Kommt der Volksaufstand von 1953 wieder?

Hubertus Knabe27.06.2019Medien, Politik

Die Wahl eines neuen Oberbürgermeisters in Görlitz hat bundesweit Aufmerksamkeit erregt. Der Kandidat der CDU konnte sich nur knapp gegenüber dem der AfD durchsetzen. Vor 66 Jahren stand in der östlichsten deutschen Stadt schon einmal ein Oberbürgermeister im Zentrum des Geschehens – beim Volksaufstand am 17. Juni 1953.

Es war nachts um 3.30 Uhr, als der SED-Chef von Görlitz aus dem Bett geklingelt wurde. Am Telefon war die Dresdner Bezirksleitung. „Bestimmte Kräfte aus Berlin“, so wurde er gewarnt, würden versuchen, in den Görlitzer Betrieben Unruhe zu stiften. Es sei zu befürchten, dass „Westberliner Agenten“ mit „Arbeiterzügen“ kämen und zu Streiks aufriefen.

Der Parteichef beraumte deshalb bereits für 6 Uhr früh eine Sitzung an. Geladen waren die Chefs von Polizei und Staatssicherheitsdienst sowie der Görlitzer Oberbürgermeister Willi Ehrlich, alle SED. Keiner konnte sich so recht vorstellen, dass Agenten aus dem fernen Berlin ausgerechnet in das abgelegene Görlitz kommen sollten. Selbst als der Parteisekretär des Waggonbauwerkes hereinplatzte und berichtete, dass dort „der Teufel los sei“, geriet die Runde nicht in Panik. Oberbürgermeister Ehrlich fuhr erst einmal nach Hause, um in aller Ruhe zu frühstücken.

Dabei ging es an diesem Morgen des 17. Juni 1953 in Görlitz um nichts Geringeres als den Beginn eines politischen Umsturzes. Die Stadt, die im Zweiten Weltkrieg fast völlig unzerstört geblieben war, sollte im Laufe des Tages zum Schauplatz einer Volkserhebung werden, die ungewöhnlich erfolgreich war, in Deutschland aber kaum bekannt ist. Während in Berlin und anderswo der Aufstand der Arbeiter in der DDR meist unorganisiert und chaotisch erfolgte, übernahm hier schon am Mittag ein Bürgerkomitee die Macht. Der Oberbürgermeister wurde abgesetzt und durch einen neuen ersetzt.

Görlitz, das durch die West-Verschiebung Polens seit 1945 geteilt war, hatte damals fast doppelt so viele Einwohner wie heute. Durch Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ost-Gebieten war die Bevölkerung auf 100.000 Menschen angewachsen. Allein in den beiden größten Betrieben, dem Lokomotiv- und Waggonbau (LOWA) und dem Elektromaschinenbau (EKM), arbeiteten rund 6000 Beschäftigte. Die Anerkennung der neuen polnischen Westgrenze durch die SED hatte die mit diktatorischen Mitteln regierenden Kommunisten hier besonders unbeliebt gemacht.

Demonstrationszug in die Innenstadt

Statt an die Arbeit zu gehen, diskutierten die Beschäftigten im Waggonbauwerk an diesem Mittwochmorgen über die neuesten Nachrichten. In westlichen Radiosendern war gemeldet worden, dass Bauarbeiter in Ost-Berlin eine Senkung der Arbeitsnormen gefordert und zum Generalstreik aufgerufen hätten. Die Waggonbauer verlangten daraufhin, eine Versammlung durchzuführen, wo sie ihrer Unzufriedenheit mit der DDR-Regierung Luft machten. Gegen 10 Uhr beschlossen sie, es den Berliner Bauarbeitern nachzutun und in die Görlitzer Innenstadt zu ziehen.

Im VEB Elektromaschinenbau war die Lage am Morgen ebenfalls gespannt. Zwar gelang es dem eilends herbei gerufenen Oberbürgermeister Ehrlich zunächst, einen Teil der Arbeiter dazu zu bewegen, wieder in den Werkraum zu gehen. Doch auf der dort stattfindenden Versammlung forderten die Beschäftigten nicht nur die Absetzung der betrieblichen Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre sowie des Personalleiters. Vielmehr verlangten sie auch den Rücktritt der DDR-Regierung und freie Wahlen. Wenig später verließen sie ebenfalls das Werksgelände, um in die Stadt zu ziehen.

Bereits um 10:30 Uhr befanden sich mehrere tausend Arbeiter auf dem Weg ins Zentrum. Anwohner, Passanten, Geschäftsleute und Verkäuferinnen schlossen sich ihnen an. In Sprechchören verlangten die Demonstranten Preissenkungen in den Geschäften der staatlichen Handelsorganisation (HO), höhere Löhne und Renten sowie die Abschaffung der Arbeitsnormen. Auch Rufe wie „Fort mit der SED“ ertönten. Unterwegs rissen Demonstranten die kommunistischen Losungen an den Straßenrändern herunter, die seinerzeit überall in der DDR das Stadtbild prägten.

Kundgebung auf dem Obermarkt

Als der Marsch auf dem Görlitzer Obermarkt angelangt war, befanden sich dort zwischen 30 000 und 40 000 Menschen. Die Wortführer aus den Großbetrieben bildeten zunächst eine überbetriebliche Streikleitung. Anschließend begann eine hochemotionale Kundgebung. Ein Tisch wurde zur Rednertribüne umfunktioniert und ein Architekt gebeten, die Leitung der Versammlung zu übernehmen. Anwesend war auch Oberbürgermeister Ehrlich, der von der SED den Auftrag bekommen hatte, die Demonstranten zu beruhigen.

Die Reden wurden über den Stadtfunk auf alle Plätze der Innenstadt übertragen. Ein Radiohändler hatte die Lautsprecheranlage auf eigene Faust in Betrieb gesetzt, was ihm später eine zehnjährige Zuchthausstrafe einbrachte. Die Reden wurden auch per Tonband aufgezeichnet und vom Staatssicherheitsdienst später abgeschrieben – ein seltener Glücksfall für die Geschichtsschreibung.

Als erster stieg der Lokomotivbauer Hermann Gierich auf den Tisch. Er freue sich, dass es endlich gelungen sei, den Bürgermeister zu zwingen, vor den Massen „zur verbrecherischen Politik der SED und der Regierung der DDR“ Stellung zu nehmen. Er verlangte eine Antwort auf die wichtigsten Forderungen der Streikenden: „Wann tritt die Regierung zurück? Wann finden freie Wahlen statt? Wann werden die HO-Preise beseitigt?“ Da sich der Oberbürgermeister weigerte, auf die Fragen einzugehen, erntete er heftige Pfuirufe.

Der Versammlungsleiter forderte daraufhin Garantien, dass die Polizei  nicht gegen die demonstrierenden Arbeiter vorgehe. Obwohl der Oberbürgermeister dies zusagte, erscholl aus der Menge die Forderung: „Abtreten!“. Der Leiter fragte deshalb die Versammelten, ob der Bürgermeister seine Arbeit weiterführen solle oder nicht. Das Tonbandprotokoll verzeichnet hierauf ein lautstarkes „Nein!“ und allgemeine Empörung. So wurde das Stadtoberhaupt von Görlitz 1953 abgesetzt.

Als nächstes trat ein Redner ans Mikrofon, bei dem es sich vermutlich um den Sozialdemokraten Max Latt handelte. Wie der Versammlungsleiter sprach er sich dagegen aus, jetzt mit den Funktionären der SED abzurechnen. „Liebe Einwohner der Stadt Görlitz,“ so führte er unter stürmischen Beifall aus, „wir wollen hier keine großen Debatten schwingen oder uns gegenseitig reizen.“ Was geschehen sei, könne man nicht mehr ändern. „Wir können nur noch heute weiter sehen, dass bei uns mal wieder ein Licht aufblüht, dass wir freie deutsche Bürger sind.“

Wenig später meldete ein Redner, dass die Polizei in der Nähe mit Gummiknüppeln gegen Demonstranten vorgehe. Eine Abordnung machte sich deshalb mit dem abgesetzten Oberbürgermeister per Taxi auf den Weg, um den Einsatz zu unterbinden. Für die 300 Meter weite Fahrt wurde der Taxibesitzer später zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.

Die Kundgebung auf dem Marktplatz von Görlitz ging unterdessen weiter. Unbekannte Redner traten ans Mikrofon und berichteten von ihren Gefühlen und Hoffnungen. „Sehen Sie,“ erklärte ein Mann, „ich bin freiwillig auf diesen Tisch gekommen, aus der Begeisterung heraus, die ich miterleben durfte. Ich könnte natürlich damit rechnen, dass beim Nachhauseweg plötzlich meine Familie ohne mich da steht. Deshalb fordere ich alle auf, dass nicht wieder Rechtsbrüche in der Form vorkommen, wie sie bislang dagewesen sind.“

Die Kundgebung ähnelte einer Volksversammlung in der Antike. Redner erinnerten an erlittenes Unrecht, manche forderten auch Vergeltung. Die meisten waren voller Zuversicht, dass die Diktatur der SED nun zu Ende gehen werde. Und immer wieder betonten Sprecher, dass man zusammenhalten müsse. Wiederholt wurde die Menge zudem ermahnt, „Ruhe zu bewahren“ und auch „mit dem Oberbürgermeister als Arbeiter zu verhandeln“. Um kurz nach 12 Uhr hieß es dann, dass die Versammlung aufgelöst werde, damit alle zum Mittagessen gehen könnten.

Bildung einer neuen Stadtregierung

Den Demonstranten stand aber nicht der Sinn nach Mittagessen. Stattdessen schlug ein Redner unter großem Beifall vor, die politischen Häftlinge zu befreien. Ein anderer regte an, ein Komitee zu gründen, das die Anliegen aller Bürger sammeln sollte. Er forderte zudem die anwesenden Polizisten auf, ihre Koppel abzulegen. Diese folgten offenbar der Aufforderung, denn das Protokoll vermerkt mehrfach Rufe wie „Hochhalten! Hochhalten!“ Weitere Redner meldeten sich zu Wort, bis die Kundgebung gegen 13 Uhr aufgelöst wurde.

20 Wortführer fanden sich anschließend in einer Gaststätte zusammen, um eine neue, provisorische Stadtregierung zu bilden. Zu ihnen gehörten nicht nur Arbeiter, sondern auch ein Arzt, ein Architekt, ein Rechtsanwalt, der Radiohändler und ein Fabrikant. Gemeinsam gründeten sie ein Komitee, das die weiteren Geschicke der Stadt in die Hand nehmen sollte. Als eine der ersten Maßnahmen ernannte es einen neuen Polizeichef und stellte eine unbewaffnete Arbeiterwehr auf, die für Ruhe und Ordnung sorgen sollte. Ein Mitglied des Komitees, der Pflanzenschutztechniker Werner Herbig, gründete später in West-Berlin den Arbeitskreis 17. Juni – nachdem er knapp vier Jahre in DDR-Gefängnissen zugebracht hatte.

Unterdessen hatten Demonstranten fast alle öffentlichen Gebäude in Görlitz besetzt, darunter den Bahnhof, die Kreisleitungen von FDJ und SED, das Gericht, die Gefängnisse und die Zentralen von Polizei und Staatssicherheitsdienst. In vielen Dienststellen hatten die Funktionäre keinerlei Widerstand geleistet oder die Flucht ergriffen. Im Kreisgericht versteckten sich Richter und Staatsanwälte im Keller – angeblich, um von dort aus besser „Beobachtungen“ machen zu können.

Auch das Rathaus war inzwischen von Demonstranten besetzt worden. Als der Oberbürgermeister nach der Taxifahrt in sein Büro wollte, musste er feststellen, dass am Eingang junge Arbeiter standen, die es vor Verwüstungen schützen wollten. Seine Angestellten saßen mehr oder weniger ratlos herum. Die Besetzer begannen mit dem Oberbürgermeister zu verhandeln und forderten unter anderem die Freilassung der politischen Gefangenen und die sofortige Verteilung von Lebensmitteln.

Gegen 14.30 Uhr wurde der Oberbürgermeister nach draußen gerufen, weil eine Delegation ihn sprechen wollte. Vor dem Rathaus erklärte er der Menge, dass „von unseren sowjetischen Freunden der Belagerungszustand verhängt“ worden sei und sich „sowjetische Truppen im Anmarsch“ befänden. Statt sich zu zerstreuen, gerieten die Demonstranten durch diese Ankündigung offenbar aber erst richtig in Rage. Wie der OB später zu Protokoll gab, versuchte er noch, „in großen Sprüngen ins Rathaus zurück zu gelangen, wurde jedoch von einigen Fleischern gepackt, geschlagen und dabei die Rathaustreppe herunter geworfen.“

Zu Auseinandersetzungen kam es auch an der SED-Parteizentrale. Als Demonstranten am frühen Mittag vor das Gebäude zogen, weil sie im Keller Gefangene vermuteten, waren Türen und Fensterläden fest verschlossen. Mit einem Rammbalken stießen sie daraufhin eines der Fenster auf. Der Görlitzer SED-Chef zog sich dabei eine blutende Stirnverletzung zu, weil er die Fensterläden von Innen zugehalten hatte. Mehrere hundert Menschen drängten anschließend in das Gebäude und rissen Bilder, Losungen und Büsten herunter. Sie zogen aber wieder ab, nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass in dem Haus keine Menschen gefangen gehalten wurden.

Sturm der Gefängnisse

Mit dem SED-Chef an der Spitze marschierten die Demonstranten danach zur Kreisdienststelle des Staatssicherheitsdienstes, um dort nach Häftlingen zu suchen. Auch dieses Gebäude war verbarrikadiert. Sieben Stasi-Mitarbeiter verteidigten es mit drei Karabinern und vier Pistolen. Obwohl sie aus den oberen Fenstern mehrfach Warnschüsse abgegeben hatten, hatten die Demonstranten einen Gefangenen bereits durch ein Zellenfenster befreit.

Die Menge vor dem Gebäude wuchs rasch auf über 2000 Menschen an. Immer entschiedener forderten diese Einlass. Dass es nicht zu einem Blutbad kam, war vor allem dem Görlitzer SED-Chef zu verdanken, der dem Leiter der Stasi-Dienststelle zurief: „Hier ist der 1. Kreissekretär der SED, Weichold. Legt die Waffen nieder, schießt nicht, seid vernünftig und lasst eine Delegation herein. Es ist sowieso alles vorbei.“

Der SED-Chef verlangte schließlich, die Gefangenen auf seine Verantwortung freizulassen. Als der Stasi-Chef antwortete, es gebe keine Inhaftierten in dem Gebäude, konnte das selbst der SED-Funktionär nicht glauben. Nachdem sich der Stasi-Chef bei seinem Vorgesetzten in Dresden rückversichert hatte, ließ er schließlich eine zehnköpfige Delegation hinein, um den Keller zu kontrollieren. Die Gefangenen waren jedoch kurz zuvor abtransportiert worden.

Bald drangen weitere Demonstranten in das Gebäude ein. Sie entwaffneten die Stasi-Mitarbeiter, demolierten die Einrichtung und warfen Akten auf die Straße. Ein Stasi-Mann, der auf die Menge geschossen hatte, wurde verprügelt und erlitt leichte Verletzungen. Erst nachdem die sowjetische Besatzungsmacht um 14 Uhr den Ausnahmezustand über Görlitz verhängt hatte, rückten Rotarmisten an und räumten das Gebäude.

Mehr Erfolg hatten die Demonstranten bei der Untersuchungshaftanstalt in Görlitz. Bereits um 9.45 Uhr bemerkten die drei Wachhabenden ungewöhnlichen Lärm auf der Straße. Wenig später stand eine größere Menschenmenge vor dem Eingang und verlangte durch das heruntergelassene Scherengitter, die politischen Gefangenen freizulassen. Der Anstaltsleiter weigerte sich, doch um ein Blutvergießen auszuschließen, ließ er sicherheitshalber die Pistolen wegschließen.

Angesichts des wachsenden Drucks auf die Eingangstür schlug der Gefängnischef schließlich vor, eine Delegation hereinzulassen. Sie sollte die Gründe für die Untersuchungshaft der Gefangenen einzeln prüfen. In der Zwischenzeit waren jedoch weitere Demonstranten in das Gefängnis eingedrungen und hatten die Zellen der unteren Etage aufgebrochen. Um die einströmenden Massen zu besänftigen, schloss der Anstaltsleiter auch die Zellen der oberen Etage auf, so dass alle 52 Häftlinge frei kamen.

Ein weiteres, größeres Gefängnis befand sich neben dem Kreisgericht. Hier saßen 364 Frauen ein, die meisten aufgrund von Wirtschaftsdelikten. Am Mittag versammelten sich vor dem Gebäude etwa 2500 Demonstranten und verlangten die Freilassung der politischen Häftlinge. Weil der Anstaltsleiter behauptete, solche gebe es nicht, versuchten die Anwesenden, das Eingangstor mit Äxten, Schmiedehämmern und Brechstangen aufzubrechen. Das Wachpersonal gab daraufhin Warnschüsse ab und richtete einen Wasserschlauch auf die Menge.

Gegen 13 Uhr gelang es den Demonstranten, in das Gefängnis einzudringen. Sie verlangten, in die Häftlingsakten Einsicht zu nehmen, was der Anstaltsleiter ablehnte. In diesem Moment erschienen jedoch drei Mitglieder des Stadtkomitees. Sie hatten eine Vollmacht des Oberbürgermeisters dabei, dass sie die Akten einsehen und die politischen Gefangenen auf eigene Verantwortung freilassen dürften.

Ein ehemaliger Wachtmeister hatte jedoch einen Teil der Demonstranten bereits in das Zellenhaus geführt. Dort begannen sie, nun selbst die Zellentüren aufzubrechen. In dem entstehenden Tumult wurden nach und nach auch die übrigen Zellen aufgeschlossen, so dass schließlich sämtliche inhaftierte Frauen freikamen. Der Anstaltsleiter wurde später wegen „kapitulantenhaften Verhaltens“ aus dem Dienst entlassen.

Die Niederschlagung der Erhebung

Die Einwohner von Görlitz versammelten sich unterdessen erneut auf dem Obermarkt. Am Vormittag war nämlich angekündigt worden, um 15 Uhr eine zweite Kundgebung durchzuführen. Von dieser existieren jedoch keine Aufzeichnungen. Zeitzeugen berichteten später, dass dabei der Augenarzt Dr. Hütter als neuer  Oberbürgermeister vorgestellt und die Wiedergründung der SPD angekündigt worden sei. Der ehemalige sozialdemokratische Gewerkschaftsfunktionär Max Latt hätte eine Rede gehalten, die mit den Worten endete: „Görlitzer, es lebe die Juni-Revolution.“

Schon während der Kundgebung verbreitete der Stadtfunk jedoch eine beunruhigende Mitteilung: „Achtung! Achtung! Bevölkerung von Görlitz, hört her! Der sowjetische Kommandant setzt in Anbetracht der Unruhen die Stadt Görlitz in Belagerungszustand und empfiehlt den Menschen, umgehend auseinander zu gehen. Sämtliche Ansammlungen sind verboten. Verhandlungen können nur im Rathaus mit Delegierten bzw. mit Vertretern geführt werden.“ Die Durchsage wurde in regelmäßigen Abständen wiederholt – in immer schärferen Formulierungen.

Wie die Kundgebung zu Ende ging, ist nicht bekannt. Doch gegen 16 Uhr rollten sowjetische Panzer in die Innenstadt von Görlitz. Eine 400 Mann starke Einheit der Kasernierten Volkspolizei zog auf und Soldaten besetzten das Rathaus. Starke militärische Kräfte räumten auch die anderen besetzten Gebäude. Mit Gewalt zerstreuten sie im Laufe des Abends alle Menschenansammlungen in der Stadt.

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Der Umsturz in Görlitz endete ebenso plötzlich, wie er begonnen hatte. Die Streikführer, die nicht rechtzeitig geflüchtet waren, wurden verhaftet. Oberbürgermeister Ehrlich wurde bald darauf wegen „kapitulantenhaften Verhaltens“ abgesetzt. Auch dem SED-Chef warf das Zentralkomitee später vor, „auf die Positionen des Kapitulantentums und des Opportunismus gegenüber den Parteifeinden und faschistischen Provokateuren abgeglitten“ zu sein. Die Einwohner von Görlitz mussten bis 1990 warten, bis sie zum ersten Mal wieder frei über ihren Oberbürgermeister entscheiden durften.

Quelle: Hubertus Knabe

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