Wandern war gestern

Henning Flad5.11.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich der jugendliche Rechtsextremismus erfolgreich modernisiert. Nicht mehr Disziplin und Lagefeuer-Romantik prägen die Szene, sondern Rockkonzerte und offene Zusammenschlüsse.

Musik ist mittlerweile das wichtigste Mittel von Rechtsextremen zur Verbreitung ihres Gedankengutes unter Jugendlichen. Musik spricht anders als politische Agitationsformen eine große Zahl von jungen Menschen an. “Musik”, sagte der erste Popstar des Rechtsrock, Ian Stuart Donaldson, Sänger der englischen Gruppe Skrewdriver, “ist das ideale Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus näherzubringen.” Mit dem Rechtsrock hat sich die rechtsextreme Jugendszene kulturell und auch organisatorisch entscheidend verändert. Noch in den 80er-Jahren waren rechtsextreme Jugendorganisationen durch straffe Organisation und ein hohes Maß an Disziplin geprägt. Diese hielten an den kulturellen Formen des Nationalsozialismus und der bündischen Jugend, an Wanderfahrten, Lagerfeuer-Romantik und traditionellem Liedgut fest. Die Szene war deshalb ein gesellschaftlich randständiges Phänomen, insbesondere unter Jugendlichen.

Eine Alltagskultur, die an manchen Orten bereits hegemonial ist

Das ist mittlerweile anders. Der Rechtsextremismus ist für viele Jugendliche attraktiv geworden. Konzerte, Rockmusik und Kleidungsstil prägen ihn. Typisch sind nicht mehr Mitgliedsorganisationen mit straffer Führung, sondern offenere Zusammenschlüsse. Es hat sich eine rechtsextreme Alltagskultur etabliert, die an manchen Orten auch hegemonial ist. Und dieser Erfolg basiert auf einem dezidierten Bruch mit der Ästhetik des Dritten Reiches. Die E-Gitarre ersetzte die Klampfe, die Hinwendung zur Skinhead-Ästhetik befreite die rechtsextreme Szene aus ihrer Gettoisierung.. Die erste große (Musik-)Jugendszene mit rechtsextremem Flügel waren die Skinheads, später entwickelten sich rechtsextreme Flügel insbesondere auch in der Gothic-Szene und in der Black-Metal-Szene. Dieser Veränderungsprozess wurde von Führungspersonen der extremen Rechten weder strategisch noch zentral gesteuert, auch nicht durch die NPD. Der moderne Rechtsextremismus ist vielmehr deswegen lebensfähig, weil er eine kulturelle Bewegung ist, die einen politisch aufgeladenen, umfassenden Lifestyle anbieten kann.

Eine regelrechte Industrie versorgt die Szene

Seit den 90er-Jahren ist eine regelrechte kleine “Industrie” zur Versorgung dieser Szene entstanden. Über Versandhandel und Ladenlokale, durch “fliegende Händler” bei Konzerten und anderen Events werden Kleidung und insbesondere Tonträger in großen Mengen verkauft. Belastbare Zahlen über aktuelle Umsätze oder Gesamtauflagen von in der Bundesrepublik verkauften Rechtsrock-Tonträgern existieren nicht. Es kann jedoch als sicher gelten, dass die Verkaufszahlen in den letzten fünf Jahren deutlich gestiegen sind. Dabei musste schon vor Jahren von jährlichen Umsätzen in Millionenhöhe ausgegangen werden. Der Prozess der kulturellen Modernisierung des Rechtsextremismus wurde endgültig durch das Auftreten der sogenannten “Autonomen Nationalisten” abgeschlossen. Dabei handelt es sich um eine ausgesprochen gewalttätig auftretende Strömung, die einerseits durch bewusst rechtsextrem gewendete sozialrevolutionäre und globalisierungskritische Parolen und andererseits durch ein Aufgreifen von Kleidungsstilen und Symbolen aus der linken autonomen Szene für Schlagzeilen sorgt. Insbesondere in Großstädten prägen sie, zusammen mit mehr altbackenen Neonazis, inzwischen das Bild der Szene. Als zum Beispiel im September 2009 mehrere Hundert Neonazis unter der Führung der NPD durch Hannover marschierten, war die Mehrheit der Teilnehmer optisch erst auf den zweiten Blick von Antifas zu unterscheiden. Skinheads, die lange Zeit das Bild von solchen Demonstrationen prägten, waren nicht vertreten.

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