Die Tücke der Freiheit und wiedekehrende Romantik in Michel Houellebecqs Serotonin

Herman Mchedeli14.10.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Mit dem neuen Roman Serotonin bleibt Houellebecq in der Fahrbahn seines Topos von scheiternden Individuen in der liberalen westlichen Gesellschaft und dabei gelingt es ihm wie immer frisch, hinreißend und unwiederholbar zu wirken.

„Sind wir Illusionen von individueller Freiheit, von einem offenen Leben, von unbegrenzten Möglichkeiten erlegen?“ – fragt rhetorisch nach dem Selbstmordgedanken der Protagonist des neuen Buches und bringt damit die Sequenz von allen sieben Romanen Houellebecqs zur Sprache, in der ein Zweifel an der Moderne als Hegelscher „Verwirklichung der Freiheit“ nicht zu überhören ist. Dieser melancholische Blick ist historisch gesehen keineswegs eine Neuigkeit − sein Ursprung reicht bis auf die Entstehung der aufgeklärten Gesellschaft selbst zurück, man denke etwa an die Zivilisationskritik und die Anfänge des romantischen Denkens bei Rousseau. Romantik wird seitdem zu einem wiederkehrenden Motiv in der abendländischen Geistesgeschichte als Ausdruck einer Sehnsucht, aus der von Technisierung, Ökonomisierung und Egozentrik befallenen Lebenswelt auszubrechen. Zu den romantischen Motiven greift auch Houellebecqs „Serotonin“. Inmitten von Konsumkultur, Einsamkeit, verbittertem Zynismus und fast pathologischer Erotomanie erzählt das Buch von einer großen Liebe, die Hoffnung macht.

Die Hauptfigur des Romans und zugleich sein Ich-Erzähler heißt Florent-Claude Labrouste (im Weiteren einfach Florent), er ist ein weißer Europäer, Mitte vierzig, kinderlos, ohne Familie, lebensüberdrüssig. Er schluckt regelmäßig die antidepressive Tablette Captorix, die das Glückshormon Serotonin im Hirn auslöst, zu dessen Produktion sein Organismus nicht mehr imstande ist. Mit Florents Geständnis, dass die Einnahme von Captorix ihm Libidoverlust und Impotenz gekostet hat, wird das Sujet des Romans ins Rollen gebracht. Der Leser wird auf eine Reise durch seine Erinnerungen mitgenommen, die in einer nicht-chronologischen Abfolge abwechseln und die Vorgeschichte seiner Krankheit ans Licht bringen sollen.

Als Agraringenieur von Beruf ist Florent nach mehreren Stationen seines Arbeitslebens im Landwirtschaftministerium in Paris tätig. Er hasst seine Arbeit, die für ihn nichts anderes als „langsames, fortschreitendes Versanden“ ist, auch ekelt ihn seine japanische Freundin Yuzu, mit der er schon seit Monaten nicht mehr schläft und nicht Mal ein Wort wechseln will. Beide bezeichnet er als Schlampen, eine Charakteristik, die bei ihm für die meisten Dinge im Leben reserviert ist.

Mit Florents Vertiefung in die eigene Vergangenheit nimmt allmählich Houellebecqs Maschine von pornographischen Raffinements ihren vollen Lauf. Der Ich-Erzähler teilt mit uns seine vergangenen Erfahrungen mit nach Feuchtigkeitsgrad und Faltenwurf differenzierten Muschis, zackigen und mehlartigen Brüsten, hängenden und knackigen Pos, kurz, wir werden mit pikanten Details von Geschöpfen des weiblichen Geschlechts vertraut gemacht, die masturbieren, lutschen, vögeln und gevögelt werden.

Florent ist sexsüchtig, aber noch mehr die anderen um ihn herum. Als er eines Tages Yuzus Privatvideos aus der Frühphase ihrer Beziehungen entdeckt, auf denen sie während seiner Geschäftsreise einen Gangbang mit fünfzehn Männern und eine Orgieparty mit Hunden treibt, ersinnt er in Rage sie aus dem Fenster seines Apartments auf dem neunundzwanzigsten Stock zu werfen. Doch ausgerechnet der Gedanke an die Unmöglichkeit, im Falle einer Haftstrafe eine regelmäßige Supermarkt-Tour zu vierzehn verschiedenen Hummus-Sorten zu machen, lässt ihn vom Mord abhalten.

Zu den sinngebenden Einheiten von Florents Art of Life sind außer Hummus noch andere Konsumartikeln zu zählen, mit deren Anführung der Roman vollgestopft ist – Malongo, Volvic, Samsonite, Cruzcampo, MacBookAir, Schmidt & Bender, Chablis, G-Klasse Mercedes 350, mit einer ausführlichen Aufzählung von Salat- und Cocktailszutaten abwechselnd geht die Reihe ins Unendliche weiter. Die ewige Wiederkehr von Markennamen korreliert zugleich mit einer breiten Palette von Frauentypen, die die Welt als Supermarkt zur freien Auswahl bietet: Außer einer Japanerin zählen zu Florents Erfolgsbilanz eine Dänin, eine Französin, eine Brasilianerin, eine Vietnamesin, eine Jamaikerin (oder doch eine Barbadosin?).

Von innen gebrochen und als Inbegriff dessen, wogegen sich das Political Correctness und Gender-Mainstreaming sträubt, neigt Florent zu sexistischen, rassistischen und homophoben Entgleisungen: Yuzu wird von ihm als eine konkurrenzlose, ständig verfügbare „Wahl zwischen drei Löchern“ zelebriert, Holländer etikettiert er als „ein Volk polyglotter Kaufmänner und Opportunisten“, sein eigener Name geht ihm zuwider, weil an „eine botticellihafte Schwuchtel“ erinnert. Beim rein verbalen Saurauslassen bleibt es aber nicht: Florent verstoßt selbstgefällig gegen die Mülltrennungsvorschriften, macht als Nikotinsüchtiger die Rauchmelder in Hotels kaputt und fährt einen Diesel SUV dem umweltbewussten Gutmenschen zum Trotz.

Der Beziehungen mit Yuzu und seiner Arbeit überdrüssig entscheidet sich schließlich Florent aus der Welt zu verschwinden. Er kündigt seine Wohnung und Arbeit, wechselt Konto bei der Bank und zieht in ein Hotel ein. Weil er sich dort für seine Einsamkeit an Weihnachten vor den Hotelmitarbeitern schämt, fährt er weiter zu seinem einzigen Freund aus der Studienzeit Aymeric nach Normandie. Die französische Provinz wird nun zu Kulissen von Ruinen der romantischen Lebensentwürfe.

Aymeric, Nachkomme eines Adelsgeschlechts aus dem 10. Jahrhundert, wohnt in einem mittelalterlichen Schloss auf seinem familiären Grundbesitz und leitet einen Landwirtschafbetrieb mit dreihundert Kühen. Das eigene Leben hält er genauso wenig im Griff wie Florent: Das Betrieb macht Verluste wegen der vom Staat aufgehobenen Michquoten und marktwirtschaftlicher Konkurrenz mit Produktion aus anderen Ländern. Auch privat gesehen liegt Aymeric am Boden − seine Frau hat ihn mit einem bekannten Pianisten betrogen und dann zu ihm nach London mit ihren zwei gemeinsamen Töchtern abgehauen. Florents induktive Schlussfolgerung aus Aymerics Erfahrung mündet in eine bittere Gesellschaftsdiagnose: „Die abendländischen Frauen hatten [die Männer] zerstört“. Doch die Möglichkeit einer gelungenen Ehe wird damit nicht ausgeschöpft, es sind nur richtige Konsequenzen aus der traurigen Sachlage zu ziehen: Florent rät Aymeric eine Moldawierin zu heiraten, denn erstens haut sie nicht ab, zweitens „steht sie um fünf Uhr morgens zum Melken auf“, „danach weckt sie [ihn] mit einem Blowjob, und das Frühstück ist auch schon fertig!“

Diese Wonnen bleiben jedoch Aymeric ausgespart, das Leben hat etwas anderes im Sinn. Er wird zum Anführer des bewaffneten Bauernsaufstandes gegen die liberale Landwirtschaftspolitik der Regierung und der EU, die die Provinz verarmen lässt. Bei der Protestaktion mit einer Straßenblockade jagt sich plötzlich Aymeric eine Kugel in den Kopf rein, was eine blutige Auseinandersetzung mit der Polizei zur Folge hat. Aymerics Selbstmord lässt die Weitergabe seines Adelstitels in Frage stellen und dies wird zur Parabel vom endgültigen Verschwinden der Aristokratie: Sie bricht an der modernen Malaise von innen zusammen, bevor sie überhaupt den letzten Kampf für die Abgehängten durch den globalen Kapitalismus abliefern kann.

Die französische Provinz ist auch ein Ort der Liebe Florents zu Camille, einer Veterinär-Studentin und Tochter portugiesischer Einwanderer, vor zwanzig Jahren, als er bei der Landwirtschaftsdirektion der Region Basse-Normandie gearbeitet und sie dort ein Praktikum gemacht hat. Florents Persönlichkeit öffnet sich hier von ihrer romantischen Seite, die den Counterpart zu ihrer zynisch-egozentrischen bildet. Die einfühlende Darstellung von Florents zwiespältiger Natur, in der verklärte Herzensergießungen mit einer gesteigerten Aufmerksamkeit auf Feuchtgebiete einhergehen, demonstriert Houellebecqs meisterhafte Beherrschung der mehreren Genres. Diese Zwiespalt Florents war auch die Ursache für die Zerstörung der glücklichen Beziehung mit Camille – die Idylle mit Höhepunkten wie dem Druck von ihrer Hand im Abendrot, um Florent auf die Bewegung der über das Wasser gleitenden Schwäne aufmerksam zu machen, brach nach fünf Jahren zusammen, als er einem Seitensprung mit einer Fellatio-Königin aus Karibik nicht widerstehen konnte und dabei erwischt wurde.

Von diesen Erinnerungen in Normandie geplagt sehnt sich Florent nach Camille wieder und gesteht sich einen grundlegenderen Fehler in ihrer Beziehung gemacht zu haben: Er hätte ihr vorschlagen müssen, „ihr Studium abzubrechen, Hausfrau zu werden beziehungsweise [s]eine Frau zu werden…. Sie hätte Ja gesagt.“ Doch gleich gibt er zu, damals dem unsichtbaren Räderwerk des liberalen Disziplinierungssystems zum Opfer gefallen zu sein, das eine solche Möglichkeit erst gar nicht in den Sinn kommen lässt: „Auf ein solches Angebot“ war er „nicht formatiert“, „das war kein Bestandteil „seiner Programmierung“. Die fortschrittlichen abendländischen Männer, so soll die Lehre lauten, sind weder zur Bindung fähig noch können sie eine solche von anderen erwarten. Als unabhängige, sich ständig in Freiheit einübende Selbste stehen sie am Ende mit leeren Händen da.

Dennoch wird die Möglichkeit eines glücklichen Ehelebens von Houellebecq nicht als eine Fata Morgana abgetan, sondern zu einer Wirklichkeit erhoben. Hier treten Florents Eltern ins Licht − ihre innerliche Verschmelzung ließ bei Außenstehenden eine Art von telepathischen Erfahrungen vermuten, aber noch signifikanter war ihre Entscheidung, nach der Feststellung eines unheilbaren Gehirntumors beim Vater sich zeitgleich das Leben zu nehmen und zusammen in einem Sarg beerdigen zu lassen. Eine solche Liebe wird jedoch nicht ohne metaphysische Prämissen möglich: Beide verspürten ein Unbehagen an ihrer irdischen Existenz und glaubten an das Weiterbestehen von einander nach dem Tode.

Gerade diese metaphysischen Prämissen bleiben aber bei Florent aus und seine wiederentflammte Liebe zu Camille nimmt pathologische Züge ein. Er findet sie in der Provinz und beobachtet sie aus der Entfernung – Camille leitet eine Veterinär-Praxis, lebt in einem abgelegenen Haus mitten im Wald und sieht genauso jung wie damals mit 19 Jahren aus. Florent ersinnt die Ermordung ihres vierjährigen Kindes, das sie nach einer Affäre mit einem Heavy-Metal-Fan alleine erzieht, um dann ihrer Beziehung einen neuen Start zu geben. An der Selbstüberwindung zu der mörderischen Tat scheitert jedoch dieses „substanzlose Weichei“, das statt der Betätigung des Abzugs eines Steyr Mannlicher in Tränen zu Boden sinkt und später nach Paris zurückkehrt.

Normandie gegen Paris, Provinz gegen die Hauptstadt, ein Ort der Liebe gegen einen Ort der Einsamkeit. Das romantische Motiv dieser Gegenüberstellung lebt bei Houllebecq weiter. In die Reihe fügen sich architektonische Gegensätze der jeweiligen Handlungsschauplätze ein: Das Fachwerkhaus, in dem Florent seine glückliche Zeit mit Camille verbringt, steht einer widerlichen Morchel aus Glas und Beton, dem „Totem-Hochhaus“ in Paris entgegen, wo Florent mit Yuzu wohnt. Die Figur von Camille wird ihrerseits mit der Persönlichkeit von Claire kontrastiert, mit der Florent noch vor Camille eine Beziehung hatte und die er nach zwanzig Jahren wieder trifft.

Claire verkörpert das Prinzip des Scheiterns einer selbstbewussten Karrierefrau par excellance − in ihren Zwanzigern träumt sie von einer großen Schauspielkarriere, später landet sie ohne Durchbruch auf Leistungen vom Arbeitsamt. Ihr jämmerlicher Anblick, der dem enormen Alkoholkonsum schuldig ist, lässt Florents Einsicht in die Lebensglückformel der Gegenwart bestätigen: Man muss die eigenen beruflichen Erwartungen weniger festlegen, damit man nach ihrem Scheitern nicht so tief fällt. In der Welt der grenzenlosen Freiheit, man ist gleich geneigt hinzuzufügen, ist der Versuchung, das Maximum aus dem Leben herauszuziehen, kaum zu widerstehen. Und die Eule der Minerva beginnt ihren Flug der Erkenntnis viel zu spät um imstande zu sein, irgendetwas noch im Leben zu ändern.

Das Gleiche gilt für Florent – die offenbarte Lebensweisheit bezüglich der anderen bleibt gegen das eigene Versagen machtlos, ein Sachverhalt, der auch auf alle Coachs, Lebenshilfeexperten und andere Ratgeber-Aufschwätzer zutrifft. Der erste Satz des Romans − „Es ist eine kleine weisse, ovale, teilbare Tablette“ − wiederholt sich auf einer seiner letzten Seiten, und der Kreis der Erzählung scheint sich zu schließen, nachdem die Ursache für Florents Zerstörung in den Illusionen von individueller Freiheit identifiziert wurde. Gegen die sich ausweitende Depression hilft auch kein Captorix mehr und Florent überlegt sich, durch den Sprung aus einem grauen Sozialbau-Hochhaus, diesem hässlichen Ausdruck der geistig untergehenden Zivilisation, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Doch die letzten zwei Absätze brechen die Logik der nicht aufzuhaltenden Krankheit zum Tode − voller Demut spricht Florent von der überschwänglichen Liebe Gottes, der sich um jeden von uns kümmert. Seine Rettung in Christo, dessen Standpunkt er jetzt versteht, ist umso erstaunlich, als er noch einige Seiten davor sarkastische Bemerkungen über Religion fallen ließ. Was als Novum im Houellebecq -Schema erscheint, stellt aber nur eine folgerichtige Metamorphose einer jeden authentischen Romantik aus der Sicht eines Novalis, Eichendorffs oder späten Friedrich Schlegels dar: Ihr ersehntes Zuhause findet sie im metaphysischen Gehäuse des Katholizismus, das sie gegen ironische Selbstaufhebungen von innen und Vereinnahmungen durch die kapitalistische Freizeitindustrie von außen schützt.

So wird die wiederkehrende Romantik bei Houellebecq zu einer Wiederkehr der Religion und mit Florents Einsicht in die Notwendigkeit von Aufopferung Jesu in der Zeit der Erhärtung der Herzen kommt der Roman zu seinem Ende. Doch die Frage, die den Leser weiter umtreibt, betrifft den Übergang vom Privaten der vollbrachten Erlösung Florents zum Politischen der ausstehenden zivilisatorischen Eschatologie. Dass Houellebecqs Kritik der reinen Immanenz auch für die politische Sphäre nicht folgenlos bleibt, macht für viele den eigentlichen Skandalon seiner Romane aus. In „Serotonin“ beispielsweise wirft Florent in nietzscheanischer Manier der linksliberalen, „sozialdemokratischen“ Politik vor, die metaphysischen Bedürfnisse des Menschen zu vernachlässigen und die Widersprüche in seinem Inneren nur fortbestehen zu lassen. Welche Haltung man auch immer zu diesen umstrittenen Passagen einnimmt, steht eines sicher: Houellebecqs Bücher sind viel tiefer als ihnen zugeschriebene Vorwegnahme von Gelbwestenprotesten, islamistischen Terrorattacken oder biotechnologischen Entwicklungen. Es ist eine Literatur, um Hegels Formulierung aufzugreifen, die die Zeit in Gedanken und Handlungen ihrer Figuren fasst.

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