Katholiken im Kampf gegen Nazis

von Helmut Moll22.11.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

Alfred Delp zählt zu den bekanntesten Katholiken, die im dritten Reich gegen die Nazis kämpften. Lesen Sie hier die bewegende Lebensgeschichte eines hellsichtigen, sozialen Zeitanalytikers.

Am 15.9.1907 wurde D. als ältester Junge unter sechs Geschwistern in Mannheim geboren. Gemäß dem Wunsch seiner kath. Mutter wurde er in der kath. Oberen Pfarrei in Mannheim getauft, dann aber im Bekenntnis seines ev. Vaters erzogen. Nach dem Umzug der Familie nach Lampertheim führte ein Konflikt des jungen Alfred mit dem ev. Pastor 1921 zu einem engagierten Leben in der kath. Kirche. Daraufhin empfing er die erste hl. Kommunion und das Sakrament der Firmung. Wichtig für ihn war vor allem: Er kam durch die Vermittlung des Ortspfarrers Johannes Unger in das bischöfliche Konvikt nach Dieburg und in das dortige Gymnasium. Damit gelang ihm ein sozialer Aufstieg, den er in einem guten Abitur am 16.3.1926 unter Beweis stellte. Im Konvikt in Dieburg kam D. mit dem 1919 gegründeten Jugendbund Neudeutschland (ND) in Kontakt, bei dem er als Gruppenführer erste Verantwortung für junge Menschen übernahm. In diesen Jahren lernte er auch die großen Themen seines Lebens kennen und schätzen: Christus, Gnade, Deutschland.

Wohl aufgrund seiner Begegnungen mit Jesuiten im ND trat er am 22.4.1926 in das Noviziat der Gesellschaft Jesu im österreichischen Tisis bei Feldkirch in Vorarlberg ein. Seine Ausbildung verlief – trotz der politischen Veränderungen – ganz gemäß der Ausbildung eines Jesuiten: philosophische Studien in Pullach bei München, praktische Tätigkeit als Erzieher in den Jesuitenkollegien: Stella Matutina in Feldkirch (Vorarlberg) und in St. Blasien im Schwarzwald, theologische Studien im Ignatiuskolleg in Valkenburg (Niederlande). Am 24.6.1937 wurde er in der St. Michaelskirche in München von Michael Kardinal Faulhaber zum Priester geweiht. Sein letztes Ausbildungsjahr, das sog. Terziat, verbrachte er im Exerzitienhaus auf der Rottmannshöhe am Starnberger See. Damit sind wir aber bereits der Zeit weit vorausgeeilt. Wir stehen im Jahr 1939: am Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Aufgrund seiner philosophischen Interessen –D. hatte am Berchmanskolleg in Pullach seine Studien mit dem Dr. phil. abgeschlossen –und aufgrund seines schriftstellerischen Talents – D. hatte 1935 sein erstes Buch: „Tragische Existenz“, eine Auseinandersetzung mit der Philosophie Martin Heideggers verfasst, – kam er als Redakteur zur Jesuitenzeitschrift „Stimmen der Zeit“ nach München. Bis zur Beschlagnahmung des Hauses durch die Gestapo am 18.4.1941 verfasste er vornehmlich Beiträge zu soziologischen und philosophischen Themen. Nebenher entwickelte er eine weitreichende Vortragstätigkeit, etwa zum Thema: „Der Mensch und die Geschichte“, die ihn quer durch Deutschland führte. Eine neue Phase seines Lebens begann für D. Ende April 1941, nach der Vertreibung der Jesuiten durch die Gestapo aus ihrem Haus. D. wurde Kirchenrektor an der kleinen St. Georgskirche in München-Bogenhausen. Dort engagierte er sich in der Jugendarbeit, in der Unterstützung der Münchner Katholiken beim Protest gegen die Entfernung der Kreuze aus den Schulen, bei der Hilfe für die ab 1941 verfolgten Juden. Seine zeit- und kirchenkritischen Predigten wurden zu einem Geheimtip unter engagierten Katholiken.

Im Frühjahr 1942 brachte ihn sein Provinzial, P. Augustinus Rösch (1893-1961), in die Widerstandsgruppe um den Grafen Helmuth James von Moltke (1907-1945), die später von der Gestapo Kreisauer Kreis genannt wurde, benannt nach dem Ort Kreisau in Nieder-schlesien, wo 1942-1943 auf dem Gut der Moltke die drei geheimen Treffen der Kreisauer stattfanden. Die Aufgabe D.s in dieser Widerstandsgruppe von 20 Männern aus unterschiedlichen Schichten war, bei der Entwicklung einer neuen sozialen Ordnung im Nachkriegsdeutschland mitzuwirken. Schon während seiner Studien hatte er immer ein großes Interesse an sozialen Fragen gezeigt. Dies bewog seinen Provinzial, ihn zur Mitarbeit im Widerstandskreis zu bitten. So nahm D. an der zweiten (im Herbst 1942) und dritten Tagung (Frühjahr 1943) in Kreisau teil und versuchte die sozialen Ideen der päpstlichen Sozialenzyklika Pius’ XI. Quadragesimo anno (1931) in die Grundsatzerklärungen des Kreises einzubringen. Ihm ging es dabei um Grundbegriffe wie „soziale Gerechtigkeit“, um die „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“, um den „Familienlohn“, um „bessere Bildungs-chancen“ für die Arbeiter und Bauern.

Diese konspirativen Treffen der Kreisauer in Kreisau, Berlin, München waren der Gestapo wohl entgangen; denn sie rollten diesen Kreis erst nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler am 20.7.1944 auf. Da D. am 6.6.1944 anlässlich eines Vortrags in Bamberg auch den „Attentäter“ Claus Schenk von Stauffenberg zu einer langen Aussprache aufgesucht hatte, musste er mit seiner Verhaftung rechnen. Obgleich seine Freunde ihm rieten, sich zu verstecken und dadurch sein Leben zu retten, weigerte er sich unterzutauchen. So wurde er am 28.7.1944 nach der Frühmesse von der Gestapo bei der St. Georgskirche verhaftet und Anfang August nach Berlin überführt. Er verbrachte fortan sein Leben nur in Berliner Gefängnissen: im Gestapogefängnis Lehrter-straße 3, in der Haftanstalt Berlin-Tegel, im Hinrichtungsgefängnis Berlin-Plötzensee.

Die Gefängniszeit in der Lehrterstraße war für D. die härteste Zeit seines Lebens: Er wurde streng verhört und gefoltert. Ende September wurden dann alle Kreisauer in die Haftanstalt Tegel zusammengelegt. Ein neues Leben begann für D.: Er konnte seine Advents- und Weihnachts-Meditationen niederschreiben, konnte über hundert Kassiber in die Welt jenseits der Mauern schicken, konnte seine Reflexionen über einen „Theonomen Humanismus“, über „die Erziehung des Menschen zu Gott“, über „Das Schicksal der Kirchen“, über „Die Orden“, über „Deutsch-land“ zu Papier bringen, konnte mit seinen Freunden im Gefängnis bei zufälligen Begeg-nungen im Gespräch sein.
Am 8.12.1944 konnte D. in der Stube des Justizwachtmeisters seine Profeß in die Hände von P. Franz von Tattenbach ablegen. Darin erfüllte sich ein langgehegter Wunsch; denn er hätte die Gelübde am 15.8.1944 ablegen sollen. Und D. wusste, dass sein Orden ihn in dieser Extremsituation nicht allein ließ.

Am 16.12.1944 erfuhr D. durch seinen Verteidiger die Punkte der Anklage: Konspiration im Kreisauer Kreis, Kenntnis der Planungen des Kreises um Carl Friedrich Goerdeler, Nichtanzeige dieser Verbrechen. Diese Tatsachen waren purer Defätismus und erfüllten den Tatbestand des Hoch- und Landesverrates sowie der Zersetzung der Wehrkraft. Am 9.1.1945 fand der Prozess gegen die Kreisauer vor dem Volksgerichtshof statt. Der Präsident Dr. Roland Freisler stand selbst dem Verfahren vor. Da Freisler als „Pfaffenfresser“ bekannt war, hatte D. von Anfang an keine Chance. Er verteidigte sich wohl am 9.1.1945 standhaft. Aber damit erreichte er eher das Gegenteil: Freisler beurteilte ihn als einen gefährlichen, intelligenten Mann. Moltke wurde von Freisler deshalb beschimpft, weil er überhaupt Kontakt zu einem Provinzial der Jesuiten hatte. Am Ende wurde D. – wie Moltke – wegen Hoch- und Landesverrats (§§ 83,91 b STGB) und wegen Zersetzung der Wehrkraft (5 KSSVO) für immer ehrlos erklärt und zum Tod verurteilt. Nach der Begründung des Todesurteils, in dem gerade die Kontakte, die D. zwischen den Kreisauern und dem Bischof von Fulda, Johann Baptist Dietz, hergestellt hatte, eine zentrale Rolle spielten, kamen die Verurteilten wieder nach Tegel zurück. D. hoffte immer noch, mit dem Leben davonzukommen. Als Moltke am 23.1.1945 hingerichtet wurde, überfiel D. eine tiefe Depression. Dennoch raffte er sich wieder mit seinem Überlebenswillen auf. Am 31.1.1945 wurde er in die Haftanstalt Berlin-Plötzensee gebracht. Dort wurde ihm bereits die Häftlingskleidung angelegt. Am 2.2.1945 gegen 15 Uhr wurde D. zusammen mit Carl Friedrich Goerdeler und Johannes Popitz in dem hässlichen Schuppen gehenkt.
Wie er selbst sein Leben sah, hatte er in seinen Advents- und Weihnachtsmeditationen und in seinen Reflexionen niedergeschrieben. Er sah sein Leben als Dienst an der Verkündigung der Frohen Botschaft, als Dienst an den Menschen in der Kirche. Diese Ziele aber waren immer rückgebunden in die soziale Situation. Deshalb müsse sich die Kirche um den geschlagenen und am Boden liegenden Menschen kümmern. Nur so könne sie glaubwürdig die Frohe Botschaft verkünden. Und so stand am Ende sein „personaler Sozialismus“, seine „Dritte Idee“, gegen den NS. Dieser Antithese wegen und weil er Jesuit war und blieb – er war auf ein verlockendes Angebot der Gestapo, durch den Austritt aus dem Jesuitenorden sein Leben zu retten, nicht eingegangen – hatte er keine Chance, dem Hass Freislers zu entkommen.

Unvergessen bleiben seine drei großen Visionen: die Vision einer sozialen und gerechten Gesellschaft, die Vision einer erneuerten, menschenfreundlichen Kirche, die Vision eines neuen, d.h. des anbetenden und des liebenden Menschen. Er selbst deutete in einem Kassiber nach dem 11.1.1945 seinen Tod so: „Wenn der Herrgott diesen Weg will – und alles deutet darauf hin – dann muss ich ihn freiwillig und ohne Erbitterung gehen. Es sollen einmal andere besser und glücklicher leben können, weil wir gestorben sind. Ich bitte auch die Freunde, nicht zu trauern, sondern für mich zu beten, solange ich der Hilfe bedarf. Und sich nachher darauf zu verlassen, dass ich geopfert wurde, nicht erschlagen“.

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