Im Kampf gegen die Nazis

von Helmut Moll17.11.2018Gesellschaft & Kultur

Johannes Maria Verweyen kämpfte gegen die Ideen des Nationalsozialismus. Deshalb entzogen ihm die Nazis die Lehrarlaubnis, sperrten ihn in ein Berliner Gefängnis und verschleppten ihn später in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Bergen-Belsen, wo der Philosoph 1945 kurz vor der Befreieung an Fleckfieber verstarb. Helmut Moll mit einer bewegenden Geschichte.

Johannes Maria Verweyen wurde am 11.5.1883 auf dem elterlichen Gut in [Bed-burg-Hau]Till bei Kleve am Niederrhein geboren. Er verlor seinen Vater Hubert, als er gerade ein halbes Jahr alt war. Seine Mutter Sibilla, geb. Nissing, bemühte sich, ihr einziges Kind soviel wie möglich zu fördern, und zog 1892 nach Kleve, um ihm den Besuch des Königlichen Gymnasiums – heute Freiherr-vom-Stein Gymnasium – von der Sexta an zu erleichtern.

Ab Obertertia – Ostern 1896 – wurde er Schüler der Bischöflichen Studienanstalt Collegium Augustinianum Gaesdonck bei Goch, wo ihm bereits erste Glaubenszweifel kamen. Da die Mutter umzog, dieses Mal nach Düsseldorf, verließ V. die Schule im Herbst 1899. Wie Monika für Augustinus, so war Mutter V. bereit, alles für ihren einzigen Sohn zu opfern. Sie begleitete ihn mit unend-lich sorgender Liebe in seiner Entwicklung.
Sie sagte immer: „Ich habe noch eine Mission zu erfüllen“. Sie erlebte das Glück seiner „Heimkehr“ zum kath. Glauben nicht mehr mit klarem Bewusstsein. Als V. zu ihr eilte, lag sie bereits im Sterben.

In Düsseldorf legte er 1902 sein Abitur am Hohenzollerngymnasium (heute Görres-Gymnasium) ab. Ursprünglich wollte er das Studium der Theologie bzw. der Rechtswissenschaft aufnehmen. Keines von beiden wählte er jedoch, als er sein Studium in Freiburg begann. Das erste Semester verlief im ungetrübten Zeichen angestammter Religiosität. In Leipzig, Berlin, Bonn und Straßburg, wo eine andere Luft wehte, studierte er Philosophie, Psychologie und Naturwissenschaften. In der kath. Tradition des Niederrheins aufgewachsen, bekam er als Student Glaubenszweifel.

Bereits 1905 wurde V. zum Dr. phil. mit dem Thema „Walter Ehrenfried von Tschirnhaus als Philosoph“ an der Universität Bonn promoviert, wo er sich drei Jahre später habilitierte und als Privatdozent der Philosophie tätig war. Er sah die Forschungsaufgabe des Wissenschaftlers und die pädagogische Verantwortung des Universitätslehrers wie folgt: „die Naturwissenschaft philosophisch so reflektieren, dass daraus eine Weltanschauung werde, mit der ein Mensch sein Leben in geistiger Freiheit gestalten könne.“ 1918 wurde er zum außerordentlichen Professor für Philosophie ernannt. Seine unkonventionelle Art der Behandlung philosophischer Themen erregte Aufsehen. Ein prominenter Zeitzeuge hielt ihn gar für einen Effekthascher.
V. suchte nach der Wahrheit und erforschte alles, was die damalige Zeit auf philosophischem und religiösem Gebiet bewegte: Den naturalistischen Monismus eines Wilhelm Ostwald, der die Wissenschaft an Stelle der Religion zur Führerin des Lebens erhob, Theosophie, Anthroposophie, Okkultismus und Freimaurertum. Er fühlte sich in seinem Denken herausgefordert von den Phänomenen, die nicht in sein monistisches Weltbild hineinpassten wie z.B. Heilungen in Lourdes und das Phänomen der Parapsychologie. Neue Erkenntnisse im Bereich der Physik und Molekularbiologie stellten seine bisherigen Vorstellungen völlig auf den Kopf. Der Erste Weltkrieg nahm ihm den letzten Rest seines Kinderglaubens. So erklärte er am 21.3.1921 vor dem Amtsgericht in Bonn seinen Austritt aus der kath. Kirche. Sein zusätzliches Medizinstudium diente der Erforschung des „Mediumismus“ im Bereich der Parapsychologie. Von den Monisten ging er zu den Freimaurern; das Prinzip der Toleranz, der brüderlichen Liebe und der religiösen Duldsamkeit zog ihn an. Aber auch davon trennte er sich: „Gewogen und zu leicht befunden“. Er schloss sich den Theosophen an, wohl gedrängt durch seine Neigung zur Parapsychologie und zum Okkultismus. Er geriet unter den Einfluss des Inders Krishnamurti, nachdem er kurz zuvor in seinem Buch „Meisterung des Lebens“ den wesentlich gleichgerichteten lebensphilosophischen Dreiklang von „Freiheit, Friede, Freude“ aufgebaut hatte.

In seiner Autobiographie „Heimkehr. Eine religiöse Entwicklung“ fand er warme Worte der Dankbarkeit für die geistig-religiöse Förderung, die er durch die Theosophen erfahren hatte. In den Niederlanden lernte er die „liberal-katholische Kirche“ kennen. Dies war eine gnostisch-theosophische Gemeinschaft mit kath. Kultformen. Sie erhielt große Bedeutung für sein Leben. Er schrieb dazu: „Nach mehrjährigen Überlegungen stand mein Entschloss fest, im Rahmen dieser Gemeinschaft das priesterliche Berufsideal meiner frühen Jugendzeit zu verwirklichen! Ende September 1928 war der große Tag gekommen, das Fest des hl. Erzengels Michael, an dem ich in Huizen durch Bischof Dr. Wedgewood [einem ehemaligem anglikanischem Bischof] die hl. Priesterweihe empfing. Ein unbeschreiblich beseligender und beschwingender Vorgang! Mir war, als öffneten sich buchstäblich neue Quellen des Lebens, um mich mit ihren lebendigen Wassern zu überströmen (…)“.

Am 9.4.1934 wurde V. wegen offener Kritik an den Ideen des NS unter Berufung auf das ns „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7.4.1933 die Lehr-befugnis an der Universität Bonn entzogen. Für das Sommersemester 1934 hatte er eine Vorlesung mit dem Thema „Nationalsozialismus und Katholizismus“ angekündigt, aber auf Grund seiner Entlassung konnte er sie nicht mehr halten. Inhaltlich standen seine Veröffentlichungen seit 1934 im krassen Gegensatz zu der Ideologie eines Alfred Rosenberg oder Heinrich Himmler. Wegen seines offenen Auftretens gegen die Irrlehren des NS – er verurteilte vor allem immer wieder den Antisemitismus – wurde er schon früh von der Gestapo überwacht. Im Haupt-staatsarchiv Düsseldorf – zuständig für Kleve – existiert eine diesbezügliche Akte. In dieser befindet sich folgende Niederschrift: „Die Gestapo interessierte sich erst für ihn, nachdem er in der Zeitung ,Der Katholik‘ am 1. November 1936 einen Artikel zum Allerseelentag veröffentlicht hatte“. Seitdem überwachte man seine Vorträge. Am 15.3.1937 wandte sich die Gestapo Düsseldorf zum ersten Mal an den SS-Sicherheits-dienst in Berlin, und zwar wegen eines Vortrags, in dem er das Gegenteil von der damals üblichen Rassentheorie dargeboten hatte. Ende November 1937 ging nochmals ein Brief von Düsseldorf nach Berlin: „An-liegend überreiche ich ein Belegstück des so-eben herausgekommenen Buches von Prof. Dr. Johannes Maria Verweyen mit dem Titel ,Zurück zu Christus – Ein Buch zur Einkehr und Umkehr‘, erschienen im Frankes Verlag und Druckerei (Otto Borgmeyer) Breslau. Das Buch trägt das Imprimatur des General-vikariates Münster vom 9.10.1936“. Die Gestapo verbot seine Schriften und beschlagnahmte sie manchmal unmittelbar nach dem Erscheinen.
Nach einem Leben der Irrungen und Wirrungen bekannte sich V. am 2.2.1936 wieder zum kath. Glauben. Der Lichtmeßtag wurde aus symbolischen Gründen gewählt. In St. Bernhard in Berlin wurde er kirchenrechtlich wieder eingegliedert und empfing dort am 8.4.1936 wieder die hl. Kommunion. Im Klerusblatt in Bonn teilte er in einer öffentlichen Erklärung mit, er bedauere seinen Austritt aus der kath. Kirche als größten Irrtum seines Lebens.

Nachdem V. bereits seit mehreren Jahren argwöhnisch von der Gestapo beobachtet worden war, wurde er ab dem Jahre 1941 verfolgt, um ihn zu verhaften. Auf einer seiner Vortragsreisen, mit denen er sich inzwischen seinen Lebensunterhalt verdiente, wurde er am 27.8.1941 ohne Anklage verhaftet und in das berüchtigte Gestapogefängnis am Berliner Alexanderplatz gebracht. Auf der Frankfurter Gestapokarteikarte „Verweyen“ heißt es: „Wurde hier am 27.8.41 auf Grund eines Anschreibens im DKrPB fest-genommen und am 8.9.41 mittels Sammeltransp. an Stapoleit. Bln. verschubt“.

Sein Mithäftling Franz Ballhorn schrieb in der Wochenzeitschrift „Das freie Wort“ am 16. 3.1951: „(…) Im dunstigen Dämmerlicht des Häftlingsbaues im Berliner ,Alex‘ im August 1941 begegnete ich diesem bezaubern-den Feuergeist und lebensfreudigen Gelehrten von hohen Graden zum erstenmal (…). In der Welt des Geistes hatte sein Name einen guten Klang. Als Professor der Philosophie der Bonner Hochschule, von der er um seines Glaubens willen vertrieben wurde, stand er im Mittelpunkt der geistlichen Auseinandersetzungen der Zeit. Als ernster Gottsucher war er, der Sohn aus einer tief religiösen kath. Familie des Niederrheins, im Laufe seines Lebens Wege gegangen, die ihn seiner Mutterkirche vollkommen entfremdeten. Im Jahre 1936 hatte er als vertiefter und geläuterter Geist zurückgefunden zum Glauben seiner Ahnen (…). Wie er ehedem auf dem Bonner Lehrstuhl mit einer zauberhaften, ja fast gefährlichen Begabung begeisterte Anerkennung und bis ans Schwärmerische grenzende Bewunderung einer großen akademischen Hörerschaft gewann, so führte und formte der nur äußerlich Gefangene seine Leidensgefährten zur geistigen Läuterung. Allen körperlichen und seelischen Schikanen zum Trotz blieb V. ungebrochen und erhellte immer wieder das oftmals dumpfe Grau des eintönigen Zellenlebens.“

Am 23.5.1942 kam V. ohne gerichtliches Verfahren ins KZ Sachsenhausen. Hier trug er die Armbinde „Sprachlehrer“. Das ermöglichte ihm, in den Baracken Kontakte zu pflegen und offiziell erlaubte Vorträge zu halten. Er sollte im Lager die polnischen, russischen, ukrainischen, französischen, holländischen und jugoslawischen Häftlinge mit den meistgebrauchten Vokabeln, Be-fehls- und sonstigen Redewendungen ihrer Peiniger vertraut machen.

Reinhold Heinen berichtete am 29.11.1946 in der Kölnischen Rundschau: „(…) Wir trafen uns regelmäßig kurz nach 4 Uhr morgens, und die Stunde bis zum Appell bot die Gelegenheit, unsere Gedanken auszutauschen. Man konnte immer wieder den hohen Flug seiner Gedanken, den übersteigenden Reichtum seines Wissens, die Originalität und Selbständigkeit seines Denkens bewundern, aber auch an dem ungebrochenen Optimismus sich aufrichten, mit dem er immer wieder bestimmte Zeitpunkte für den Zusammenbruch des Hitlersystems und den Anbruch der Freiheit voraussagte (…). Es kann kein Zweifel an der gläubigen Haltung bestehen, die am Ende des weitgeschwungenen Lebensbogens dieses Mannes stand, der zeitlebens ein ernster Sucher und mutiger Kämpfer und dabei doch im Innersten ein Mann des Friedens und der Versöhnung war. Eine Seele voll kindlicher Heiterkeit und menschlicher Güte“.

Als die Evakuierung des Lagers Sachsen-hausen bevorstand, meldete sich V. zum Transport nach Bergen-Belsen. Trotz der Überlegung, dass er den Anstrengungen eines Fußmarsches von 300 km unter dem Kommando der SS nicht gewachsen sei, dazu der Wunsch, bei den Kameraden von Block 15 zu bleiben, hielt er, entgegen der Warnung durch Freunde, an dem Entschluss fest. So gelangte er am 7.2.1945 ins KZ Bergen-Bel-sen. Die wenigen Dokumente von Mitgefangenen, die das dortige Inferno überlebt ha-ben, weisen auf, wie V. mit der Heiterkeit der echten Kinder Gottes in die letzte Phase irdischen Lebens hineinging. Sein Kreuzweg endete am 21.3.1945 als Gefangener Nr. 42 436. Er starb kurz vor der Befreiung des Lagers durch englische Truppen an Flecktyphus; auch die Jüdin Anne Frank starb 1945 im KZ Bergen-Belsen an Typhus. Der polnische Kpl. R. C. Stanisław Kadziolka berichtete: „Ich sehe noch, wie man den toten Leib des Professors hinauswarf vor den Block 5. Ich habe im gegenüberliegenden Fenster für den toten Professor gebetet. Ich weinte lange und konnte mich nicht beruhigen“.

Gegen Ende seines Buches „Heimkehr. Eine religiöse Entwicklung“, das von Anfang bis Ende Zeugnis- und Bekenntnischarakter hat, schrieb V.: „Wer gleich mir die nach einem Worte der ,Geheimen Offenbarung‘ des Sehers von Patmos ,auf dem Berge liegende Stadt Gottes‘ aus dem Auge verlor und dann wieder entdeckte, ja in ganz besonderer Wei-se sichtete, wird es als eine hohe Pflicht er-achten, ihr nun seine verdoppelte Aufmerksamkeit zu schenken und ihre Stellung in der Rangordnung der Werte und Güter des Menschenlebens aufzuweisen. Von solcher Grundrichtung aus halte ich mich bereit für alle, wie immer gearteten, Aufgaben, zu denen mich Gott in seinem Reiche beruft, und spreche mit dem Propheten: ,Hier bin ich, sende mich‘ (Jes. 6)“ (Heimkehr, 284f.).

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