Wie die Energiewende in Europa zum Erfolg wird

von Horst Schulte3.09.2017Wissenschaft

Die Energiewende kann in Europa nur unter Einbeziehung der Mittelmeerregion ein Erfolg werden.

Wie die Energiewende in Europa nur unter Einbeziehung der Mittelmeerregion ein Erfolg werden kann

Wie beim Fußball, ist auch auf der UN-Klimakonferenz in Paris, die Entscheidung für eine Klimaschutz-Vereinbarung erst nach einer Verlängerung am Abend des 12. Dezember 2015 gefallen. Dieses Abkommen sieht vor, dass die globale Erwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Level auf deutlich unter 2,0 °C, möglichst 1,5 °C begrenzt wird. Sieht man von der umstrittenen Entfernung und Speicherung des bis jetzt in die Erdatmosphäre emittierten Kohlenstoffdioxids ab (Fachbegriff: CO2-Sequestrierung), so muss die Verbrennung fossiler Energieträger bis zum Jahr 2040 komplett eingestellt und die Energieversorgung aller Sektoren (Energiewirtschaft, Verkehr, Industrie, Haus-halte und GHD) vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt werden (vgl. Studie von V. Quaschning, 2016 [1]).

Kritiker einer Dekarbonisierung der Energieversorgung und vollständigen Umstellung auf erneuerbare Energien führen immer wieder das Schreckgespenst der „Dunkelflaute“ [2],[3] ins Feld. Damit wird das gleichzeitige Auftreten von Dunkelheit und Windflaute bezeichnet. Scheinbar tritt dadurch eine Lücke in der Energieversorgung auf, da nur dann Energie aus Sonne und Wind geerntet werden kann, wenn diese auch zur Verfügung steht. Dies ist lokal betrachtet richtig. Schaut man sich aber die maximal mögliche Fläche der Energiegewinnung an – also im Prinzip alle zusammenhängenden Land- und Küstenregionen – sieht dies schon anders aus. Salopp gesprochen, wird immer an irgendeiner Stelle auf der Erde die Sonne scheinen, oder ein Wind wehen. Natürlich müssen die Übertragungswege, die sich daraus ergeben, die notwendigen Leitungslängen und verursachten elektrischen Verluste berücksichtigt werden. Aber im Prinzip lassen sich mit Methoden der Regelungstechnik und Leistungselektronik Hochspannungs-Gleichstromübertragungsstrecken mit weniger Übertragungsverlusten (2,6 bis 6 anstatt bis zu 9,6 Prozent bei der Wechselstromübertragung [6]) errichten.

Die Idee der weiträumigen Vernetzung erneuerbarer Energieerzeuger ist nicht neu, und wurde z.B. in dem Konzept DESERTEC für die Mittelmeerregionen, West-, Ost- und Nordeuropa schon Anfang 2000 angedacht und danach von der Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation (TREC) [4] bis 2009 entwickelt. Leider stockt die Realisierung zur Zeit. Obwohl lokale Gesellschaften Pilotanlagen vorgesehen haben, und dieses Jahr in Marokko erste solarthermische Anlagen an das nationale Netz gegangen sind, fehlt es an einem Masterplan für die weiträumige Vernetzung.

Es ist daher längst an der Zeit, auf breiter Basis konkreter zu werden, und sich darüber Gedanken zu machen, dass alle Akteure gleichberechtigt partizipieren können. Denn die Energiewende darf nicht nur auf nationaler Ebene vorangetrieben, sondern muss als Aufgabe innerhalb und außerhalb der Europäischen Union in Augenhöhe mit Staaten der Mittelmeerregion begriffen werden. Kritiker führen immer wieder an, dass großflächige Anlagen wie DESERTEC einfach sabotierbar und schwer in Regionen zu schützen sind, in denen die politische Situation instabil ist. Aber bisher tut die EU wenig, um die fragile Nordafrikanische Region von Algerien über Libyen bis Ägypten politisch und wirtschaftlich zu stützen [5]. Von dem Ausbau des Energienetzes, und der regenerativen Gewinnung von Sonnen und Windenergie, würden gerade die wirtschaftlich schwachen Gegenden im Innern der nordafrikanischen Staaten profitieren. Dabei müssen Handelsabkommen abgeschlossen werden, die nicht nur der EU kurzfristig nützen. Denn von einem umspannenden elektrischen Energienetz muss sowohl die lokale Bevölkerung profitieren, und es müssen ebenso Anreize geschaffen werden, damit in einer ersten Ausbaustufe Investitionen von Europäischen Unternehmen getätigt werden. Das Hauptziel ist eine Versorgung der Staaten, in denen die regenerativen Kraftwerke errichtet werden. Wobei man gleichzeitig eine Backup-Funktion schafft, um bei der sogenannten Dunkelflaute in lokalen Bereichen (meist in Europa) die Versorgung durch Stromtransport über weite Entfernungen zu gewährleisten. Parallel dazu müssen Unternehmen in den jeweiligen Region unterstützt und Fachkräfte und Nachwuchswissenschaftler ausgebildet und in Kooperationen eingebunden werden. Damit wird Know-how in den Ländern aus- und aufgebaut und die zweite Ausbaustufe kann mit Unternehmen vor Ort bestritten werden.

In einigen europäischen Ländern wie Frankreich und Deutschland, gibt es bereits staatliche Förderungen von bilateralen Forschungsprojekten, wie die Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Damit werden Projekte zur Stärkung von innovationsrelevanten Rahmenbedingungen und angewandter Forschung in MENA-Ländern (Middle East & North Africa) finanziert. Aber insgesamt konzentriert man sich noch zu sehr auf die Förderung von nationalen Forschergruppen und Institutionen. Man vermisst hier den Blick für das große Ganze und die Förderung einer gemeinsamen Erforschung, z.B. von neuen Methoden zur Systemtheorie von ausfallsicheren Netzen und die dezentrale kooperierende Regelung eines umspannenden Netzes von elektrischen Energienetzen. Ein Ziel wäre, verkürzt gesagt, die Zuverlässigkeit und Skalierbarkeit von solchen umspannenden Energiesystemen zu erhöhen, welche dann vergleichbar sein könnten mit der Eigenschaft des Internets (als weltweiter Verbund von Rechnernetzwerken).

Zusammengefasst kann angenommen werden, dass die Grundidee von DESERTEC unter Berücksichtigung einer gleichberechtigten Partnerschaft von Ländern der EU und Nordafrika fast nur Chancen birgt. Leider ist in dem politischen Tagesgeschäft bisher nur wenig Raum für mittel und langfristige Lösungen, die die Herausforderungen unserer Zeit benennen, und Lösungswege für gesetzte Ziele und definierte Anforderungen aufzeigen. Es wäre aufgrund der Dringlichkeit beim Klimaschutz und die sich weiter ausbreitende Armut und Perspektivlosigkeit bei unseren Nachbarn an der Zeit, die alten Denkmuster zu verlassen und visionen-basiert statt reaktiv (siehe Reaktion der Bundesregierung auf Fukushima, Flüchtlinge und Dieselskandal) zu handeln.

Literatur

[1] “Volker Quaschning, Sektor¬kopplung durch die Energiewende, HTW Berlin, 20. Juni 2016”:
[2] http://www.theeuropean.de/reinhard-schlieker/12402-neues-buch-zur-energiewende
[3] https://www.next-kraftwerke.de/wissen/strommarkt/dunkelflaute
[4] Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation
[5] Susanne Kaiser, Zu lange ignoriert, ZEIT, 27. Juli 2017
[6] https://www.welt.de/dieweltbewegen/article106292399/Neue-Technik-transportiert-Strom-verlustfrei.html

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