Berlin hat ein Verwahrlosungsproblem. Hans-Olaf Henkel

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten in Kröpfchen

Keine Kohle, doof und krank? Gruppen mit geringerem sozioökonomischen Status und geringer Bildung sind oft durch schlechtere Ernährung auch gesundheitlich benachteiligt. Ernährungsgewohnheiten werden aber nicht durch Aufklärungskampagnen geändert, sondern es müssen gesundheitsfördernde Verhältnisse geschaffen werden, die Menschen dazu animieren, auf eine bessere Ernährung zu achten.

Ludwig Erhard, Minister und „Macher“ des deutschen Wirtschaftswunders, galt trotz seines Übergewichts als stattlich und besonders erfolgreich. Im Zeitalter des Fitness- und Schönheitswahns gelten “Dicke” jedoch als faul und undiszipliniert und sind gesellschaftlich “out”. Das Leben im XXL-Format wird zur Last und drückt auf die Psyche.

In Deutschland zeigt die Nationale Verzehrsstudie II, dass bildungsferne, einkommensschwache Bevölkerungsschichten schlechter ernährt sind, als wohlhabende, gut gebildete Personen. Frauen und Männer der unteren Schicht verzehren weniger günstige Lebensmittel wie Gemüse, aber mehr fett- und zuckerreiche Lebensmittel wie Wurst, Fette, Süßwaren sowie zuckerreiche Limonaden und alkoholhaltige Getränke. Je höher der Schulabschluss und das Pro-Kopf-Nettoeinkommen, desto weniger treten Übergewicht und Fettsucht auf.

Trendige Biolebensmittel, Gemüse und Vollkorn für die Oberschicht, Fast Food und Limo für die sozial Schwachen? Müssen Menschen mit geringen Bildungschancen und schmalem Geldbeutel also auch noch die zusätzliche Bürde von Fehlernährung, Fettsucht und ernährungsmitbedingten Krankheiten schultern?

Chancengleichheit bei Gesundheit

Offenbar ja – europaweit zeigt sich, dass Gruppen mit geringerem sozioökonomischen Status und geringer Bildung gesundheitlich benachteiligt sind. Es muss deshalb alles dafür getan werden, um allen Menschen die gleiche Chance auf Gesundheit zu eröffnen und die ungerechtfertigte Diskriminierung von Übergewichtigen zu überwinden.

2005 forderte Markos Kyprianou, damaliger EU-Kommissar für Gesundheit, diese Benachteiligungen mit geeigneten Maßnahmen zu beseitigen. Brauchen wir also eine Steuer auf ‚Junk Food’, eine Gesundheitsabgabe für ‚Couch Potatoes’, Subventionen für Obst und Gemüse oder mehr Ernährungsaufklärung? Zusätzliche Steuern und Abgaben wären geradezu kontraproduktiv, eine Verbilligung von Obst und Gemüse könnte indes Wirkung zeigen. Aber wie ist es mit der Ernährungskommunikation?

Wir wissen, dass Maßnahmen mit dem Ziel, Verhalten durch Aufklärung zu ändern (Verhaltensprävention), gerade bildungsferne Schichten mit den größten Ernährungsproblemen nicht erreichen. Kommunikation allein schafft es kaum, langfristig Verhalten zu ändern. Warum soll man etwas „gesundes“ essen, das nicht schmeckt, wenn die “Belohnung” in Form anhaltender Gesundheit nicht sogleich, sondern erst nach Jahren eingelöst werden kann?

Verhältnisprävention statt Verhaltensprävention

Da die Verhaltensprävention den Einzelnen überfordert, brauchen wir bessere Maßnahmen wie die “Verhältnisprävention”. Sie bewirkt mit der Gestaltung gesundheitsförderlicher Verhältnisse, dass ein günstiges Verhalten nachhaltiger und leichter umgesetzt werden kann. So führte die Gurtpflicht zu einem sofortigen Rückgang von Toten und Verletzten im Straßenverkehr, Appelle und Aufklärung hingegen konnten zuvor dies nicht bewirken.

Beispiele im Bereich Ernährung sind gesundheitsfördernde Essens-Angebote in Kita, Schule oder Betrieb. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat, im Rahmen des Nationalen Aktionsplans “IN FORM”, Qualitätsstandards für die Ernährung in diesen Lebenswelten erarbeitet. Eine flächendeckende Umsetzung dieser Standards wäre notwendig. Ein anderes Beispiel: Wird Kindern und Jugendlichen über Schulfruchtprogramme kostenlos Obst und Gemüse angeboten, steigert dies messbar deren Verzehr. Bleibt angesichts einer Förderung der EU für derartige Programme zu hoffen, dass sie nicht nur wie bislang in einigen Bundesländern, sondern bundesweit realisiert werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sarah Wiener, Franco Sassi, Felix Löwenstein.

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