer eine sehr gute Chance, älter als 85 zu werden. Jeder zusätzliche Monat Rentenbezug ist dabei versicherungsmathematisch nichts anderes als eine Rentenerhöhung. Würde man das Renteneintrittsalter ab 2029 an die Lebenserwartung koppeln, könnte man diesen Effekt fairer verteilen. Drei Monate zusätzlicher Lebenserwartung würden dann zwei Monate länger arbeiten bedeuten. Die Rentenbezugszeit stiege dann nur um einen statt um drei Monate. Dieses Zwei-zu-eins-Verhältnis entspricht in etwa dem derzeitigen Verhältnis zwischen Arbeits- und Rentenzeit.

Wenn das rechtzeitig vereinbart und angekündigt wird, können sich alle darauf einstellen. Das schließt auch ein, für diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen früher in den Ruhestand müssen, gezielte Entlastungen zu schaffen. Dazu würde schon ein Bruchteil der Milliarden Euro genügen, die man durch einen Verzicht auf die zusätzliche Mütterrente einsparen könnte.

Quelle: Xing

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