Der 08/15-Hitler

Helmut Ortner12.10.2014Gesellschaft & Kultur

Über die Banalisierung des Bösen und wie der Mann mit dem Bart zu einem Popstar wurde.

Hitler und kein Ende. Kaum eine historische Figur vermag die Deutschen mehr zu bewegen. Hitler ist ein Popstar, ein „Headliner“ der Medien- und Unterhaltungsindustrie. In seinem Erregungs- und Entrüstungspotenzial wird er von keiner anderen historischen Schreckgestalt übertroffen. Ein Magazin, das Hitler auf das Cover setzt, verkauft sich gut.

Als Dani Levys Film „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ 2007 in die Kinos kam, war die Aufregung im Feuilleton groß: „Darf man das?“, fragten nervöse Journalisten, „Über Hitler lachen?“ Als hätte es Mel Brooks’ „Frühling für Hitler“ nie gegeben. Mittlerweile ist The ­Führer ein globaler Popstar. In der Kult-Trickserie „Die ­Simpsons“ hat Adolf Hitler mehrere Auftritte. Keine Frage: Es gibt eine neue Leichtigkeit im Umgang mit Hitler und dem Nationalsozialismus. Nicht weil der Gegenstand seinen Schrecken verloren, sondern weil sich der Schrecken vom Gegenstand gelöst hat. Ob als Film, Buch oder Parodie-Vorlage: Es scheint, als wäre Hitler den Deutschen bald 70 Jahre nach Kriegsende näher denn je.

Guido Knopps bunte TV-Doku-Reportagen („Hitlers Helfer“, „Hitlers Frauen“ …) sind noch heute Quotenbringer, BBC-Serien über Hitlers Nazideutschland finden auf Phoenix in Wiederholungs-Endlosschleifen ihre Zuschauer. Die „dokumentarischen“ TV-Filme leben von der Fiktionalisierung. Und die ist unaufhaltsam, schon allein deshalb, weil die letzten Augenzeugen aussterben.

Grauen schlägt um in Faszination

Das tatsächlich Geschehene weicht einem historischen Mythos, der keine Widersprüche kennt. Die Gestalten, die Propaganda, die Verbrechen der ­Nationalsozialisten, das reale Grauen schlägt um in schaudernde Faszination. So wird das NS-Deutschland vernebelt und marktgängig in die Jetzt-Zeit transferiert. Die Nazi-Ära verkommt zur beliebig ersetzbaren Chiffre des Bösen – mit einem verhängnisvollen Nebeneffekt: der Verharmlosung. Und diese Verharmlosung braucht ein Gesicht: Hitler. Er ist zur popkulturellen Ikone des Bösen mutiert.

Die verharmlosende Beliebigkeit steht im schroffen Gegensatz zum Verfolgungs- und Kriminalisierungswahn im Kampf gegen jegliche Nazi-Hinterlassenschaft. Hakenkreuz, SS-Rune und Reichskriegsflagge sind verboten. Wer sie öffentlich zur Schau stellt, ruft die Justiz auf den Plan. Hitlers gesammelte Propagandaprosa „Mein Kampf“ wird nicht gedruckt, nicht verkauft. Gerade wird darüber diskutiert, wie zukünftig zu verfahren ist: Die Rechte an dem Machwerk – bislang beim bayerischen Staat – laufen ab. Ein Verbot des Werks wird diskutiert. Von den Symbolen und Schriften geht demnach noch immer eine Gefahr aus.

Wohin die Versuche der Austreibung von NS-Symbolen führen können, zeigt eine Justizposse aus dem Schwabenland. Dort beschäftigten sich fast zwei Jahre lang Polizisten, Staatsanwälte und Richter mit der Frage, ob ein durchgestrichenes Hakenkreuz gegen das Verbot von NS-Symbolen verstößt. Wohnungen wurden durchsucht, Aufkleber und Transparente beschlagnahmt, Geldstrafen verhängt. Dann entschied der Bundesgerichtshof: Demonstranten dürfen verfremdete Nazi-Symbole verwenden, NPD-Gegner dürfen Hakenkreuze bildlich in die Tonne treten, Punks dürfen sie symbolisch mit dem Stiefel zerquetschen oder mit dem Hammer zertrümmern. Politiker dürfen Hakenkreuze auch in ein rotes Halteverbotsschild integrieren und sich als Button ans Revers heften.

Der dritte Strafsenat des Bundesgerichtshofs konnte darin anders als das Landgericht Stuttgart keine Straftat erkennen, und es sprach deshalb einen Versandhändler auch vom Vorwurf der „Verwendung von Symbolen verfassungswidriger Organisationen“ (§ 86a StGB) frei. Wenn die Symbole „in offenkundiger und eindeutiger Weise“ die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus zum Ausdruck brächten, dann dürfe deren Gebrauch nicht kriminalisiert werden, begründete der BGH sein Urteil.

Hitler ist Projektionsfläche geworden

Einerseits der Kult um die Person Hitler, andererseits die rigorose juristische Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung von Zurschaustellung jeglicher Form von Nazi-Devotionalien und sonstiger NS-Hinterlassenschaften. Ein sozialpsychologischer Zwiespalt oder eine realpolitische Groteske?

Tatsache ist: Hitler-Vergleiche sind zwar weiterhin kontaminiert (freilich als gezielter Tabubruch durchaus marketingkompatibel, siehe Eva Herman und Thilo Sarrazin) – doch nicht mehr der große Grenzübertritt, der sie in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg waren.

Hitler dient als Projektionsfläche für die vermeintlich dunklen Charakteristika seiner Persönlich­keit, eingedampft auf „das Böse“. Und das Böse ist faszinierend und bedrohlich zugleich. Wir wollen nichts mit ihm zu tun haben und können uns doch nicht davon abwenden. Wir wünschen es aus unserer Welt und benötigen doch seine Anwesenheit.

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