Begehren soll sich durch Konsum ausdrücken. Susie Orbach

Music Awards nach dem Ende von Music Television

Musikvideos sind das Leitfossil audiovisueller Popkultur von 1981 bis 2005: von der Landung des Moon Man bis zur Landung von YouTube.

Anfangs war nur 1 MTV weltweit – für angeschlossene Provinzler in Mitteleuropa, Südamerika oder Ostasien ein Fenster in das fortgeschrittene Amerika des Pop. Ende 1997 aber wurde der Auslandssender englischer Sprache aus dem Lande Pop zum Inlandssender.

Von Clip zu Clip

Nicht mehr fremdartige ModeratorInnen (zunächst der USA, später aus dem UK und in geschmackvoller gender-race-Mixtur) und deren exotisch-kosmopolitischer Habitus, deren nur teils verständliche Anspielungen leiteten von Clip zu Clip – plötzlich waren es Inländer. MTV war unser. Der Reiz aber war weg. Die Ferne verließ das Wohnzimmer.

Die European Music Awards wurden 1994 begonnen, als sparsamer und zaghafter Versuch, die glamouröse, selbstironische, pathosfreudige Award-Kultur der USA über den Atlantik zu holen. Eine Kultur, deren Hollywood-Population sich gerne als Repräsentanz versteht des gesamten Landes; mit Double-You aber lernte: sie repräsentiert höchstens Ost- und Westküste.

Die “europäischen Musikpreise” konnten darum nur die kleine Schwester, strebsame Schülerin sein, die versuchte, doch auch so halbwegs gelungen und glamourös, frech und urban hinzukriegen, was ihr Urvater MTV so virtuos und humorvoll, mit üppigen Budgets und unvergleichlichem line-up wie nebenhin bewerkstelligte.

Jährlich im September sind MTV’s Video Music Awards – entweder in New Yorks altehrwürdiger Radio City Music Hall oder dem Gibson Amphitheatre von Los Angeles – die Vollversammlung amerikanischer Popkultur. Alles trifft sich hier, reflektiert sich, das vergangene Jahr wird selbstironisch aufgearbeitet. Jede und jeder, der als MusikerIn, SängerIn,
ModeratorIn oder Showstar die medialen Bühnen des Pop betrat, muss sich an seiner öffentlichen Wirkung als mediale Person messen lassen: Der Nockherberg, der Karnevalsumzug, das Silvesterkabarett der US-amerikanischen und so stets globalen Popkultur.

Diese Bedeutung haben die EMA’s nie erreichen können

Bezeichnend auch, dass große US-Stars die Conference übernahmen (von Sean Combs über Snoop Dogg bis Christina Aguilera): lässige Frechheit den KollegInnen gegenüber
borgte man sich gerne aus. Mehrzweckhallen von führerbunkerhaften Ausmaßen und Ästhetiken (etwa die sogenannte O2-Arena in Berlin) als Austragungsort scheiterten ebenso wie die Idee gelangweilter location scouts, das Brandenburger Tor als backdrop dem Unterhaltungsunternehmen für Erlösungssüchtige U2 anzudienen. Als Vorgruppe zum Dominoday der Reichspogromnacht, nein falsch: zur neuen Reiseregelung der Deutschen Demokratischen Republik am 9.11.1989? EMA’s blieben anämisch, leicht neureich. Die traditionsprotzige Jovialität, Ehrfurcht und Selbstironie im Glamour der VMA’s wurde nie erreicht. Typische Konzepterideen und die Befriedigung der Werbepartner knarzten aus jedem Auftritt und Bühnenbild.

Was das über das Musikvideo und seine distributive Hebamme MTV sagt? Vielleicht nur, dass das franchising dieses ur-amerikanischen Fernsehsenders nur um den Preis gelang, die faszinierende Aura des fernen Landes Pop zu vernichten. Nun sitzen wir im gleichen Wohnzimmer; lesen die tweets vormaliger – oder nur imaginierter – Stars; und suchen wieder an anderen Orten, zu anderen Zeiten nach dem popkulturell, gegenkulturell und imaginativen ganz Anderen. Was wäre so erratisch und fremd, uns zu öffnen für eine andere Welt? MTV has just left the building.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sabine von Wegen, Conrad Fritzsch, Max Dax.

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