Die Metamorphose eines Heiligen und die Wirklichkeit der verkehrten Welt

Herman Mchedeli26.12.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Der unablässige Glaube an den winterlichen Geschenkebringer verbirgt die historische Macht des Heiligen. Sein Gestalt- und Inhaltswandel in der Moderne liegt der konsumistischen Infantilisierung des Menschen zugrunde, der sich selbst zum Verhängnis werden kann.

Die alljährliche Wiederkehr des Weihnachtsmanns stellt eine lebendige Widerlegung Max Webers Erzählung von der Entzauberung der Welt dar. Das Heilige verschwindet keineswegs aus dem modernen Leben, sondern wandelt sich zu einer neuen Sinneinheit. In der Sprache der gegenwärtigen deutschen Soziologen ausgedrückt, lässt sich die Geschichte in Form von vielfältigen Prozessen der Sakralisierung erfassen. An keinem anderen als an der Figur des heiligen Nikolaus werden diese Metamorphosen deutlicher sichtbar. Die Geschichte der Entstehung und der Umwandlung des Nikolaus als eines winterlichen Gabenbringers hat viele Facetten. Dazu gehören die christlichen Legenden über den oströmischen Bischof Nikolaus von Myra aus dem 4. Jahrhundert, die mittelalterlichen Feste der „verkehrten Welt“ mit ihren Verkleidungszeremonien und der Umdrehung der Ständeordnung, Luthers Ablehnung des Heiligenkultes oder auch die Verlegung des Schenkfestes auf Weihnachten. Ferner reihen sich die Überarbeitung des Nikolaus-Festes in Form einer bischöflichen Visitation, die Auswanderung des niederländischen Sinterklaas-Brauchs nach Amerika und die daran anknüpfende Wiedergeburt des alten Heiligen in der Santa Claus-Figur im 19. Jahrhundert sowie der Beginn der Werbungskampagne von Coca-Cola mit dem Weihnachtsmann in den 1930er Jahren ein.

Wenngleich der Nikolaus als Gabenbringer von der europäischen Brauchtumslandkarte nicht völlig verschwunden ist, ist er von seinem jüngeren entchristianisierten Doppelgänger und zugleich Konkurrenten deutlich in den Hintergrund gedrängt worden. Weihnachtsmann, Santa Claus, Père Noël, Väterchen Frost, – seine neuen Namen sind von Land zu Land unterschiedlich, sein neues Aussehen ist fast immer gleich: ein bärtiger fröhlicher Alter in rot-weißer Kluft ohne Mitra, Brustkreuz und Bibel in den Händen. Er ist ein Diener der modernen Konsumgüterindustrie, die das neue kosmische Ganze mit seinen mythischen Gestalten und den dazu gehörigen Ritualen bildet.

Der Nordpol wird in dieser neuen Mythologie der marktwirtschaftlichen Romantik zum magischen Ort, von dem das Leben der fortgeschrittenen Gesellschaften im Dezember gesteuert wird. Was in diesem kapitalistischen Hyperborea vor sich geht, veranschaulicht der bekannte Disney-Film „Santa’s Workshop“ (1932). Die Heimat des Weihnachtsmanns wird als Fabrik gezeigt, in der die Zwerge Spielzeug am laufenden Montageband herstellen. Die Puppen entwickeln nach der Herstellung ein fetischistisches Eigenleben. Sie werden von den Zwergen zum Leben erweckt, dann zeigen sie ihre sprachlichen Fähigkeiten und marschieren auf einen großen Sack zu, den Santa für sie aufhält. Schließlich bricht Santa im Schlitten mit Rentieren aus seiner Heimat zu den Menschen auf.

Die unzähligen Götzen aus der nordischen Massenproduktion werden heute keineswegs nur von Kindern angebetet, sondern auch von Erwachsenen, die zu Kindern geworden sind. Mit dem Alter ändern sich die Größe und die Komplexität der Spielzeuge, nicht aber deren Inhalt. Modellautos werden durch echte Autos ersetzt. Puppenkleidung verwandelt sich in Markenklamotten. Computerspiele hingegen bleiben reizend für jedes Geschlecht und Alter und werden zu einer paradiesischen Verwirklichung der Träume von einem möglichen Leben und Erleben. Die Vielfalt der herzustellenden Spielzeuge schießt ins Unermessliche und stellt eine neue Variable des alten infinitesimalen Strebens dar. An der Spitze der modernen Bedürfnispyramide steht nicht die Transzendenz, sondern der Besitz von Yachten, Privatjets und Fußballclubs. Die einzige Entzauberung im Prozess des Älter-, aber keineswegs des Erwachsenenwerdens besteht in der Einsicht, dass die Spielzeuge nicht kostenlos zu erstehen, sondern stets zu kaufen sind. Das paradiesische Hyperborea des Weihnachtsmanns wird von den Finanzströmen der infantilen Erwachsenen am Leben gehalten.

Das Erfolgsgeheimnis der Weihnachtsmannindustrie liegt in der Anwendung der alten biblischen Wahrheiten auf die neuen Inhalte des Sakralen. Das Jesu-Wort: „Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“ fungiert als das Grundprinzip der heutigen Marketing-Strategen, die das Reich des neuen Konsumgottes durch das Heraufbeschwören des Kindischen im Menschen zu expandieren suchen. So lautet der aktuelle Werbeslogan eines großen deutschen Lebensmittel-Discounters: „Weihnachten ist für Kinder. Also für uns alle.“ Der Weihnachtsmann ist ein neuer alter Heiliger im Zeitalter der ewigen Kindheit. Weihnachtsmärkte, Warenhäuser und Onlineverkaufsplattformen werden zu neuen Kultstätten seiner Verehrung. Die gläubige Anhängerschaft des reinkarnierten Nikolaus kennt keine Alters-, Geschlechts- oder Kulturbeschränkung mehr.

In dieser gegenwärtigen an Schiller erinnernden Utopie von andauernd spielenden Menschen würden manche die Realisierung der theologisch angehauchten Vision des „ewigen Friedens“ Kants erblicken. Doch die scheinbare Befriedung der zwischenmenschlichen Welt auf eine solche Weise weist einen zu großen Preis auf, weil sie zum enormen Verbrauch der Naturressourcen und damit der Untergrabung der eigenen Lebensgrundlagen führt. Die Rede vom Ende der Geschichte und den letzten Menschen steuert heute auf ihre nicht-metaphorische Bedeutung zu. Das kairotische Moment der Gegenwart besteht in der folgenreichen Erkenntnis, dass die Kinderparty vorbei ist.

Sind es aber gerade nicht die Kinder, die die kommende Katastrophe erblicken und den Erwachsenen mit ihren Protesten darauf aufmerksam machen wollen? Und sind es gerade nicht die Erwachsenen, die auf dem Status quo beharren, weil der Preis für die Trennung von den zahlreichen Spielzeugen ihnen zu hoch zu sein scheint? Wenn die Forderung nach dem radikalen Klimaschutz keine infantile Marotte sein soll, so ist mit der gründlichen Umgestaltung der bisherigen Lebensform für alle zu beginnen. Und das betrifft vor allem die zahlreichen konsumistischen Rituale der Gegenwart.

Hier drängt sich in Erinnerung ein spektakuläres Ereignis auf, das an Weihnachten im Jahre 1951 in der französischen Stadt Dijon stattgefunden hat. Eine Reihe von katholischen Jugendgruppen verbrannte damals vor der Kathedrale eine Weihnachtsmannpuppe. Die Autodafé im Modus der „verkehrten Welt“ war dem Bestreben geschuldet, gegen den übermäßigen Konsumrausch an Weihnachten zu protestieren und an den wahren Sinn des Festes zu erinnern. Dieser symbolische Akt hat zum Ausdruck gebracht, was die Zivilisation heute denn je braucht, nämlich den inneren Götzen des Konsums in sich zu martern und damit auch den alljährlich kommenden Weihnachtsmann endlich zu entzaubern.

 

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