Untoter Zombie

Hilmar Hoffmann10.11.2010Gesellschaft & Kultur

Lange war der Begriff der Leitkultur in der politischen Versenkung verschwunden. Jetzt ist er wieder aufgetaucht. Doch es geht nicht darum, einen traditionsschwangeren Kulturkanon zu diskutieren. Wir müssen über unsere ideelle Lebensgrundlage sprechen – diese ist wandelbar und wird auch von Migranten mitbestimmt.

Im Abstand von ein paar Jahren taucht es immer wieder auf, das Fossil der Leitkultur: Um 2004, nicht zufällig im Umkreis von Wahlen, wurde darüber diskutiert, wie vorher schon in den 90er-Jahren. Dann herrschte Funkstille. Inzwischen begriff Deutschland sich als Einwanderungsland, das für Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung Heimat sein wollte und Vielfalt als Ressource begriff. In dem von allen Parteien des Deutschen Bundestags zustimmend gewürdigten Bericht der Enquete-Kommission Kultur in Deutschland erscheint der labile Begriff nirgends, auch nicht in dem ausführlich der Kultur und der Migration gewidmeten Kapitel.

Plötzliche Wiederkehr

Jetzt plötzlich taucht sie wieder auf, die Leitkultur. Sie ist aus der Versenkung auferstanden in einer merkwürdigen Zwitterstellung: Für die Intellektuellen und die Wirtschaftseliten ist sie eher ein Partygag. Denn diese wissen, dass das Grundgesetz zwar die Grundwerte festschreibt, im Übrigen aber die Ausgestaltung der konkreten Lebensformen den Bürgern anheimgibt, damit auch den Arbeitskräften aus dem Ausland, eingeschlossen jene unverzichtbare irreguläre Migration von billigen Arbeitskräften als Unterfutter der Globalisierung. Aber an den Stammtischen und Imbissbuden feiern reaktionäre Formeln ihre Auferstehung wie jene von der Überfremdung, den angeblich nicht anpassungswilligen und bildungsunfähigen anderen “Kulturen”, der unaufhebbaren, womöglich noch genetisch begründeten Fremdheit und der überall lauernden islamistischen Bedrohung. Nicht nur durch das Grundgesetz und unsere rechtliche Ordnung (die nicht nur für Migranten, sondern auch für Manager gilt) wird die Gemeinschaft zusammengehalten, sondern auch durch eine “ideelle Lebensgrundlage”. Dieser zugehörig sind Elemente aus der Antike, des Christentums (das jüdische ebenso wie andere nahöstliche Überlieferungen, auch solche der islamischen Welt), der Aufklärung, der deutschen Klassik ebenso wie der sozialen Bewegungen des 19. Jahrhunderts, ohne die Wohlfahrtsstaat und heutige Demokratie nicht denkbar sind.

Lebensgrundlage ist keine Leitkultur

Die “ideelle Lebensgrundlage” ist keine festgeschriebene “Leitkultur”. Vielmehr werden diese lebensdienlichen Grundlagen durch die Staats- und Wohnbevölkerung ständig weiterentwickelt und neu interpretiert. An dieser Fortentwicklung des kulturellen Selbstverständnisses sind alle, auch die Migranten, beteiligt. Ohne diese nachhaltigen Prozesse gäbe es keine Emanzipation der Frau, keinen Naturschutz in der heutigen Form, keine Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensweise und vieles andere mehr.

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