Die Kunst des Krieges

von Henry Kissinger1.05.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Die Denkmuster der chinesischen Elite sind Europäern wenig vertraut. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger erklärt, wie unterschiedlich der Westen (Schach) und der Osten (Go) strategische Herausforderungen angehen.

Die Chinesen sind kluge Realpolitiker und Anhänger einer strategischen Doktrin, die sich entschieden von der im Westen populären Strategie und Diplomatie unterscheidet. Eine turbulente Geschichte hat die chinesischen Führer gelehrt, dass nicht jedes Problem eine Lösung hat und dass es die Harmonie des Universums stören kann, wenn eine totale Kontrolle bestimmter Ereignisse zu stark angestrebt wird. Das Reich hatte zu viele potenzielle Feinde, um in völliger Sicherheit zu leben. Wenn Chinas Schicksal relative Sicherheit war, bedeutete das auch relative Unsicherheit: China musste die Grundzüge der Politik von mehr als einem Dutzend benachbarter Staaten mit sehr unterschiedlicher Geschichte und sehr unterschiedlichen Bestrebungen kennen. Nur sehr selten riskierten es chinesische Staatsmänner, einen Konflikt mit einem einzigen Zusammenprall zu klären, bei dem es um alles oder nichts ging. Komplizierte mehrjährige Manöver waren mehr nach ihrem Geschmack. Wo die westliche Tradition Wert auf das entscheidende Kräftemessen legte und die heroische Tat betonte, legte das chinesische Ideal Wert auf Raffinesse, indirektes Vorgehen und die geduldige Akkumulation relativer Vorteile.

Strategische Umzingelung

Dieser Gegensatz spiegelt sich auch in den bevorzugten Spielen der Intellektuellen beider Zivilisationen. Das älteste Spiel Chinas ist Weiqi (ungefähre Aussprache: „weitschi“, im Westen eher unter der Bezeichnung Go, einer Variante seines japanischen Namens, bekannt). Weiqi kann man mit „Spiel des Steine-Einschließens“ übersetzen, was ein Konzept der strategischen Umzingelung impliziert. Das Brett, ein Gitter von 19 mal 19 Linien, ist bei Spielbeginn leer. Jeder Spieler hat 180 Steine, die alle gleich viel wert sind. Die Spieler platzieren abwechselnd ihre Steine auf dem Brett und bauen dabei starke Stellungen auf, während sie zugleich versuchen, den Gegner einzuschließen und dadurch seine Steine zu gewinnen. Das Kräftegleichgewicht verändert sich mit jedem Zug, da die Spieler strategische Pläne umsetzen und jeweils auf die Initiativen des Gegners reagieren. Am Ende eines gut gespielten Spiels ist das Brett mit teilweise verflochtenen starken Positionen bedeckt. Der Vorteil des Siegers ist oft nur gering, und für ein ungeübtes Auge ist nicht immer sofort erkennbar, wer gewonnen hat. Beim Schach dagegen geht es um den totalen Sieg. Ziel des Spiels ist es, den Gegner schachmatt zu setzen, indem man seinen König in eine Stellung bringt, in der er sich nicht mehr bewegen kann, ohne vernichtet zu werden. Die große Mehrheit der Spiele endet mit einem totalen Sieg, der durch Abnutzung oder, seltener, durch ein dramatisches, geschicktes Manöver errungen wird. Das einzige andere mögliche Ergebnis ist ein Patt, wenn keine der beiden Parteien mehr auf einen Sieg hoffen kann.

Feldzug, nicht Schlacht

Wenn es im Schach um die Entscheidungsschlacht geht, dann geht es im Weiqi um einen langen Feldzug. Der Schachspieler strebt den totalen Sieg an. Dem Weiqi-Spieler geht es um den relativen Gewinn. Im Schach haben beide Spieler immer die gleichen Voraussetzungen; alle Figuren sind von Anfang an im Spiel. Der Weiqi-Spieler dagegen muss nicht nur die Steine auf dem Brett beachten, sondern auch berücksichtigen, welche Verstärkungen sein Gegner noch ins Feld führen kann. Schach lehrt die Clausewitz’schen Konzepte des „Schwerpunkts“ und des „Kulminationspunkts“: Das Spiel beginnt in der Regel mit einem Kampf um das Zentrum des Bretts. Weiqi dagegen lehrt die Kunst der strategischen Einschließung. Während ein guter Schachspieler danach strebt, die Figuren seines Gegners in einer Serie frontaler Zusammenstöße zu eliminieren, besetzt ein Weiqi-Spieler „leere“ Räume auf dem Brett und vermindert dadurch allmählich das strategische Potenzial der Steine seines Gegners. Schach führt zur Zielstrebigkeit; Weiqi produziert strategische Flexibilität. _Dieser Kommentar ist ein Auszug aus Henry Kissingers Buch “„China – Zwischen Tradition und Herausforderung“(Link)”:http://www.randomhouse.de/Buch/China-Zwischen-Tradition-und-Herausforderung/Henry-A-Kissinger/e345594.rhd (C. Bertelsmann Verlag München, 2011, ISBN: 978-3-570-10056-1)._

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