Der linke Mainstream ist in der Krise angekommen | The European

Die heutigen Eliten sind in der Krise: Die Forderung nach Klimaschutz bloßer Zeitvertreib

Herman Mchedeli19.09.2020Medien, Wissenschaft

Die heutigen Eliten befinden sich ihrerseits in einer paradoxen Situation. Sie leugnen ihren Status als solchen, zugleich leiten sie durch ihren Einfluss chaotische Zustände ein, ob den Flüchtlingsandrang in Europa vor einigen Jahren oder die neueste Bilderstürmerei mit Plünderungen auf den Straßen Amerikas. Während in Deutschland das Pilotprojekt „Grundeinkommen“ startet und einige Politiker erneut die Einführung der Vier-Tage-Arbeitswoche fordern, ist es an der Zeit, endlich die richtigen Schlüsse aus dem Corona-Lockdown zu ziehen und eine paternalistische Strategie für Kulturpolitik und Freizeitgestaltung zu entwickeln, fordert Herman Mchedeli.

Verzweifelter Mensch nach der Coronakrise, Foto: Shutterstock

In seinem Roman „Was tun?“ aus dem Jahre 1863 stellt der russische Publizist, Philosoph und Revolutionär Nikolai Tschernyschewski seine Vision einer vollkommenen Gesellschaft dar. Seine Utopie ist beeinflusst von den zeitgenössischen Vorstellungen französischer Sozialisten. Das technokratische Paradies der Zukunft erscheint in den Träumen der Protagonistin Vera Pavlovna als ein Ort mit einem blühenden Garten, mittendrin ein Hochhaus aus Beton, Stahl und Glas. Die Felder daneben werden von Dampfmaschinen bestellt, die ein paar wenige Menschen singend und lächelnd bedienen. Die meiste Zeit über spielen die Bewohner des Hauses Theater, besuchen Museen, lesen Bücher, musizieren und unterhalten sich. Kurz: Jeder macht, was er will und wird zu nichts gezwungen. Den Weg dorthin beschreibt Tschernyschewski anhand der Geschichte der Protagonistin, die sich im Familien- und Berufsleben immer mehr emanzipiert. Zu ihren Handlungsprinzipien gehört die absolute Gleichberechtigung, die sich auch in ihren Regeln des Zusammenlebens manifestiert. So wohnt sie mit ihrem Ehepartner in einer Drei-Zimmer-Wohnung, in der sie neben einem neutralen Raum für beide ein Zimmer ganz für sich allein hat, um nicht gestört zu werden.

Ein solches Bild vom ersehnten gesellschaftlichen Fortschritt stellt ein Paradigma in einer langen linksintellektuellen Tradition dar. In Deutschland reicht sie von Karl Marx bis Richard David Precht. Sie wird von den antiken Vorstellungen inspiriert, in denen die Unabhängigkeit von einer Broterwerbstätigkeit als Voraussetzung für ein sinnerfülltes Leben galt. Sind es für Aristoteles noch Sklaven gewesen, die als „sprechende Werkzeuge“ die Arbeit erledigt und den Aristokraten durch philosophische Reflexion und Betrachtung des Schönen in der Muße „Eudaimonia“ ermöglicht haben, sollen es in der neuen sozialistischen Welt Maschinen und Roboter sein, die diese Aufgabe übernehmen.

In den letzten 150 Jahren bewegen sich die industriellen Gesellschaften kontinuierlich in die Richtung einer solchen Utopie: Die Arbeitszeit ist wesentlich gesunken, die soziale Absicherung ist für jeden gesetzlich garantiert, zu der auch ausreichender Wohnraum für Familien gehört. Die Gleichberechtigung geht mittlerweile so weit, dass sie mancherorts gar eine Diskriminierung von Männern beim Einstellungsverfahren einschließt (man denke etwa an die neueste Stellenausschreibung der TU Eindhoven). Auch die stupide Designarchitektur ist weltweit zum einzigen reproduzierten Baustil geworden. Doch statt sich der anspruchsvollen Selbstkultivierung nach dem klassischen Vorbild zuzuwenden, verbringen die Massen ihre Freizeit lieber damit, unaufhörlich Gegenstände aller Art anzuhäufen und zu verwerten. Sie machen sich auch zu Aufnahmebehältern von müßigem Fastfood wie Fußball, Computerspielen, Kochshows und allgegenwärtigem Klatsch-TV.

Diese Tendenz ist besonders deutlich in der Zeit des Corona-Lockdowns hervorgetreten, als zig Millionen Menschen in Deutschland teilweise oder ganz von der Arbeit befreit und gleichzeitig für ihre Einkommensverluste vom Staat entschädigt worden sind. Das Ebenbild der Utopie der Grundeinkommen- und 4-Tage-Arbeitswoche-Befürworter wurde allerdings mit Nebenwirkungen entstellt: Die Familiengewalt ist gestiegen, das Klopapier ist zur begehrtesten Ware geworden, der Konsum von Corona-Nachrichten zum populärsten Zeitvertrieb und viele haben sich dennoch weiterhin mit der Frage „Was tun?“ gequält.

Die Kulturindustrie im Spätkapitalismus haben noch die linksliberalen Gurus aus der Frankfurter Schule in ihrem Nachkriegsklassiker „Dialektik der Aufklärung“ thematisiert. Dort erklären Adorno und Horkheimer die fortschreitende Selbstverblödung der Massen mit der typischen antirepressiven Rhetorik. Sie weisen unter anderem auf die monopolistische Abhängigkeit des Kulturbetriebs von den großen Industriesektoren hin, die profitorientiert handeln und eine Replik seitens des Konsumenten nicht zulassen würden. Ihre Argumentation mit einem Verweis auf das Medium Radio erntet aus heutiger Sicht natürlich nur Hohn und Spott. Denn der gegenwärtige Internetzeitvertreib lässt an Resonanz nichts mehr zu wünschen übrig, kann doch jeder Teilhaber an der virtuellen Welt mit einem Like oder Dislike regelmäßig abstimmen und sich anderen mitteilen. Die Ergebnisse der kulturellen Selbstbestimmung des Volkes sind an den Bestplatzierungen von Youtube-Kanälen abzulesen, die vielfältigen Kinderspielereien und Haushaltstricks gewidmet sind, die sich die Utopisten des 19. Jahrhunderts nicht einmal hätten vorstellen können.

Die Mären von den betrogenen Massen werden aber immer wieder aufs Neue produziert. Ihre Zielscheibe sind nun die US-Digitalkonzerne geworden, die Daten von Nutzern sammeln und sie auf diese Weise in ihrem Konsumverhalten manipulieren würden. Seltsamer könnte der Vorwurf gar nicht sein, bedenkt man, dass die neuen Jung-Milliardäre in Jeans und Sneakers keine bestimmte Warenproduktion besitzen, sondern virtuell Plattformen, auf denen von anderen Dienstleistungshandel und Informationsaustausch betrieben wird. Wer sonst als die „freien und gleichen Bürger“ hat es also zu verantworten, dass Theater und Museen ums Überleben kämpfen und auf staatliche Förderung angewiesen sind, während der neue Fußball-Gott Ronaldo mit einem einzigen Bild bei Instagram rund eine Million Dollar kassiert.

Das Unbehagen der Intellektuellen mit dem sinnlosen Zeitvertreib ihrer dahin vegetierenden Mitmenschen findet heute Ausdruck in der Forderung nach Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Doch der beklagte verschwenderische Verbrauch von Ressourcen ist in Wahrheit der Entfesselung des inneren Kindes geschuldet, die das linksliberale Jagen nach Vermeidung von angeblichen Machtverhältnissen samt Gerede von Selbstverwirklichung und Authentizität selbst herbeiführt.

Die heutigen Eliten in Medien und Wissenschaft ähneln daran der Erzählerfigur aus dem Hollywood-Film „Fight Club“. Dort lernt er Tyler Durden kennen, der sich schnell als souveräne und anarchische Person erweist. Tyler klebt bei einer Filmvorführung im Kino pornografische Aufnahmen ein, verprügelt den Erzähler und versucht den Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung auszulösen. Am Ende stellt sich heraus, dass Tyler der Erzähler selbst ist, sein „anderes Ich“, der all das ist und tut, was er bewusst nie sein oder tun will.

Dass jede Kulturleistung ein vertikales Projekt der Wenigen ist, haben selbst orthodoxale Marxisten wie der russische Revolutionsanführer Wladimir Iljitsch Lenin verstanden. Inspiriert von Tschernyschewskis Buch, hat er 1902 ebenfalls eine Schrift mit dem Titel „Was tun?“ verfasst, in der er die Arbeiter wegen ihres fehlenden Klassenbewusstseins anprangert. Sie seien zum Umbau der Gesellschaft nicht fähig, weil sie nur in den Kategorien von „Brod und Butter“ denken würden. Deswegen müsse es Aufgabe der Intelligenzija sein, ihnen dieses Wissen zu vermitteln und sie bei ihrem Handeln zu leiten.

Die heutigen Eliten befinden sich ihrerseits in einer paradoxen Situation. Sie leugnen ihren Status als solchen, zugleich leiten sie durch ihren Einfluss chaotische Zustände ein, ob den Flüchtlingsandrang in Europa vor einigen Jahren oder die neueste Bilderstürmerei mit Plünderungen auf den Straßen Amerikas. In Zeiten sinkender Arbeitsbeschäftigung und immer sinnloser organisierter Freizeitverbringung ist jedoch ihre alte Funktion der kulturellen Erziehung der Massen gefragt -, als Antwort auf die weiterhin gültige Frage Tschernyschewskis: „Was tun?“.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Deutschland verspielt außenpolitisches Vertrauen

Der anhaltende Krieg in der Ukraine verändert die gesamte Sicherheitsarchitektur Europas. Der russische Angriffskrieg zwingt die NATO und die EU dazu, die Bewahrung von Frieden und Freiheit in dem Teil Europas, in dem wir das große Glück haben zu leben, wieder zur vorrangigen politischen Priorit

Das Maggie Thatcher-Double dürfte Boris Johnson beerben

Im Machtkampf um Johnsons Nachfolge hat Liz Truss beste Siegchancen. Die Parteibasis der Torys liebt sie, weil sie allerlei Erinnerungen an Margaret Thatcher weckt. Doch diese Rolle spielt sie recht dreist. Von Wolfram Weimer

Theater des Schreckens

Die Geschichte der Todesstrafe und ihrer Vollstreckung zeigt: Menschen drängten zu allen Zeiten danach, Augenzeuge einer Hinrichtung zu sein, möglichst nah dabei zu sein, um das blutige Ritual zu verfolgen. Entsetzen und Schaudern, Entzücken und Empörung, Emotion und Aktion – die Symbolik de

Deutschland braucht eine neue Standortagenda

Deutschland steht am Rande einer Rezession. Die Kaufkraft der Konsumenten leidet unter dem Inflationsschub, der durch die Verteuerung von Energie und Nahrungsmitteln angestoßen wurde und inzwischen viele andere Gütergruppen erfasst hat. Solange der Ukraine Krieg und die Sanktionen gegenüber Russl

Wir wären vollkommen verrückt, wenn wir die Kernkraftwerke vom Netz nehmen

Es gibt keinen Grund zur Panik. Aber es gibt angesichts möglicher Energieversorgungsengpässe im Herbst dringenden Handlungsbedarf – im Sommer trotz der Parlamentsferien. Von Friedrich Merz

Merkel vor Kohl: So werden die Kanzler seit der Wiedervereinigung bewertet

Von 1998 bis 2005 war Gerhard Schröder Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er führte eine rot-grüne Koalition. Wenn man heute fragt, welcher Bundeskanzler seit der Wiedervereinigung die Interessen Deutschlands am besten vertritt oder dies getan hat, belegt Alt-Kanzlerin Angela Merkel (38 Proz

Mobile Sliding Menu