Unerwünschte Koalitionen straft der Wähler ab | The European

Wie die Deutschen ticken: Unerwünschte Koalitionen straft der Wähler ab

Hermann Binkert13.05.2022Medien, Politik

Wenn am Sonntag um 18:00 Uhr die Wahllokale in Nordrhein-Westfalen schließen und die ersten Prognosen und später Hochrechnungen veröffentlicht werden, weiß man, was die einzelnen Parteien im Vergleich zur letzten Wahl gewonnen bzw. verloren haben. Aber erkennt man daraus den wirklichen Wählerwunsch? Wir fragen regelmäßig, welche Partei man sich nach der Wahl an welcher Stelle wünscht: Die Regierung führend und den Ministerpräsidenten stellend; an der Regierung beteiligt; in der Opposition oder gar nicht im Landtag vertreten.

Volksparteien am Ende, Quelle: Shutterstock

56 Prozent der Wähler in Nordrhein-Westfalen wünschen sich die CDU führend oder mitregierend an der Regierung. Von der SPD sagen das 55 Prozent. Weiter auseinander geht es, wenn man zwischen führend und mitregierend unterscheidet. 41 Prozent wünschen sich die führende Rolle von der CDU, 33 Prozent von der SPD. Mitregierend wünschen sich 15 Prozent die CDU, 22 Prozent die SPD.

Die überragende Mehrheit der Wähler aller Parteien – von 88 Prozent bei der FDP bis zu 99 Prozent bei der CDU (SPD 95 Prozent, Linke 95 Prozent, Grüne 93, AfD 90 Prozent) – wollen, dass die von ihnen favorisierte Partei in Regierung mitwirkt.

Die meisten Wähler wählen Parteien, damit sie die Regierung gestalten, nicht für den Widerspruch in der Opposition. Und wenn sie es sich wünschen könnten, sähe bei fast allen Parteien jeweils mindestens eine relative Mehrheit der Anhängerschaft ihre Partei gerne führend an der Regierung. Bei den Parteien, die in der Regel „Juniorpartner“ sind, ist der Wunsch nach der Führung in der Regierung etwas weniger ausgeprägt. Hier erkennt man dann auch die taktischen Koalitionswähler. Und an dieser Stelle ist natürlich interessant, wer als potenzieller führender Koalitionspartner favorisiert wird: Bei den FDP-Wählern ist dies eher die CDU als die SPD (38 zu 18 Prozent) und bei den Grünen-Wählern ist das eher die SPD als die Union (27 zu 14 Prozent).

Die eigene Partei wünschen sich unter den Wählern der Grünen 55 Prozent und unter den Wählern der FDP 43 Prozent als führende Partei.

Deshalb sollten die Parteiführungen den Wahlergebniswunsch ihrer jeweiligen Wählerschaft im Blick haben, wenn sie nach der Wahl über Koalitionen verhandeln. Wer seine eigene Anhängerschaft bei der Koalitionsentscheidung vor den Kopf stößt, könnte bei der nächsten Stimmabgabe dafür die Quittung bekommen. Nach der Wahl ist vor der Wahl.

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