Heimatisieren als Diagnose der Stunde

Homayun Alam18.02.2020Europa, Gesellschaft & Kultur, Medien

In der Bundesrepublik gibt es große städtische, regionale und sprachliche Unterschiede. Trotz der geografischen Größe Deutschlands sind diese Differenzen durch den Alltag, die soziokulturelle Entwicklung und die Binnenmigration irgendwann in einer Interaktion festzustellen. In den Nachwehen des Zweiten Weltkrieges kamen meistens junge Männer aus den südlichen und südöstlichen Gebieten Europas, aber auch Nordwestafrika, nach Mitteleuropa: Deutschland. Dieser Artikel strebt an die mittlerweile vier Generationen von Migranten auf ihrer spezifischen Spur kurz, aber prägnant, nachzugehen. Migration beginnt mit einer Reise. Nun, was bedeutet die Reise von der Heimat zu einer neuen Heimat und ist das Heimatisieren als Diagnose der Stunde legitim?

Erste Generation

Die Bundesrepublik Deutschland schloss in den Jahren zwischen 1961 und 1968 Anwerbeabkommen (mit Italien, Jugoslawien, Spanien, Marokko, Südkorea, Tunesien und insbesondre der Türkei) ab. Die erste Generation der Migranten, die durch die Anwerbeabkommen nach Deutschland kamen, lebte relativ abgeschottet. Ihr Status als Gastarbeiter verdammte sie dazu, Gäste für kurze Zeit zu sein. Um Alltag und Heimweh ein wenig erträglicher zu gestalten, begannen diese Migranten nicht nur für ihre eigentliche Heimat Geld zu sparen, sondern schufen entlang ihres sozialen, sprachlichen, religiösen und marginalisierten Milieus eine eigene Infrastruktur. Diese Infrastruktur umfasste Obst- und Gemüseläden, Cafés und oftmals improvisierte religiöse Einrichtungen. Es ist die Färbung von jungen, mutigen, aber auch benachteiligten Menschen aus häufig ländlichen, stark benachteiligten Regionen der Türkei, Italien und auch Marokko. Sie wurden in ihren eigenen Ländern durch äußere Faktoren wie Kolonialgeschichte, Imperien und daraus resultierenden ökonomischen Problemen erheblich zurückgeworfen. Hinzu kommt, dass der Aufbau vieler Staaten zunächst von der Stadt (Zentrum) zulasten ländlicher Gebiete (Peripherie) ausging. In kürzester Zeit wurden diese Menschen der Peripherie nicht nur im Gesamtstaat vergessen, sondern gleichzeitig vom Zugang von dessen Institutionen ausgeschlossen oder der Zugang zu diesen erschwert. Demnach besaßen diese sozialen Gruppen nicht viele Optionen.

Aufgrund der genannten strukturellen Probleme blieben Migranten wenige Möglichkeiten zur Rettung der Großfamilie. Der soziale Aufstieg war in der ursprünglichen, ländlichen Heimat schwer zu verwirklichen, weshalb Migration zu einer Option wurde. Dabei begaben sich diejenigen, die migrierten, u.a. in die nächsten Städte, Metropolen, sogar Nachbarländer. Viele beschlossen sogar, auf einen ganz anderen Kontinent ein neues Leben anzufangen.

Stets begleiteten sie Begriffe, ästhetische Momente, Erzählungen und Träume aus der Heimat. Die Heimat ist nicht nur emotional besetzt. Sie wird mit Zunahme des Aufenthaltes in der Fremde allmählich zu einem Heiligtum. Dabei sollte in Betracht gezogen werden, dass Heimat hier einen lokalen Einschnitt meint, die dann mit einer Region, Stadt und Nation eine Gleichsetzung erfährt. Diese emotionale Bindung wird durch die tägliche oder öfter angewendete Versprachlichung in sozialen Gesprächsrunden mit Familie, Freunden und Bekannten zum zentralen Thema gemacht. Der Begriff der Heimat ist schön, unendlich, oftmals nur einmal im Jahr territorial erreichbar. Jedoch tritt dieser Begriff bei der ersten Generation der Gastarbeiter nicht als Kampfbegriff auf, sondern als eine Konstante zu sich selbst, als eine vorhandene beweisbare Identität. Daraus ist zu schließen, dass die primäre Sozialisation einer Person sich voll und ganz „woanders“ abspielte.

Zweite Generation

In der zweiten Generation nimmt das identitäre Verhältnis mit der Heimat der Eltern nicht ab. Eher hat diese Generation sich mehr oder minder durch insbesondere den Alltag mit der eigenen Lebensumwelt – definiert durch ein Viertel, einen Sportverein, eine ethnonationale und kulturelle Vereinigung – vertraut gemacht. Auf den Begriff der Heimat fokussiert sich die zweite Generation nicht einseitig. Es kommt gelegentlich zu bilateralen Vergleichen zwischen einer lokalen Bindung als sozialisierter, gebürtiger Frankfurter gegenüber dem entfernten Herkunftsland der Eltern. Heimat, Heimatisierung und Beheimatung des Selbst, potenzieller Angehöriger aus dem sozialen Nahumfeld und schließlich Identität sind beim großen Thema der Migration maßgebende Bausteine für die Fortentwicklung in einer neuen Geographie.

Wie die erste Generation besitzt die zweite Generation innere und äußere Merkmale. Die inneren Merkmale werden von anderen Migrantengruppen meistens bemerkt, oftmals angesprochen, jedoch selten wertbesetzt. Die äußeren Merkmale, die man durch den Phänotyp und einem vielleicht vorhandenen Akzent in der Sprache als erstes erkennt, können von nativen sozialen Gruppen bemerkt werden. In der inneren Gruppe werden höchstwahrscheinlich andere Fragen gestellt, wobei die erste Frage stets lauten kann: woher man abstammt? Konkreter, d.h. aus welchem Land, der dazugehörigen Stadt, Region, Topographie und schließlich soziokultureller Zugehörigkeit. Wird jedoch dieselbe Frage von der äußeren Gruppe gestellt, bezichtigt man die fragende Person einer Wertung. Diese Bezichtigung – an sich selbst ein Urteil und Wertung – kann nicht nur irreführend sein: Die Frage nach der Herkunft durch den Fragenden wird als Zeichen der Entwertung, Entfremdung und Entheimatisierung; kurz bemerkt, sie wird als pure Entmenschlichung und Degradierung markiert.

Dritte Generation

Die dritte Generation ist, wie auch die vorhergehende Generation, nicht allein mit der Sprache des Geburts- und Sozialisationslandes vertraut, sondern hat sich in vielen Feldern durch Auswahl/Wahl, Ausbildung und im Alltag längst zurechtgefunden. Die dritte Generation produziert, konsumiert und urteilt aktiv. Ferner, wird sie passiv be- oder verurteilt: Sie ist eine wahrnehmbare kulturgesellschaftliche Konstante. Diese Generation nimmt an Diskursen teil, beobachtet das Tagesgeschehen nicht hinter dem Vorhang, sie hat eher den Habitus den Begriff des Heimatisierens unverhohlen beim Namen zu nennen. Die Heimat der Eltern bzw. Großeltern kann die dritte Generation durchaus über transkulturelle Versatzstücke, die man dann in seiner Alltagwelt bewusst durch Sprache und Sozialverhalten eingliedert, demnach interessanter gestalten. Die emotionale Nabelschnur zum Geburtsland der Eltern bzw. Großeltern bleibt zwar bestehen. Dessen ungeachtet besitzen Mitglieder der dritten Generation, im Gegensatz zu vorherigen Generationen, eine tendenziell entspannte emotionale Bindung zur „alten Heimat“, aber immer noch ist es eine rationale durch räumliche, sprachliche und somit feststellbare Distanz.

In der Bundesrepublik, seinen urbanen Zentren und Lebensräumen wie Frankfurt am Main, Stuttgart u.v.m. erfahren ehemals abgehängte Menschen aus ländlichen Gebieten der ersten Gastarbeitergeneration Prozesse wie Urbanisierung, Institutionalisierung, Metropolisierung, Globalisierung, Internationalisierung, Glokalisierung, Demokratisierung und die Verrechtlichung als Bürger. Dadurch ist der Anschluss an die Errungenschaften eines modernen westeuropäischen Nationalstaates, ohne gravierende Benachteiligungen aufgrund des Phänotyps, der Herkunft und sonstiger Merkmale erreicht.

Vierte Generation

Die Generationen sind heutzutage im Austausch untereinander und weiterhin in digitaler Verbindung mit ihrer Außenwelt. Die vierte Generation hat es insbesondere emotional nicht leichter, aber bei weitem nicht so schwer wie die erste Generation. Erstere sind bewusste gesellschaftliche Akteure, damit auch aktive Teilnehmer der Gesellschaft. Sie sind durch die Erlebnisse und Missverhältnisse, aber auch Errungenschaften der vorangegangenen Generationen mehr oder minder im Bilde. In ihnen zeichnet sich langsam, aber zunehmend mehr, eine Erinnerungskultur der inneren (Familie) und äußeren (Gemeinschaft und Gesamtgesellschaft) Migrationsgenerationen. Ihr Bewusstsein ist meistens mehrschichtig, da sie durch das alltägliche soziale Nahumfeld mehr über die Biographie der Anderen erfahren. Dabei stellt sich für sie eine allgemeine Frage: Ist ihre Erinnerungskultur, die aus ihrem Elternhaus, womit eine spezifische Ethnie, Stadt/Region/Nation, Sprache, Geografie, Mentalität und Religion einhergeht, universell genug?

Gewiss kann eine mögliche Antwort auf diese allgemein bzw. offen gestellte Frage eine Verneinung dessen sein: Bestimmte Situationen führten zu einer Abwanderung weg von der eigentlichen Heimat, und einer Zuwanderung zu einer neuen Heimatisierung. Die Szenarien können, negativ betrachtet, u.a. wirtschaftliche Benachteiligung, politische Geringschätzung und kulturelle Verleumdung sein. Nichtsdestoweniger, sollte diese allgemeine mit offenem Ausgang gestellte Frage, um sie universell betrachten zu können, zunächst im Raum gestellt werden: Inwieweit kann die Migrationsgeschichte zweier Personen aus der ersten Generation und aus ebenfalls derselben Migrationszeit gleichgesetzt werden. Dabei sind viele binäre Kategorien, wie z.B. persönlich-familiäre, politisch-staatliche, kulturell-alltägliche, sprachlich-bildungsmäßige und weitere Elemente als Ausgangslage für eine multiperspektivische Untersuchung, zu beachten.

Die vierte Generation beginnt langsam, jedoch bewusster als vorangegangene Generationen, die vielfältigen Traditionen der Einheimischen nicht nur glokal (global und lokal) ungewohnt anzuschauen, sondern in Eigenreflektion für sich selbst soziokulturell auszuarbeiten. Diese Ausführungen können wieder als eine eigene Heimatisierung des Selbst gewertet werden. Es wird nicht nur über die alte Heimat, die Migration, die Eigen- und Fremdwelt täglich gesprochen, sondern ebenso über das Morgen danach einwenig tiefer gedacht werden können.

Ausblick

Die Reise von der alten Heimat zu einer neuen Heimat und das Heimatisieren als Diagnose der Stunde, sollte den Leser dazu bewegen in einem gegenseitigen, aber prozesshaften Werdegang die Fortentwicklung eines Migranten allumfassend zu begreifen. In westlichen Staaten Europas zu migrieren, ist reizvoll. Ob die glokale Welt und die alltägliche Lebenswelt unübersichtlich, oder das Gegenteil dessen wird, kann man sich je nach Standpunkt und Schauplatz neu ansehen. Dieser Artikel strebte an den Blick zeitdiagnostisch für einige Beobachter als Unverständnis mediatisierte Phänomene der Migrationsgesellschaft, aber dennoch bis jetzt in vielerlei Hinsicht trotzdem schlecht entschlüsselten (migrantischen und gesamtgesellschaftlichen) Alltagsrealitäten, zu schärfen.

Die in dieser ,,Auslegung“ kategorisch nach Generation aufgeteilten Migrationen sind selbst nicht statisch. Migration findet nicht allein von einem Kulturraum gegenüber oder zum anderen statt. Eher sind dynamische Austauschhandlungen zwischen mehrschichtigen Kulturräumen zu verzeichnen. Jede Sprache, ob Deutsch, Persisch, Amazigh oder Tigrinya, wird spätestens, wenn es durch einfache Menschen ohne juristische oder politische Absicht geschieht, Ein- und Ausdrücke voneinander aufnehmen. Was bleibt sind die großen Themen der Migration, wie z.B. die Vielfalt an Akteuren, Teilnehmern, Heimatbegriffen, Sprachen und Kulturen.

 

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