Die Medien sind Spielball im Kampf um Deutungshoheit. Wadah Khanfar

Die schwächelnden Motoren

Trotz aller Fehler in der Umsetzung, geht es nicht darum, Bologna per se infrage zu stellen. Die Exzellenzinitiative ist ein Beispiel dafür, wie Hochschulpolitik auch gehen kann.

Universitäten sind von ihrem Charakter, ihrem Auftrag und ihrem Selbstverständnis her Motoren der gesellschaftlichen Entwicklung. Dazu brauchen sie hohe Beweglichkeit in Forschung und Lehre. Sie müssen Treibende sein, die Aufgaben und Probleme nicht nur bearbeiten, sondern sie identifizieren und aufwerfen. Diese Haltung müssen sie auch ihren Absolventinnen und Absolventen vermitteln.

Universitäten sind keine Berufsbildungsstätten

Es gilt, immer wieder sehr genau hinzusehen, ob die Entwicklung der Institution Universität dieser Rolle guttut, ob die Motoren stark genug sind, angesichts der enormen Anforderungen in diesen in vielerlei Hinsicht so bewegten Zeiten genug Vorwärtsantrieb zu entfalten. Dazu ist jetzt ein wichtiger Zeitpunkt, denn wir sehen erste Auswirkungen tiefgreifender struktureller Einschnitte in das deutsche Hochschulsystem, die jeweils in engem Zusammenhang mit politischen Steuerungsmaßnahmen stehen.

Wohl der gravierendste Einschnitt dieser Art ist die Bologna-Reform mit der Einführung von Bachelor und Master. Wir müssen ihren Erfolg daran messen, ob sie der zentralen Aufgabe der Universitäten in der Lehre gerecht geworden ist: der Entwicklung von starken, akademisch gebildeten Persönlichkeiten, die, wo immer sie ihre berufliche Aufgabe finden, kreativ und innovativ und letztlich immer auch im Sinn des demokratischen Gemeinwesens aktiv tätig sind.

Die grundlegende Zielsetzung der Reform war und ist richtig: Vergleichbare Studienstrukturen können Studierenden helfen, sich in Europa und darüber hinaus zu bewegen, schon im Studium über den deutschen Tellerrand hinauszusehen, sich international zu vernetzen, Sprachen zu lernen, andere Lern- und Lebensformen kennenzulernen. Aber eine solche Persönlichkeitsentwicklung braucht Zeit und Freiräume. Beides jedoch wurde mit der Reform eher verknappt.

Denn die vermeintliche Perspektive, nun in kürzester Zeit – also günstig – immer mehr junge Menschen zu berufsfertigen Akademikern machen zu können, dominierte das politische Denken und Handeln. Darüber geriet ein ganz wesentlicher Aspekt von Bologna, die intensivere Betreuung in kleinen Lerngruppen, von vornherein aus dem Blick. Es gab hohe Erwartungen an, aber kein zusätzliches Geld für die Universitäten, um ein solches besseres Lernumfeld zu schaffen.

Hinzu kommt ein weiteres, viel grundsätzlicheres Missverständnis: Universitäten sind keine Berufsbildungsstätten. Zu vielen Studienfächern gibt es zum Beispiel gar kein Berufsbild. Ein Universitätsabsolvent sucht sich den Beruf, der zu seinem Wissen, den erworbenen Fähigkeiten und seiner Persönlichkeit passt, und ist in der Lage, sein berufliches Umfeld aktiv zu gestalten und zu prägen.

Wir haben in Deutschland ein bewährtes differenziertes Bildungssystem mit Universitäten, Fachhochschulen, Berufsakademien und mit einer dualen Ausbildung, um das wir international viel beneidet werden. Wenn wir Bologna weiter entwickeln und für uns zu einem Erfolgsmodell machen wollen, sollten wir das nutzen. Dazu gehört im Hochschulbereich, dass wir uns genau ansehen, welche Wege für die einzelnen Fächer richtig sind. Keinesfalls kann es darum gehen, Bologna per se infrage zu stellen. Wir müssen aber zum Beispiel sehr differenziert darüber reden, welche Rolle der Bachelor, welche der Master in den Politikwissenschaften, im Maschinenbau, in der Germanistik oder der Chemie spielen sollen und können.

Wir stehen ja ganz unmittelbar vor der Frage, wie viele Master-Plätze wir in den kommenden Jahren benötigen werden. Gerade erst schließen die ersten stärkeren Bachelor-Jahrgänge ihr Studium ab und dann gilt es. Wenn die Politik hier pauschale Quoten anpeilt und womöglich – wie es der Finanzierungsschlüssel des laufenden Hochschulpakts indirekt unterstellt – davon ausgeht, dass grundsätzlich nur für jeden zweiten Bachelor auch ein Masterstudium möglich sein soll, scheint mir das für eine ganze Reihe von Fächern unrealistisch und gefährlich. Die Absolventinnen und Absolventen werden es nicht akzeptieren, reihenweise vor verschlossenen Hochschultüren stehen gelassen zu werden. Und eine Gesellschaft, die gestaltungsfähige, reife Persönlichkeiten braucht, kann sich eine Politik der möglichst schnellen universitären Berufsbildung nicht leisten.

Mehr Gestaltungsraum

Um deutlich zu machen, welche Hochschulpolitik ich mir wünsche, noch ein kurzes Beispiel, wie es auch geht: Bei der Exzellenzinitiative lagen die Dinge schon im Ansatz anders als bei der Bologna-Reform: Statt übermäßiger politischer Steuerung ohne finanzielle Deckung gingen in das Konzept die Erfahrungen der Wissenschaft ein. Hinzu kam die politische Bereitschaft, zumindest temporär echte Investitionen zu tätigen. Das hat zu der sehr offenen Ausschreibung geführt, die die Universitäten herausgefordert hat, ihre individuellen Stärken zu analysieren, ihre Entwicklungsziele klar herauszuarbeiten und entsprechend innovative Konzepte zu entwickeln.

Die erfolgreichen Universitäten konnten mit den Mitteln aus der Exzellenzinitiative Initialzündungen für eine nachhaltige Entwicklung setzen. Der Anreiz für den Wandel ist dabei übrigens viel höher zu bewerten als die – zeitlich begrenzten und im Vergleich mit den Gesamthaushalten der Universitäten eher überschaubaren – zusätzlichen Finanzmittel.

Ich plädiere daher für mehr Gestaltungsspielraum auch beim Studium. Die Universitäten müssen aus ihrem Verantwortungsbewusstsein heraus selbst den jeweils richtigen Weg innerhalb der Bologna-Struktur suchen können. Dazu brauchen sie eine vernünftige Grundfinanzierung und keine Strukturvorgaben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Zitelmann, Daniela De Ridder, Annette Schavan.

Leserbriefe

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