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Hat Orbán einen Wertetumor?

Während der neue deutsche Innen- und Heimatminister Seehofer sich über Orbáns Wahlsieg freut, äußern die deutschen Qualitätsmedien Missfallen über das Wahlergebnis.

Die classe politica europea ärgert sich über den eindeutigen Wahlsieg Victor Orbáns, statt sich erleichtert zu zeigen, dass dank der hohen Wahlbeteiligung die unzweideutig rechtsradikale Jobbik-Partei gegenüber den letzten Parlamentswahlen immerhin ein Prozent verlor. Der Luxemburger Jean Asselborn, seit 2004 Außenminister des als zweite EU-Zentrale fungierenden Großhergzogtums, seit 2014 auch noch Minister für Einwanderung und Asyl, diagnostiziert bei Orbán einen „Wertetumor“. Womöglich strebt Asselborn noch eine späte Karriere als europäischer Gehirnchirurg an.

Während der neue deutsche Innen- und Heimatminister Seehofer sich über Orbáns Wahlsieg freut, äußern die deutschen Qualitätsmedien Missfallen über das Wahlergebnis. Sie erklären Orbáns Haltung in der Einwanderungs- und Asylpolitik mit dessen fehlender Bindung an „europäische Werte“ und übersehen dabei, dass der Ungar anno 2015 mit seinem hässlich anzusehenden Grenzzaun Merkels späten Versuch, den von ihr eröffneten Strom von (Im-)Migranten wieder zu stoppen, überhaupt erst ermöglichte.

Einen bemerkenswerten Kommentar zur Orbán-Wahl findet man auf welt-online: Die Verfasserin Silke Mülherr erklärt den Erfolg „mit einem ungarischen Minderwertigkeitskomplex, an dem nicht nur Ungarns Ministerpräsident leidet.“ Schuld sei die Jahrhunderte währende Erfahrung als „Schlachtfeld zwischen dem Osmanischen und dem Habsburgischen Reich“. In derlei historischer Kurzfassung kommt die Schlacht von Mohács 1526 nicht vor. Die Schlacht kostete dem aus dem Geschlecht der Jagellonen stammenden Ludwig II., König von Böhmen, Ungarn und Kroatien, das Leben und ermöglichte den Türken unter Suleiman I. dem Prächtigen (Süleyman Kánonyi) den Vorstoß auf Wien, den „Goldenen Apfel“ des Heiligen Römischen Reiches.

Gut, die Sache stimmt cum grano salis. Sodann fährt die Autorin bezüglich der ungarischen Fremdbestimmung und „der nationalen Psyche Ungarns, dass man sich unterjocht fühlt“, wie folgt fort: „Wenn man sich nicht so weit in die Historie bemühen möchte, dann wären da die Deutschen, die im Dritten Reich Ungarn überrannten und im Horthy-Regime willfährige Kollaborateure fanden. Später dann kamen die Sowjets, die den Kommunismus brachten…“ Was das Verhalten Ungarns unter Admiral Horthy während des II. Weltkriegs betrifft, hätte ein Click auf den entsprechenden Wikipedia-Artikel die Autorin davor bewahrt, sich von der Vorstellung, die Deutschen hätten wieder mal alles überrannt und Horthy sei nichts weiter als ein „willfähriger Kollaborateur“ gewesen, überrennen zu lassen.

Die Autorin schließt mit einem düsteren Lamento: „Armes Ungarn, armes Europa! Es wird von einem kleinmütigen Geist zu Fall gebracht.“ Da überrennt die Phantasie den Gang der Geschichte.

Dieser Beitrag erschien auch hier auf Herbert Ammons Blog

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thomas Punzmann, Vera Lengsfeld, Angela Merkel.

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