Weil Sie es sich wert sind

von Henrike von Platen19.03.2015Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Über Geld spricht man nicht, heißt es. Warum eigentlich nicht? Unser Lohn ist das beste Gesprächsthema, um endlich die Gehaltsunterschiede zwischen Mann und Frau zu überwinden.

Was sind Sie sich wert? Haben Sie das Gefühl, weniger zu verdienen, als Sie verdienen? Schämen Sie sich dafür, was Sie anderen wert sind? Oder schweigen Sie aus Angst, Neid zu erzeugen darüber, was Ihre Arbeit wert sein soll?

Fragen, die ich denke – und die andere denken. Aber ist das wirklich so? Warum sprechen wir nicht über unser Gehalt und fürchten mehr Transparenz in dieser Sache? Manche Ehefrauen wissen nicht, was der Ehemann verdient, oder der Sohn und die Tochter. Was ist in Deutschland anders als in Schweden oder den USA, wo Gehälter beim Finanzamt oder in Stellenausschreibungen öffentlich gemacht werden? Ich glaube, wenn „Gehälter“ kein _Tabuthema_ wären, hätten wir auch mehr Lohngerechtigkeit in Deutschland. Als _Gesprächsthema_ werden Gehälter verglichen und diskutiert, und so nicht nur verstärkt Thema der innerlichen Auseinandersetzung, unserer Lebensplanung, sondern auch der Unternehmen. Sie werden angeregt, nach Lösungen zu suchen, Arbeit fair zu bewerten, zu bezahlen und das demotivierende Thema der Gehaltsdiskrepanzen vom Tisch zu räumen.

Gleiches Geld für gleiche Arbeit – alter Spruch und immer noch nicht erreicht. Gleiches Geld für gleichwertige Arbeit – doch was heißt Gleichwertigkeit? Objektive Kriterien dafür zu entwickeln und in der Betriebspraxis umzusetzen, bleibt eine Herausforderung und eröffnet Spielräume je nachdem, auf welcher Seite des Gehaltsgefüges man sich gerade befindet. Also noch mal: Was sind Sie sich wert? Und, egal wie die Antwort ausfällt: Warum darf das kein Mensch wissen? Wenn diese Fragen keine klare Antwort, aber ein mulmiges Bauchgefühl bei Ihnen erzeugen, sind wir dem Problem auf der Spur.

Transparent in Unternehmen ist bisher nur, was auch gesehen werden darf

Lassen Sie uns über „Gleichwertigkeit“ nachdenken. Kann es sein, dass uns bestimmte Tätigkeiten mehr wert sind? Vergangene Woche ging es beim Deutschen Pflegetag um die wachsende Bedeutung der Pflegebranche. Obwohl in Deutschland über 2,5 Millionen und in Zukunft noch viel mehr pflegebedürftige Menschen leben, fehlen in Deutschland das Bewusstsein und die monetäre Wertschätzung dafür. Die Arbeit der schon jetzt zu geringen Zahl der Pflegekräfte, darunter zum Großteil Frauen, ist mit einer qualifizierten Ausbildung und hoher Belastung verbunden, aber wird vergleichsweise schlecht bezahlt. Ein anderes Beispiel: Teilzeitbeschäftigte bekommen meist einen geringeren Stundenlohn als Arbeitnehmende mit Vollzeitjob. Das muss sich ändern.

Heute wollen Verbraucherinnen und Verbraucher über die Herkunft von Lebensmitteln oder die Fertigung von Produkten Bescheid wissen und treffen Kaufentscheidungen, die dazu führen, dass Unternehmen mehr oder weniger erfolgreich sind. Diese Transparenz müssen wir auch über das Geschehen hinter den Kulissen der Arbeitsbewertung haben, um zu entscheiden, was uns bestimmte Berufe, Frauen und Männer in ihren Jobs wert sind. Im „War of Talents“ sind Familienfreundlichkeit oder die Förderung von Frauen inzwischen zur Imagefrage geworden – doch vieles davon ist nur gut klingende Werbung. Transparent wird, was der Betrachter von außen auch sehen soll.

Transparenz als gelebte Unternehmenskultur – immer mehr junge Unternehmen tun genau das. Sie haben erkannt, dass die nächste Generation sich undurchschaubaren Strukturen nicht mehr fügt. Stattdessen entwerfen sie neue, sich anders regulierende Gehaltssysteme, bei denen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die Gehälter selbst oder im Team bestimmen. Wer sich wertgeschätzt fühlt, arbeitet motivierter, loyaler und effizienter. Spätestens dann entscheiden Vertrauen, Respekt und Einflussnahme der Mitarbeitenden über wirtschaftlichen Erfolg. Am Ende kommt es darauf an: Was sind Sie sich wert? Und wer nicht verdient, was er oder sie verdient, hat innerlich gekündigt (wie statistisch jeder siebte in Deutschland).

_Den Equal Pay Day am 20. März 2015 rufen wir unter dem Motto „Spiel mit offenen Karten: Was verdienen Frauen und Männer?“ aus. Denn ich finde: Über Geld spricht man. Und in letzter Zeit höre ich immer wieder „Walk the talk“. Please walk together!_

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