Selbst sehr mächtige Länder können fremde Gesellschaften nicht in den Griff bekommen. Stephen Walt

Flaschenentzug

Schärfere Regeln sind notwendig, um die Volkskrankheit Alkoholsucht in den Griff zu bekommen. Sechs Forderungen, basierend auf eigener, harter Erfahrung.

In Deutschland trinken zehn Millionen Menschen Bier, Wein und Schnaps in riskanter Weise, jeder Sechste davon ist süchtig. Pro Jahr sterben über 73.000 Patienten an den Folgen ihres Konsums, sodass Alkohol nach Nikotin und Bluthochdruck als die dritthäufigste Todesursache in Europa gilt.

Für Personen mit chronischem Missbrauch verkürzt sich die Lebenserwartung um durchschnittlich 23 Jahre. Die Bundesrepublik nimmt im internationalen Vergleich einen Platz im oberen Drittel der Statistik ein. Das Einstiegsalter für regelmäßigen Konsum ist von 15 (1970) auf 12 Jahre (2010) gesunken. Alkohol stellt die bei Minderjährigen am weitesten verbreitete psychoaktive Substanz dar.

Während es in den 1970er-Jahren als männlich galt, möglichst viel vertragen zu können und die Kumpels bei Wettspielen unter den Tisch zu trinken, gehen die Jugendlichen heute einen gefährlichen Schritt weiter, indem sie Vorglühen zur Doktrin erheben und Komasaufen als cool empfinden. Je früher sich ein Mensch an die Droge gewöhnt, desto stärker wächst die Gefahr der späteren Abhängigkeit.

Aufklärung an Schulen, PR-Maßnahmen wie „Kenn dein Limit“ und Appelle an die Einsicht der Betroffenen sind löblich, bringen aber in der Praxis kein nennenswertes Ergebnis zustande. Es muss deshalb über weitergehende Reglementierungen nachgedacht werden. Ein vollständiges Verbot wäre in einer klassischen Alkoholnation wie Deutschland sicher zum Scheitern verurteilt. Das Experiment mit dem sogenannten National Prohibition Act, der die Herstellung und den Transport von Alkohol unter Strafe stellte, führte in den USA der 1920er-Jahren zu einer bisher nie gekannten Zunahme der Kriminalität und des illegalen Konsums. Folgerichtig wurde das Gesetz 1933 zurückgezogen.

Jugendliche kommen zu einfach an den harten Stoff

Welche sinnvollen Maßnahmen unterhalb der Totalverbotsschwelle können ergriffen werden, um den Alkoholmissbrauch in Deutschland spürbar – und rasch – einzudämmen? Denn das etwas geschehen muss, ist unter Experten unstrittig. Andernfalls wird man in zwei Jahrzehnten mit der doppelten Anzahl von Abhängigkeitspatienten rechnen müssen.

Aus meiner eigenen Suchterfahrung weiß ich, dass ich als Jugendlicher deshalb zur Flasche gegriffen habe, weil Alkohol legal, überall erhältlich und preiswert war. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und genau an diesen Stellschrauben muss gedreht werden. Eher kräftig als zu sanft. Folgende Änderungen sollten deshalb möglichst rasch in Kraft treten:

  1. Verkauf sämtlicher alkoholischer Getränke erst ab 18 Jahren
  2. Verbot von Alkopops
  3. Verschärfung der Strafen für Personen, die Alkohol an Minderjährige weiterreichen
  4. Absenkung der Promillegrenze am Steuer auf 0,0
  5. Verkauf von Alkohol in separaten Abteilungen der Supermärkte, die man nur bei Vorzeigen des Personalausweises betreten kann
  6. Aufgrund von Alkohol auffällige Jugendliche genauso hart sanktionieren wie das bei Marihuana bereits gängige Praxis ist (Drogenscreening beim Amtsarzt, Ableisten von Sozialstunden)

Des weiteren ist zu überlegen, Alkoholwerbung im TV zu untersagen und Warnhinweise auf den Etiketten anzubringen. Weshalb sollte da zwischen Tabak und Schnaps ein Unterschied gemacht werden?

Sämtliche Verbote ersetzen natürlich keinesfalls eine konsequente Informationspolitik. Bis allerdings eine Bewusstseinsänderung in Richtung alkoholfreies Leben einsetzt, können mehrere Jahrzehnte verstreichen. Verlorene Zeit, in der viele Millionen Jugendliche deshalb zu Trinkern werden, weil sie zu einfach und billig an den Stoff herankommen. Die Verkaufsregeln müssen also dringend verschärft werden, um die Volkskrankheit Alkoholismus schnell und wirkungsvoll einzudämmen.

Das Buch „Saufdruck“ erschien 2013 im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nils Pickert, Albert Wunsch, Reinhard Lahme.

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