Der Raubtierkapitalismus muss gefüttert werden. Jean Ziegler

Gott ist mehr als eine Floskel

Ohne das Christentum wäre unser Gemeinwesen gar nicht denkbar. Auch wenn die formale Bindung zu den Kirchen schwindet, bleibt der Gottesbezug im Grundgesetz weiter wichtig und richtig.

Immer weniger Menschen in Deutschland gehören einer christlichen Kirche an: in den neuen Bundesländern weniger als ein Drittel, in vielen westdeutschen Großstädten weniger als die Hälfte. Nicht selten wird angesichts dieser Entwicklung die Frage gestellt, ob es nicht an der Zeit wäre, den Gottesbezug am Anfang unserer Verfassung zu streichen? Meine Antwort als Christ und als Politiker ist eindeutig: Nein! Denn dieser Gottesbezug wurde von den Müttern und Vätern des Grundgesetzes ganz bewusst an den Beginn seiner Präambel gestellt: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen […] hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“

Mit dieser Berufung auf Gott verbindet sich kein christlicher oder kirchlicher oder spezifisch religiöser Monopolanspruch. Dieser Bezug verdeutlicht vielmehr, dass es eine politische Verantwortung gibt, die das rein innerweltliche Denken, Planen und Handeln übersteigt – und diese Verantwortung damit auch vor Missbrauch bewahrt.

Mit dem Gottesbezug reagierten die Mütter und Väter des Grundgesetzes unmittelbar auf die schrecklichen Gräuel des Naziterrors. Er macht deutlich: Der Staat hat ein ethisches Fundament, das über die menschliche Verfügungsgewalt hinausreicht. Der Verfassungsgeber und damit – nachgeordnet – auch andere staatliche Gewalten sind nicht die Träger absoluter Souveränität

Keine Wurzeln kappen, die das Land zusammenhalten

Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte könnte man auch sagen: Sie sind nicht die Inhaber absoluter Macht. Vielmehr gibt es Grenzen staatlichen Handelns, die nicht zuletzt im christlichen Glauben als Wertefundament unseres Staates und unserer Gesellschaft begründet sind. Damit steht der Gottesbezug symbolhaft für das überpositive Recht als Quelle unseres freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates. Unsere Grundordnung mitsamt der universalen und unveräußerlichen Menschenrechte beruht darauf.

Politik und Religion, Staat und Kirche sind in Deutschland nicht strikt voneinander getrennt. Es gibt vielmehr eine wohlwollende Neutralität des Staates gegenüber den Kirchen. Kirchen und Staat sind autonom und unabhängig voneinander. Aber: Sie wirken partnerschaftlich zusammen. Dieses Verhältnis hat sich bewährt. Und wir sollten es bewahren!

Wer anderes fordert, verkennt die große Bedeutung, die die Kirchen für unser Gemeinwesen hatten und haben. Das Christentum hat die Geschichte und Kultur unseres Landes in herausragender Art und Weise geprägt. Unser Staat, unser Grundgesetz, unsere ganze Gesellschaft beruhen zu einem ganz großen Teil auf christlichem Gedankengut. Wer den Gottesbezug in unserer Verfassung infrage stellt, würde ohne Not eine der Wurzeln kappen, die dieses Land zusammenhalten. Und er würde gut 2.000 Jahre deutsche Kulturgeschichte, die eben maßgeblich vom Christentum geprägt ist, entwerten. Im Übrigen: Trotz sinkender Zahlen bekennen sich nach wie vor rund 48 Millionen Menschen in Deutschland zum christlichen Glauben.

Religion und Glauben sind sinnstiftend, schaffen Zusammenhalt und haben damit eine konstruktive Qualität für die staatliche Gemeinschaft über die Glaubensgemeinschaft hinaus. Andere europäische Staaten haben andere Traditionen, beispielsweise das laizistische Frankreich. Deshalb war es nicht möglich, einen Gottesbezug in der Europäischen Verfassung zu verankern. Dies darf allerdings nicht dazu führen, dass wir diese sinnstiftende Rolle in unserem Land infrage stellen.

Der ehemalige Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde hat dies einmal sehr treffend formuliert: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Sprich: Gerade die Kirchen, aber auch andere Religionsgemeinschaften, in Deutschland tragen dazu bei, dass Werte vermittelt und gelebt werden, die zu den Voraussetzungen unseres demokratischen, rechtsstaatlichen und die Würde des Menschen achtenden Staates gehören.

Mehr Bekenntnisfreude von uns Christen täte dem ganzen Land gut

Ein Gottesbezug in der Verfassung bedeutet wiederum keineswegs, dass andere Religionen und deren mögliche wichtige Beiträge zum Wertesystem der Bundesrepublik Deutschland nicht auch gewürdigt würden oder nicht wichtig wären. Das sollten wir auch immer wieder bei aktuellen Diskussionen über den Islam in Deutschland deutlich machen. Für viele gläubige Muslime ist nicht das Problem, dass unser Land christlich ist. Ihnen machen häufig eher Gottvergessenheit und aggressiver Atheismus zu schaffen. Gerade weil unsere Gesellschaft bunter wird, ist es zudem wichtig, dass die Christen ihre Farbe kraftvoll einbringen. Mehr Bekenntnisfreude von uns Christen täte dem ganzen Land gut!

Ohne das Christentum wäre unser Gemeinwesen gar nicht denkbar. Der Gottesbezug in unserer Verfassung ist also mehr als Nostalgie oder Traditionalismus. Er verdeutlicht zugleich das, was die Grundlage unseres Zusammenlebens ist. Er ist eine wohltuende Erinnerung an die für unsere Identität nach wie vor unverzichtbare christliche Prägung unseres Landes.

So hat eine aktuelle Allensbach-Umfrage klar ergeben: Viele Deutsche, die sich nicht zum christlichen Glauben bekennen, identifizieren sich durchaus mit der christlichen Tradition des Landes. Die Schlussfolgerung der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ aus den Umfragezahlen: „Die kulturelle Verankerung der Deutschen im Christentum reicht weit über die religiöse Bindung oder gar das offene Bekenntnis hinaus.“ Dies sollte uns Mut machen und Hoffnung geben. Denn es zeigt: Der Gottesbezug in unserem Grundgesetz hat von seiner Bedeutung für unser Zusammenleben nichts verloren.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolf Achim Wiegand, Thomas Punzmann, Peter Sloterdijk.

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