Nutzen Holger und Silke Friedrich die Berliner Zeitung als PR-Organ?

Hubertus Knabe29.11.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Ein Ost-Berliner Ehepaar hat die drittgrößte Tageszeitung der deutschen Hauptstadt gekauft. Jetzt hat sich herausgestellt, dass einer der beiden früher für die Stasi arbeitete. Der hoffnungsvolle Neuanfang wurde zum PR-Desaster – aus dem es kaum einen Ausweg gibt.

So schnell kann es gehen! Wie man als Newcomer in kürzester Zeit seinen Ruf verspielen kann, haben in diesen Tagen die neuen Eigentümer der Berliner Zeitung, Silke und Holger Friedrich, gezeigt. In einer erstmals unter ihrer Ägide erschienenen Ausgabe zum Mauerfall vor 30 Jahren hatten sie am 8. November auf zwei eng beschriebenen Seiten ihre Vision für die derzeit drittgrößte Tageszeitung der deutschen Hauptstadt dargelegt. Während viele die Neulinge im Verlagsgeschäft bis dahin mit Wohlwollen und Neugier betrachtet hatten, machte sich nun blankes Entsetzen breit.

Den Spiegel erinnerte der Text an den schief gegangenen Versuch einer Schülerzeitung, „Die Probleme der Menschheit“ zu erklären. Der Internetblog Salonkolumnisten stellte „Die fünf dämlichsten Sätze aus dem komplett bekloppten Manifest“ der Verleger vor. Juso-Chef Kevin Kühnert nannte das Editorial eine „narzisstische Horrorshow“. Und selbst im eigenen Haus war der Unmut offenbar so groß, dass die Berliner Zeitung einen als „Pro und Contra“ getarnten Verriss veröffentlichte, bei dem das Pro sehr blass und das Contra umso heftiger ausfiel.

Danksagung an Egon Krenz

Fassungslosigkeit hatte insbesondere eine Passage zum letzten Generalsekretär der SED, Egon Krenz, ausgelöst, der sich in derselben Ausgabe auf zwei weiteren vollen Zeitungsseiten seiner vermeintlichen Verdienste am Fall der Berliner Mauer rühmen durfte. In ihrem Editorial hatten die neuen Verleger über ihn geschrieben, dass er „im Herbst 1989 die Größe hatte, doch keinen Befehl zur Anwendung von Gewalt zu geben. Wohl wissend, dass er damit seine hohe soziale Stellung aufs Spiel setzte, auch einen möglichen Verlust des eigenen Lebens in der Entscheidung zu berücksichtigen hatte.“ Und weiter: „Egon Krenz hat mit dieser persönlichen Entscheidung Millionen Menschen selbstbestimmte, positive Lebenswege ermöglicht, die uns unter anderem diesen Text in dieser Zeitung veröffentlichen lassen. Dafür sind wir ihm dankbar und möchten fragen, ob es in gleichem Maße groß war, ihn neben anderen zu viereinhalb Jahren Haft zu verurteilen.“

Meinen die das wirklich ernst, haben sich viele beim Lesen dieser Zeilen gefragt? Danken die tatsächlich am 30. Jahrestag des Mauerfalls einem kommunistischen Diktator, dass er nicht noch mehr Menschen in den Tod befördert hat? Das hat sich bisher nicht einmal die Linkspartei gewagt. Die Genossen verstießen Krenz vielmehr schon 1990 aus ihren Reihen, weil er als Mitglied des Politbüros an vorderster Stelle für das Desaster des DDR-Sozialismus verantwortlich war. Als ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen war er zudem so etwas wie der Vorgesetzte von Stasi-Minister Erich Mielke und als Mitglied des Nationalen Verteidigungsrat hatte er mit dafür gesorgt, dass an der Westgrenze der DDR rücksichtslos auf Flüchtlinge geschossen wurde. 1997 wurde er deshalb wegen Totschlags in vier Fällen zu einer Freiheitsstrafe verurteilt – zu sechseinhalb Jahren übrigens, nicht zu viereinhalb, wie die Verleger behauptet hatten.

Was die Verleger über Krenz schrieben, war freilich nicht die einzige Passage, die im Gegensatz zu ihrer Ankündigung stand, „mit einer versachlichten, faktenbasierten Berichterstattung“ den politischen und gesellschaftlichen Diskurs in Berlin bereichern zu wollen. Auch ihre Behauptung, die deutsche Kultusminister-Konferenz sei „eine den Extremismus fördernde Organisation“, hatte kaum etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Ähnlich befremdlich wirkte die These, dass diejenigen, die für die Respektierung der Urheberrechte durch Google kämpfen, „im Selbstverständnis“ an den Chefideologen der SED, Kurt Hager, erinnerten. Vollends abstrus war schließlich ihre Behauptung, dass Russland aufgerüstet, die Krim besetzt und den Krieg in der Ostukraine begonnen hätte, weil Deutschland 2001 nicht „die ausgestreckte Hand von Herrn Putin ergriffen“ hätte.

Dass das Traktat der neuen Besitzer nicht einen noch größeren Sturm der Entrüstung auslöste, lag vor allem daran, dass es über weite Strecken so unverständlich formuliert war, dass es schwer fiel, es zu Ende zu lesen – und vor allem es ernst zu nehmen. Der Spiegel meinte, dass sich wohl niemand getraut hätte, den Text der neuen Chefs zu redigieren. Holger Friedrich gab freilich zu, dass ihm Vertraute sehr wohl empfohlen hätten, die Passagen zu Krenz und zu Putin herauszunehmen – was er aber abgelehnt hätte, denn dann hätte er den Text ja „gar nicht erst zu schreiben brauchen.“

Das PR-Desaster konnte auch dadurch nicht mehr behoben werden, dass das Ehepaar vier Tage später ein DPA-Interview nachschob. Holger Friedrich räumte darin immerhin ein, dass sein Dank an Krenz für die Mutter eines Mauertoten “ein sehr schwieriger Satz” sei. Im selben Atemzug äußerte er jedoch sein Unverständnis darüber, „wenn jemand, der danach geboren wurde, sich zu einem kräftigen moralischen Urteil aufschwingt.“ Ob er damit seinen eigenen Redakteur meinte, der es gewagt hatte, den Verlegern in ihrer Zeitung zu widersprechen, ließ er offen.

Berichte an die Stasi

Während anfangs viele darüber rätselten, was Silke und Holger Friedrich wohl zu ihrem publizistischen Harakiri veranlasst haben könnte, liegen die Ursachen inzwischen ziemlich klar auf dem Tisch: Die beiden Unternehmer zeichnen sich durch eine an Donald Trump erinnernde Selbstüberschätzung aus – und durch ein krudes Weltbild, das eng mit ihrer politischen Sozialisation im SED-Staat zusammenhängt. Ihre Dankbarkeit gegenüber Krenz war keine Unbedachtsamkeit, sondern womöglich ein Vorgeschmack auf die künftige Ausrichtung des Verlages.

Genau eine Woche nach der Veröffentlichung enthüllte nämlich die Zeitung Welt am Sonntag, dass Holger Friedrich unter dem Decknamen „Peter Bernstein“ als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für den DDR-Staatssicherheitsdienst gearbeitet hatte. Während in Moskau Michail Gorbatschow den Sozialismus reformieren wollte, unterschrieb der damalige Unteroffizier der Nationalen Volksarmee am 13. Mai 1988 eine Verpflichtungserklärung. In zwölf größtenteils handschriftlichen Spitzelberichten, die er zwischen Dezember 1987 und Februar 1989 seinem Führungsoffizier übergab, belastete er mehrere Kameraden zum Teil schwer. Im Durchschnitt lieferte Friedrich fast jeden Monat einen Bericht.

Mit dem Inhalt der Akte konfrontiert, bestätigte der Verleger im Wesentlichen deren Wahrheitsgehalt. Doch statt Demut oder Reue zu zeigen, bestritt er, „aktiv“ für die Stasi tätig gewesen zu sein. Stattdessen präsentierte er eine Theorie, wonach die Bespitzelten lediglich „Testpersonen“ gewesen seien, mit denen die Stasi seine Kooperationswilligkeit hätte überprüfen wollen. Mit einem der Opfer hätte er zudem „abgestimmt, welche Nachrichten an den MfS-Offizier weitergeleitet werden“. Seine handschriftliche Verpflichtung rechtfertigte Friedrich damit, dass ihm ansonsten eine mehrjährige Haftstrafe gedroht hätte – was in Widerspruch zu seiner Aussage stand, dass er eine Zusammenarbeit mit der Stasi später „wiederholt abgelehnt“ hätte.

Friedrich bestätigte auch, dass er zu DDR-Zeiten Mitglied der SED gewesen sei. Dies sei „Voraussetzung“ für die Zulassung zum Abitur und zum Studium gewesen. Doch um Abitur zu machen, musste man nicht einmal in der DDR der Staatspartei beitreten. Viel wahrscheinlicher ist, dass Friedrich einfach ein besonders überzeugter Regimeanhänger war.

Relativierung der SED-Diktatur

Entsprechend positiv sind die Äußerungen der Verleger über den untergegangenen SED-Staat. „Etwas Elementares ist vor 30 Jahren durch den Westen beiseitegeschoben worden,“ hieß es in ihrem Manifest, „etwas, das heute schmerzlich fehlt“. Auch dem abgerissenen „Palast der Republik“, mit dem die SED die historische Mitte Berlins verschandelt hatte, trauerten sie hinterher. Gleichzeitig beschwerte sich Friedrich über die „Ignoranz und westdeutsche Selbstvergewisserung, Sieger der Geschichte zu sein.“ Kennzeichnend für das Weltbild der Verleger ist auch die perfide Relativierung der SED-Diktatur durch die Behauptung, dass Europa wegen der Toten an seinen Außengrenzen „ein noch größerer Unrechtsstaat“ sei.

Die Berliner Zeitung ist damit plötzlich wieder auf dem Weg zurück in die eigene Vergangenheit. Das ehemalige SED-Blatt hat in den letzten drei Jahrzehnten mühsam versucht, sich das Image einer aufgeklärten Hauptstadtzeitung zu erarbeiten. Das wichtigste Hindernis dabei war schon immer das alte Personal aus der DDR gewesen, das häufig nostalgisch zurückblickte.

Bereits Mitte der 1990-er Jahre wurde im Rahmen eines Forschungsprojektes unter Leitung des Juristen Johannes Weberling in der Belegschaft nach früheren Stasi-Mitarbeitern gefahndet. Journalisten, von denen eine Akte gefunden wurde, mussten gehen. Da das Unternehmen seine Beschäftigten aber nicht einfach überprüfen durfte, wurde die Zeitung auch danach noch von Stasi-Skandalen erschüttert. So entpuppten sich 2008 der Ressortleiter „Magazin“, Thomas Leinkauf, und der stellvertretende Leiter des Politik-Ressorts als frühere Stasi-Informanten. Ein Ehrenrat überprüfte schließlich erneut die Redakteure. Mindestens ein ehemaliger Angehöriger des Stasi-Wachregiments schreibt aber immer noch dort.

Wegen seiner Verschleppungstaktik hatte ein leitender Redakteur damals dem Chefredakteur die Leviten gelesen. “Glaubwürdigkeit ist das einzige Kapital, über das Journalisten verfügen,“ schrieb er ihm 2010. „Geht es verloren, ist es mit dem Journalisten vorbei.“ Die Berliner Zeitung habe Jahre gebraucht, um sich Glaubwürdigkeit zu erarbeiten. „Das 18 Jahre lange Schweigen Thomas Leinkaufs droht diesen Erfolg schlagartig zunichte zu machen.”

30 Jahre geschwiegen

Der neue Verlagschef hat nicht 18, sondern 30 Jahre geschwiegen. Weder gegenüber der Belegschaft noch in seinen zahlreichen Interviews hat er seine Spitzeltätigkeit mit einem Wort erwähnt. Noch kurz vor seiner Enttarnung hatte er im DPA-Gespräch über seine Armeezeit berichtet und sich selbst als moralischen Helden präsentiert. Kurz darauf kam heraus, dass er der Chefredaktion den „Tipp“ gegeben hatte, über den Börsengang einer Biotech-Firma zu berichten, ohne zu dazu sagen, dass er selbst daran beteiligt ist. Normalerweise hätte schon einer der beiden Vorfälle ausgereicht, sich von ihm zu trennen.

Doch Friedrich ist kein Mitarbeiter, sondern Besitzer. In einem hilflosen Brief an die Leser konnte die Chefredaktion lediglich ankündigen, dass sie Friedrichs Stasi-Vergangenheit „journalistisch aufbereiten“ und den Verleger dazu „befragen“ wollten. Wenig später teilte sie mit, dass ein Team aus gleich fünf Reportern seine Akte auswerten solle. Unterstützt werden sollen sie von dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk und der früheren Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler. Kowalczuk hatte den zurückgetretenen Berliner Staatssekretär Andrej Holm, der seine Tätigkeit als hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter verschwiegen hatte, 2017 als “Opfer des SED-Regimes” bezeichnet. Birthler hatte schon 2006 den Vorschlag gemacht, die Stasi-Überprüfungen in Deutschland weitgehend abzuschaffen.

Inzwischen bläst den Verlegern auch wirtschaftlich der Wind ins Gesicht. Nachdem Friedrich in einem Interview den Betrieb des Hauptstadtportal „Berlin.de“ als den “eigentlichen Schatz unseres Deals” bezeichnet hatte, stellte der Berliner Senat klar, dass er die Zusammenarbeit mit den Friedrichs nicht fortführen wird. Auch der Chef des Madsack-Konzerns, der die beiden Blätter bisher mit Nachrichten beliefert, distanzierte sich von ihnen. Der Spiegel warf bereits die Frage auf: “Nutzen Holger und Silke Friedrich die Berliner Zeitung als PR-Organ?”

Die Redaktion will sich nun ein Statut zulegen. Und der Verleger hat angekündigt, seinen Posten im Aufsichtsrat der Biotech-Firma ruhen zu lassen, “bis die vollständigen Unterlagen der Stasi-Unterlagenbehörde vorliegen und von Experten ausgewertet wurden”. Doch dass sich die verlorene Glaubwürdigkeit des Verlages dadurch wiederherstellen lässt, ist zweifelhaft, zumal die verschwiegene Tätigkeit bei der Stasi und der Sitz im Aufsichtsrat nichts miteinander zu tun haben. So bleibt die Berliner Zeitung wohl bis zu ihrem Untergang an einen Mann gebunden, der früher für die Stasi spitzelte und bis heute dem zweitmächtigsten Mann der DDR dankbar ist.

Der Text erschien zuerst in: Neue Züricher Zeitung vom 19. November 2019. Aktualisiert am 23.11.2019, 10:32 Uhr

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