Lösen Einwanderer das Fachkräfte-Problem?

Herbert Ammon26.01.2019Politik, Wirtschaft

Unternehmen beklagen Fachkräftemangel. Ein neues Zuwanderungsgesetz soll den Arbeitsmarkt entlasten. Das Problem – gerade in Berlin – liegt aber tiefer, meint Herberrt Ammon.

h6 I.

Zwar hängt alles mit allem zusammen, doch sollte man die Dinge auch nicht vermengen: Da gibt es in der politischen Agenda – außer Diesel und Feinstaub – obenan den von Industrie und Handwerk beklagten Fachkräftemangel, den unsere Regierung durch den Import von Fachleuten aus Drittländern beheben will, sprich: aus Ländern außerhalb der EU. Als Beleg für den Erfolg einer derart erweiterten Grenzöffnung dienen Statistiken, die erklären sollen, dass ein beachtlicher Prozentsatz der seit anno 2015 – nicht auch schon zuvor? – ›Schutzsuchenden‹ (ehedem Flüchtlinge, sodann Geflüchtete, jedenfalls Asylsuchende/bewerber) sich in beruflicher Ausbildung befänden und entsprechend bewährten. Nunmehr soll die Einwanderung von Fachkräften – Cem Özdemir hält einen formalen Ausbildungsnachweis für nicht unbedingt erforderlich – dem anhaltenden Mangel abhelfen. Richtig: Unser exportorientierte Wirtschaftskraft – darauf dürfen ›wir Deutsche‹ auch mal stolz sein – beruht wesentlich auf dem hohen Ausbildungsgrad und der Leistungsfähigkeit der mittelständischen Unternehmen.

Für den beklagten Fachkräftemangel gibt es wiederum vielfältige Ursachen. Vordergründig erscheint hauptursächlich das Faktum, dass unser einst vorbildliches duales Bildungssystem für Jugendliche als Weg ins Berufsleben nicht mehr so recht attraktiv zu sein scheint. Die Jugend strebt nach Höherem, nach Abitur und Studium, wo in immer neuen Studienzweigen auf unzähligen NC-freien Gebieten – Event Management, Tourismus, Gender Studies etc. – akademischer Status mit entsprechenden Gehaltsansprüchen in Aussicht steht. Angespornt wird die bildungshungrige Jugend von Politikern, die noch höhere Quoten von Studierenden pro Jahrgang ins Wahlprogramm schreiben sowie von hochbezahlten Funktionären der OECD und Unesco, welche insbesondere die entsprechenden Zahlen in Deutschland für viel zu niedrig erklären.

Darf man als zusätzliche Gründe für den fehlenden – ökonomisch bedenklichen – Nachwuchsmangel die Demografie, den fortschreitenden Rückgang von ›Biodeutschen‹, das Verharren sowie das Absinken einer indigenen Bevölkerungsgruppe ins Prekariat sowie den Zuwachs von bildungsfernen Heranwachsenden mit Migrationshintergrund anführen? Lieber nicht. Und überhaupt: Ist der Begriff ›Volksbildung‹ noch zulässig?

Auch sollte man vermeiden, die Zustände an den Schulen in den Problembezirken vieler Großstädte in manchen alten Bundesländern näher zu untersuchen. Mit der Rassismus/Faschismus-Keule werden derartige Fragen erfolgreich abgewehrt. Wenn anderswo ›Probleme‹ existieren, so zeige doch das Beispiel der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln, dass sie lösbar sind. Das war indes vor ein paar Jahren und gehört zu den Ausnahmen.

h6 II.

Bis hierher mögen unsere Überlegungen zum Fachkräftethema manchem Bildungsexperten zu allgemein, zu unfundiert, zu theoretisch klingen. Es fehle der Bezug zur Praxis, zur gesellschaftlichen Realität.

Der empirische Befund ist einem Schreiben zu entnehmen, das der Verfasser von seiner Heizungs- und Sanitärfirma – ein typisches mittelständisches, vom Firmengründer auf 70 Mitarbeiter ausgebautes Unternehmen – im Dezember letzten Jahres erhielt. Es handelte sich nicht um die obligaten Weihnachts- und Neujahrswünsche, sondern um die Ankündigung unvermeidlicher Preiserhöhungen für Wartungs- und Notdienste. Der Hauptgrund für die angekündigte Verteuerung waren die kontinuierlichen Lohnerhöhungen für die Mitarbeiter in den letzten Jahren, mit denen Abwerbungsversuchen – mit Kopfprämien bis zu 5000 Euro – durch Konkurrenzunternehmen, Großhandel und Industrie entgegengewirkt werden konnte.

Der Mittelständler klagt des weiteren über fehlenden Nachwuchs für seinen Betrieb, denn »das Anwerben von Auszubildenden gestaltet sich zunehmend schwieriger. Für die Ausbildung zum späteren Kundendienstmonteur ist es nahezu unmöglich, geeignete Auszubildende zu finden. Das Ausbildungsniveau der Haupt- und Gesamtschüler mit 10 Klassen und mittlerer Reife in Berlin ist so unterirdisch, dass es am Notwendigsten fehlt. Lesen etwas komplizierterer Texte, das Ausrechnen von Flächen oder das Schreiben von zusammenhängenden Texten ist häufig nicht oder nur eingeschränkt möglich. Vom Sozialverhalten und der Leistungsbereitschaft reden wir mal lieber nicht. Im Prinzip suchen wir jetzt unsere Auszubildenden möglichst aus Gymnasien.« Diesen Jugendlichen müsse man natürlich angesichts der sich anderweitig eröffnenden Berufschancen eine entsprechenden Einkommensperspektive bieten.

Die Frage ist nicht, ob die unvermeidlichen Preiserhöhungen auf dem erwähnen Sektor in den ›Warenkorb‹ zur Ermittlung der Inflationsrate eingehen, sondern: Wie steht es mit dem deutschen Schul- und Bildungswesen? Handwerk, Technik will erlernt sein, erst recht im Zeitalter der Hochtechnologie. Für Ausbildung – und Bildung – benötigen die Jungen nicht allein die in der Bildungsforschung gepriesenen, in der Notengebung hochrangig zu bewertenden und offenbar fehlenden (s.o.) sozialen Kompetenzen. Sie brauchen elementares Wissen und Kulturtechniken, wie sie ehedem im deutschen Bildungssystem auf allen Ebenen erfolgreich und vorbildlich vermittelt wurden.

h6 III.

Tempi passati. Die hier skizzierte Bildungsmisere reflektiert die deutsche Wirklichkeit anno 2019. Im Kontext der gesamtgesellschaftlichen – ethnisch-sozial-kulturellen und ökonomischen – Entwicklung alles noch vorteilhaft im Vergleich zu den Zuständen im westlichen Nachbarland, stehen wir ›in diesem Lande‹ vor grundsätzlichen Fragen. Mit billigen Wahlversprechen und beliebigen Forderungen – im ständigen Angebot finden sich: bessere Bildungschancen, mehr soziale Gerechtigkeit, Inklusion, Wahlrecht für Jugendliche ab 16 oder auch 14 Jahren, Internet in den Schulen – ist die nicht nur in Berlin real existierende Problematik nicht zu beheben. Wer wagte es, in einer phrasenreichen – de facto allseits gemiedenen Debatte – den Namen Sarrazin zu erwähnen?

Quelle: “GlobKult”:https://globkult.de/gesellschaft/modelle/1727-fachkraeftemangel-und-volksbildung-in-berlin

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