Ich würde all meine Technologie für einen Nachmittag mit Sokrates eintauschen. Steve Jobs

Der erste Akt

Zwar wurde Sarkozy abgestraft, aber auch Herausforderer Hollande kann sich nur verhalten freuen: Er strahlt zu wenig – noch besteht die Möglichkeit, dass Sarkozy seinen Kompetenzvorsprung in Wählerstimmen umwandelt.

Seit dem 22. April ist klar: Frankreich steht vor einem Machtwechsel. Der Sozialist François Hollande hat beste Chancen, in der Stichwahl am 6. Mai zum neuen Präsidenten gewählt zu werden und damit den amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy aufs politische Altenteil zu schicken.

Mit 28,6 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang und einem Anteil aller linken Kandidaten von 43 Prozent verfügt Hollande über ein hohes Potenzial zusätzlicher Stimmen. Sarkozy dagegen hat sein Ziel, schon im ersten Wahlgang die Nase vorn zu haben, verpasst und landet mit 27,1 Prozent nur auf dem zweiten Platz – noch nie ist dies einem amtierenden Präsidenten passiert. Er verfügt auch nicht über nennenswerte Stimmenreserven: Die Wähler des Zentristen François Bayrou und der Rechtspopulistin Marine Le Pen werden nur zum Teil für ihn stimmen.

Erratischer Wahlkampf

Warum diese Wechselstimmung? In erster Linie ist Sarkozy abgestraft worden, der mit seinem egomanischen, zuweilen aggressiven Stil die Franzosen vor den Kopf gestoßen hat wie kaum ein Präsident zuvor. Seine Politik, die nur selten einer klaren Linie zu folgen schien, ist auf immer stärkere Ablehnung gestoßen. Noch nie war ein Präsident am Ende seiner Amtszeit so unpopulär wie Sarkozy. Erratisch war auch sein Wahlkampf – hier der Staatsmann und Retter Europas, der mit Angela Merkel posierte und das deutsche Modell in den Himmel hob. Dort der Rechtsausleger, der sich in schon peinlicher Weise das Gedankengut der Rechtsextremen aneignete, den Europäern diverse Ultimaten stellte und die Rolle der EZB infrage stellte. Der Versuch aber, mit einem derartigen rechtspopulistischen Kurs wie 2007 am rechten Rand Stimmen zu holen, ist gründlich misslungen. Marine Le Pen erreicht mit 18,0 Prozent das beste Ergebnis ihres Lagers seit Bestehen der V. Republik.

Und François Hollande? Er hat von der Anti-Sarkozy-Stimmung profitiert, ohne indessen schon als strahlender Hoffnungsträger zu erscheinen. Gewiss, sein ruhiger, abwägender, pragmatischer Stil hebt sich wohltuend von seinem hyperaktiven Konkurrenten ab; er erscheint sympathischer, bürgernäher und ehrlicher als Nicolas Sarkozy. Sein Programm zeigt ein klares Profil, ist dennoch gemäßigt und verliert das Machbare nicht aus dem Auge. Auch weisen ihm die Wähler deutlich mehr sozial- und bildungspolitische Kompetenzen als dem scheidenden Präsidenten zu. Dort und in Fragen der Steuergerechtigkeit sehen sie auch die größten Chancen eines Politikwechsels. In Fragen der inneren Sicherheit, der Außen- und Europapolitik und der Bekämpfung der Wirtschafts- und Finanzkrise aber wird Sarkozy mehr zugetraut.

Pessimistische Krisenstimmung im Land

Sarkozy muss und wird in den nächsten zwölf Tagen versuchen, diesen Kompetenzvorsprung ebenso wie seine Regierungserfahrung in die Waagschale zu werfen und Hollande als einen „Leichtmatrosen“, einen Politiker der Beliebigkeit abzuwerten. Ob er allerdings damit im direkten Vergleich punkten kann, bleibt offen; ob es reichen würde, den Abwahltrend in letzter Minute umzukehren, ist mehr als fraglich.

Zu denken gibt, dass jeder dritte Wähler extreme bzw. Protest-Parteien gewählt hat – Ausdruck einer ausgesprochen pessimistischen Krisenstimmung im Lande. Dies löst Ängste und unrealistische Forderungen nach einem „grundlegenden Wandel“ aus und nährt einen starken Meinungsdruck, der vom linken (Mélenchon) und rechten Rand (Le Pen) ausgeht. Dem stehen äußerst begrenzte Handlungsspielräume gegenüber. Hollande mag vor dem Machtwechsel stehen, aber wird er auch einen wirklichen Politikwechsel herbeiführen können?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Edgar Ludwig Gärtner , Ulrike Trebesius, Cem Özdemir.

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