Lohnt sich nicht

von Henrike von Platen20.03.2013Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Bis heute müssen Frauen mehr arbeiten, um das gleiche Geld wie Männer zu verdienen. Die Diskriminierung beginnt am Pflegebett. Eine Bilanz zum Equal Pay Day 2013.

2008 war das Geburtsjahr des Equal Pay Day in Deutschland. Dieses Jahr wird er aus dem Kindergarten in die Grundschule entlassen. Er, der EPD, der Tag der Entgeltungleichheit, ist ein talentiertes Kind, ein Frühstarter und er wird sich die kommenden Jahre sicherlich weiter hervorragend entwickeln. Wir freuen uns, dass es ein Junge ist, denn dieser Tag ist nicht nur für Frauen, wir wollen den kleinen Mann nicht als Exoten in unserer Runde verhätscheln. Wir wollen junge und ältere Männer an unserer Seite an diesem Tag. Denn die um 22 Prozent flacheren Geldbeutel der Frauen betreffen insbesondere bei Familien das Gesamtfamilieneinkommen. Geburtstagsgeschenke fallen kleiner aus, andere Dinge eventuell auch. Denken Sie einmal darüber nach, was es volkswirtschaftlich bedeutet, wenn wir viel Geld in die Ausbildung von Mädchen und Frauen investieren und dann im Anschluss dieses Erwerbspotenzial nicht nutzen. Wenn Frauen dann lieber, auch wegen der politisch gesetzten Fehlanreize wie Minijobs, Ehegattensplitting und Betreuungsgeld, zu Hause bleiben oder nur einer geringfügigen Beschäftigung nachgehen, die weit unter ihrem Ausbildungsniveau liegt. Ergibt das Sinn?

Die klassischen Rollenbilder funktionieren nicht mehr

Nun kommen sicherlich auch die Gegenstimmen: Lasst Frauen doch zu Hause bleiben. Welche Mutter möchte ihr Kind schon in fremde Hände geben, wer kann das eigene Kind besser erziehen als die leibliche Mutter? Aber empfinden diese Stimmen es denn auch als fair, dass diese Zeit gesellschaftlich nicht wertgeschätzt wird und dazu führt, dass die Frau, wenn sie nach ein, drei oder zehn Jahren wieder in den Beruf einsteigt, nicht im Ansatz auf Chancengleichheit stößt? Dass sie deutlich weniger verdient als vorher, der Weg in die Führungsetagen inzwischen versperrt ist und sie schließlich bei der Rente in ein tiefes Loch von 59 Prozent Lücke fällt? Der Mann als Familienversorger bis zum gemeinsamen Lebensende ist ein Rollenbild, das sich hartnäckig in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik hält – aber in der Realität nicht mehr funktioniert. Jede dritte Ehe wird heute geschieden, bei jeder zweiten Scheidung sind minderjährige Kinder betroffen. Nach dem neuen Unterhaltsrecht müssen beide Ex-Partner finanziell für sich selbst sorgen. Für Männer ist das meist kein Problem, für Frauen – vor allem Mütter – angesichts der fehlenden Chancengleichheit und der Lohnlücke deutlich schwerer.

Unser Schwerpunkt in diesem Jahr sind die Gesundheitsberufe. Größtenteils weiblich besetzt, erhalten Beschäftigte in diesen Berufen weniger Entgelt als in Ausbildungsberufen mit gleichwertigen Anforderungen. „Viel Dienst, wenig Verdienst“ ist deshalb das Motto des diesjährigen Aktionstags. Tarifverträge sind noch immer nicht geschlechtergerecht. Oder wussten Sie, dass Müllmänner mehr Entgelt erhalten, weil sie schwere Lasten heben müssen, dies aber bei Pflegekräften nicht in die Arbeitsbewertung mit einfließt? Schon historisch betrachtet waren es immer die Frauen, die sich um die Kleinen und Großen, die Alten und die Schwachen gekümmert haben – unentgeltlich und auf Kosten ihrer eigenen Erwerbstätigkeit. Experten melden bereits einen Fachkräftemangel in Pflegeberufen. Wen wundert dies in einem Bereich, der körperlich und psychisch anstrengend ist, aber schlecht bezahlt wird?

Der Aktionstag soll sich selbst abschaffen

Wir wünschen uns, dass unser noch junger EPD, frühreif wie er ist, schnell seine beruflich gesteckten Ziele erreichen kann. Dass er chancengleich aufsteigt und bald seinen Geburtstag Anfang Januar feiert. Wir wünschen ihm und uns, dass er sich ab Mitte 30 mit seinen Memoiren beschäftigt und seinen Nachkommen erzählt, wie er die deutschen Frauen gerettet hat. Er hat sein Ziel erst erreicht, wenn Frauen und Männer in Deutschland gleiche Einkommens- und Erwerbschancen haben. Der Equal Pay Day, der den Tag markiert, bis zu dem Frauen länger arbeiten müssen, um dasselbe Geld verdient zu haben wie Männer schon am Ende des Vorjahres, soll sich eines Tages selbst abschaffen. Dann erst kann der nunmehr erwachsene EPD, im wohlverdienten Ruhestand, zufrieden auf sein Lebenswerk zurückblicken und sich von seinen Enkeln fragen lassen: Wie war das eigentlich damals, Opa, als Frauen noch weniger verdient haben als Männer?

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