Anstelle eines Kommentars zum 13. August 2019

von Herbert Ammon14.08.2019Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Ich verzichte auf einen eigenständigen Kommentar zum diesjährigen Gedenktag 13. August, an dem vielerorts die Ouvertüre zum deutsch vertiefsinnigten Gedenken des Mauerfalls am 9. November 2019 aufgeführt wurde. Stattdessen stelle ich nachfolgend einige auf Facebook – veniam peto – veröffentlichte Einträge, Kommentare und Repliken zur Debatte.

Der Stasi-Akten-Beauftragte Roland Jahn schrieb folgendes: “Die Mauer hat dazu geführt, dass sich die Menschen in der DDR eingerichtet und sich arrangiert haben. Sie haben in dem Bewusstsein gelebt, sie können sowieso nichts ändern, und eine Flucht ist zu gefährlich. Die Mauer hat die meisten Menschen zur Anpassung getrieben. Das hat eine ganze Gesellschaft geprägt.”

Dazu mein Kommentar: “Für diese resignative, ´unpolitische´ Haltung, schwer zu unterscheiden von Opportunismus, werden die ´Ossis´ von nicht wenigen Westdeutschen verachtet, zumindest belächelt. Es sind diejenigen (und deren Nachwuchs), denen die deutsche Teilung gleichgültig war, und vor allem diejenigen, die die Teilung ideologisierten (´unwiderrufbares Urteil der Geschichte´, ´deutsche Teilung als friedenserhaltender Garant des Ost-West-Gleichgewichts´, ´historisch notwendige Folge deutscher Schuld´ usw.) und für unaufhebbar hielten – ganz abgesehen von den ´linken´ Schönrednern des DDR-Regimes.”

Christian Dietrich veröffentlichte einen vor zehn Jahren von Reinhard Mohr verfassten “Spiegel”  -Artikel (26.10.209), in dem der Autor seine  von seinen “linken” Frankfurter Freunden keineswegs geteilte, versteckte – gar von Tränen bgeleitete – Freude zum Ausdruck brachte (https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/wendejahr-1989-jubel-wir-sind-so-frei-a-656203-2.html). Er ziterte aus diesem Artikel mit dem unter westdeutschen “Linken” unstatthaften Bekenntnis folgende Passagen:

Reinhard Mohr: “Diese eigentümlich verschrobene Wirklichkeitswahrnehmung hat Tradition. In beinah Sarrazinscher Unverfrorenheit sprach im Frühsommer 1990 die damalige sozialdemokratische Kulturdezernentin von Frankfurt am Main, Linda Reisch, eine verquere Wahrheit aus, die allerdings für einen großen Teil der linken ´Toskana´-Fraktion zu traf: Freiwillig fahre sie nicht nach Leipzig – nach Mailand aber immer gern. Schon der schönen Schuhe wegen.

Die vielleicht größte Kränkung jedoch bestand darin, dass hinter dem Rücken der westdeutschen Linken – und gleichsam ohne ihre geschichtsphilosophische Erlaubnis – europäische Geschichte geschrieben wurde, und das ausgerechnet von Mandy, Cindy, Kevin & Co., die wahrscheinlich kein Wort von Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno gelesen und keine Ahnung hatten, von der repressiven Toleranz des post-fordistischen Spätkapitalismus.”

Ich kommentierte den Auszug aus Mohrs Artikel wie folgt: “Zum [heutigen] Gedenktag des 13. August 1961: Die Gedenkredenschreiber mögen noch so viel über ´die unmenschliche Grenze´, ´das Leiden der Menschen´, ´die Spaltung unseres Landes und Europas´ phrasieren. Die hard facts der Nachkriegsgeschichte werden kaum je benannt, [sind] dank entsprechend dürftigem, PC-gerechten Gechichtsunterricht auch kaum bekannt. – Zur Erinnerung und im Hinblick auf den Aufstieg der AfD im ´Osten´: Die westdeutsche Intelligentsija hat den ´Ossis´, den Kevins, Cindys, Maiks &  Co.,  den Mauerfall bis heute nicht verziehen.”

Eine Facebook-Autorin – auf Fb gibt´s  nur friends ohne spezifisch deutschnationale Gender-Markierung – fühlte sich (mit der per Sternchen nachgereichten Einschränkung: “wahrscheinlich wahr”)  zu folgendem Kommentar berufen: “*Manch einer, der damals im Osten bis zum letzten Fackelmarsch der FDJ am Abend des 7. Oktober 1989 dem SED-Regime die Treue gehalten hat, versucht noch heute, die eigene Feigheit zu rechtfertigen, anstatt sich mit ihr ehrlich auseinanderzusetzen. *wahrscheinlich wahr

… und manch einer, der damals kurz NACH dem Mauerfall ´mutig´ auf die Straße ging und mit den Schreien nach der D Mark gleichzeitig drohte, dass [,] gäbe man sie ihm nicht [,] auch dahin ginge [,] wo die DM ist. Dies und davon bin ich fest überzeugt, sind vielfach heute diejenigen [,] die heute der AfD, PEGIDA usw. nachhecheln.”

Dazu mein Entgegnung: “Diese These/Anklage hat gewiss einiges für sich. Andererseits: Ohne die Opportunisten, ´Wendehälse´ und die – von wem auch immer inspirierten – ´D-Mark-Schreier´ müssten Sie auf Ihre schönen Fb-Urlaubsbilder (Alpen, Europa und die ganze Welt) noch heute verzichten. Und noch was: Einige der so apostrophierten ´Mutigen´ von damals können sich mit den heutigen Möchtegern-Mutigen (Zentrum für pol. Schönheit u.a.) nicht so recht anfreunden. Bösartige Dummheit – um mit Bonhoeffer zu sprechen – kann auch im Gewand des Guten daherkommen.”

Darauf die pikierte Antwort. “diese These wie Du sie nennst, ist reales Er,- und durchleben (sic).
Wen meinst Du mit den heutigen Möchtegern-Mutigen? Wer muss heute noch mutig sein, außer vielleicht diejenigen[,] welche sich in den Neuen Bundesländern offen gegen die zahlreichen Rechten stell[en]?”

Dazu my final comment: “Wer ist mitverantwortlich für das Aufkommen der ´zahlreichen Rechten´ in der Ex-DDR? Gestern wählten viele von ihnen noch CDU und SPD (und natürlich die Partei, die sich ´Die Linke´ nennt). Dass es einen braunen Bodensatz bereits in der DDR gab, der nach dem Mauerfall wiederholt hervorquoll, ist ein betrübliches Faktum. Nur: Wer und was begünstigte den Aufstieg der AfD zu einer 20-Prozent-Partei im Osten? – P.S. Wer Kreuze an der einstigen Mauer entwendet, um gegen gegen die ´Mauer im Mittelmeer´ zu protestieren, beweist nicht Mut, sondern geschichtslose Überheblichkeit. Die AfD verdankt nicht zuletzt solchen Leuten ihre Erfolge. Schlimmer noch: Die real neonazistischen ´Rechten´ fühlen sich in ihrem Hass bestätigt.”

 

Quelle: Herbert Ammon

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