Trotz aller Erfolge stehen wir bei der Energiewende immer noch am Anfang

Hildegard Müller5.07.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

“Trotz aller Erfolge stehen wir bei der Energiewende immer noch am Anfang. Auch weil die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen oft zu spät, zögerlich oder gar nicht an die Notwendigkeiten angepasst wurden. Die schwierigen Herausforderungen liegen noch vor uns”, betont Hildegard Müller.

_Wann wird das Elektroauto das Straßenbild in Deutschland prägen?_

Der Markthochlauf der Elektromobilität ist schwer einzuschätzen. Die Prognosen in den unterschiedlichen Studien reichen von 5 % bis zu mehr als 50 % der Neuwagenverkäufe im Jahr 2025. Ich persönlich rechne mit einem raschen Anstieg an Elektroautos. Alle Beteiligten – die Politik, die Autohersteller und die Energiebranche – sind entschlossen, den Durchbruch zu schaffen. Wir müssen uns deshalb anstrengen, dass das Stromnetz Schritt halten und die zusätzliche Belastung bewältigen kann. Das betrifft die Betreiber der Höchstspannungsleitungen, vor allem aber uns Verteilnetzbetreiber. Wir stehen vor einer Mammutaufgabe.

_Woran liegt es, dass die E-Mobilität bislang nur schleppend voran kommt?_

Die Energieversorger sind bereits in Vorleistung getreten und haben ein flächendeckendes Netz an Ladestationen aufgebaut. Allein Innogy betreibt zurzeit mehr als 5000 Ladesäulen in 700 deutschen Städten und Gemeinden, viele weitere sind geplant. Mit Unternehmen der Autoindustrie und anderen Industriekunden setzen wir Konzepte für das Laden am Arbeitsplatz und den Flottenbetrieb um. innogy hat allein beim Automobilhersteller Daimler die Schallmauer von 1.500 Ladepunkten an insgesamt 22 Werksstandorten durchbrochen. Jetzt liegt es an den Autobauern, mit neuen Modellen für Schwung zu sorgen. Insbesondere die Reichweite der Autos muss weiter erhöht werden, um mehr Flexibilität zu ermöglichen.

_Was bedeutet der Ausbau der Elektromobilität für die Energieversorgung in Deutschland?_

Der Ausbau der E-Mobilität ist beherrschbar – wenn es richtig gemacht wird. Zurzeit gibt es rund 35.000 E-Autos in Deutschland. Wenn es 40 bis 45 Millionen wären, was in etwa dem aktuellen Fahrzeugbestand entspricht, würde der Strombedarf insgesamt gerade einmal um 16 Prozent steigen: Diese zusätzliche Strommenge könnten die vorhandenen Netze technisch verkraften. Problematisch für das Stromnetz wäre es nur dann, wenn alle E-Autos gleichzeitig laden würden. Diese Lastspitzen sind die eigentliche Herausforderung.

_Wie wollen Sie vermeiden, dass in solchen Situationen das Stromnetz zusammenbricht?_

Von solchen Horrorszenarien halte ich nichts. Wenn wir nichts unternehmen würden, könnte es zwar eng werden. Soweit muss es aber nicht kommen. Wir müssen das Stromnetz allerdings parallel zum erwarteten Boom der Elektromobilität ertüchtigen. Natürlich kommen wir dabei um einen Ausbau des Stromnetzes nicht herum. Viel wichtiger als neue Kupferleitungen ist aber der Umbau zum intelligenten Stromnetz. Wir müssen in der Lage sein, die Stromflüsse intelligent zu steuern. Studien zeigen, dass wir die Anzahl der möglichen Ladevorgänge in einem Netz so verzehnfachen können. Dadurch reduzieren wir die Notwendigkeit für klassischen Netzausbau und halten im Interesse der Verbraucher die Kosten so gering wie möglich. Auch volkswirtschaftlich ist das die effizienteste Lösung.

_Sie wollen also die Hoheit über die Steckdosen?_

Eines ist klar: Der Autofahrer kann selbst entscheiden, wann und wo er laden möchte. Wir wollen ihm aber bedarfsgerechte Angebote machen. Wer erst mitten in der Nacht lädt, bekommt den Strom günstiger. Ganz aktuell bietet eine unserer Verteilnetz-Töchter Bauherren an, die Kosten für den Stromanschluss zu übernehmen, wenn wir einen intelligenten Zähler installieren dürfen. So können wir die Zahl der Ladevorgänge intelligent verteilen. Bei rund 90 Prozent Standzeit der Fahrzeuge geht das ohne Probleme. Wenn wir die Ladevorgänge über die Nacht verteilen können, hätten wir viel gewonnen. Es muss nur gewährleistet sein, dass das Auto geladen zur Verfügung steht, wenn der Fahrer es benötigt. Außerdem kann so auch die schwankende Einspeisung der erneuerbaren Energien besser genutzt werden.

_Derzeit wird viel über die Klimaziele diskutiert. Schaffen wir die Energiewende?_

Trotz aller Erfolge stehen wir bei der Energiewende immer noch am Anfang. Auch weil die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen oft zu spät, zögerlich oder gar nicht an die Notwendigkeiten angepasst wurden. Die schwierigen Herausforderungen liegen noch vor uns. Bislang lag der Fokus nur auf dem Ausbau von Windrädern und PV-Anlagen. Außerdem sollen große Stromautobahnen vom Norden in den Süden gebaut werden. Die brauchen wir auch. Entscheidend ist aber das Verteilnetz: Hier sind mehr als 95 Prozent aller EE-Anlagen angeschlossen, hier findet der Ausbau der E-Mobilität statt, hier findet Energiespeicherung und Sektorkopplung statt. Es sind deshalb erhebliche Anstrengungen notwendig, um die Verteilnetze für die stark steigende Volatilität bei Erzeugung und Verbrauch zu ertüchtigen. Die Verteilnetzbetreiber müssen weiter investieren können, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzt, können wir die Klimaziele schaffen.

Fragen: Stefan Groß

Das Interview wurde auf dem SignsAward 2018 geführt. Hildegard Müller hielt die Laudatio auf SignsAward-Preisträgerin, Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Sebastian Kurz war Merkel schon immer einen Schritt voraus

Sebastian Kurz hat es Europa mal wieder gezeigt. Er fährt in die andere Richtung als seine Kollegen. Wo andere im Shutdown verharren, denkt er über Lockerungen nach. Kurz ist nach der Flüchtlingskrise 2015 wieder zum Macher und Taktgeber Europas geworden. Er setzt neue Akzente und gibt den Bürge

„Coronabonds führen zu einer Verschuldungslawine, die nichts als Hass und Streit übrig lassen wird“

Der Top-Ökonom und ehemalige Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn über platzende Geldpolitik-Blasen und mögliche Schuldenschnitte, warum der Euro nicht zu jedem Preis überleben muss und es anstatt Coronabonds aufzulegen sinnvoller wäre Italiens Krankenhäusern Geldgeschenke zu machen.

Corona als Hoffnungsträger im Kampf gegen den Kapitalismus

Weltweit hoffen Antikapitalisten, die Corona-Krise könne endlich das lang ersehnte Ende des Kapitalismus einläuten. Ob in den USA, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland: Die Argumentation der antikapitalistischen Intellektuellen ist überall gleich. Sie hatten eigentlich schon gehofft, dass

Merkels 4 Coronakrisenmanager

Krisenmanager sind in Coronazeiten gefragt. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gleich vier davon. Drei von ihnen sind potentielle Kanzlerkandidaten, Markus Söder, Jens Spahn und Armin Laschet.

Umweltpolitik degenerierte zum „Ökomoralismus

Der langjährige „Welt“-Journalist Ansgar Graw, inzwischen Herausgeber von "The European", stellt in seinem aktuellen Buch die These auf, dass wir zurzeit eine „grüne Hegemonie“ erleben. Dies mag unter anderem an der „medialen Dauerpräsenz grüner Kernanliegen“ liegen. Für die Zeit vo

Sushi-Bar, Ölheizungen und Kernkraftwerke

Die Grünen fordern in der Corona-Krise eine „Pandemiewirtschaft“, Abschalten der Kernkraftwerke, Austauschen von Ölheizungen, Eurobonds und die Aufnahme von „vulnerablen“ Flüchtlingen von den griechischen Inseln.

Mobile Sliding Menu