Die Opfer der Nazis

von Helmut Moll9.11.2018Gesellschaft & Kultur

Millionen von Juden haben unter Adolf Hitler ihr Leben verloren. Hans Karl Rosenberg ist einer von ihnen. Der Priester Helmut Moll erzÀhlt die bewegende Geschichte eines ehemaligen Professors.

„Lassen Sie das Spintisieren. Ob nun Altes Testament oder Neues, ob bloß Jesuworte wie der Houston Stewart Chamberlain will: alles das ist doch nur derselbe jĂŒdische Schwindel. Es ist alles eins und macht uns nicht frei. Eine deutsche Kirche, ein deutsches Christentum ist Krampf. Man ist entweder Christ oder Deutscher. Beides kann man nicht sein“. Die unĂŒberhörbare Judenfeindlichkeit Adolf Hitlers, die aus diesen ihm zugeschriebenen Worten (1933/34) spricht, sollte Millionen von Juden das Leben kosten, selbst dann, wenn sie Christen geworden waren. Zu ihnen gehörte auch der „Halbjude“ Hans Karl Rosenberg, dessen jĂŒdischer Vater am 29.7.1866 zum kath. Glauben ĂŒbergetreten war.

Einem selbst verfassten Lebenslauf zufolge wurde R. am 27.11.1891 als Sohn des Seminar-lehrers Johann Nikolaus Bernhard R. (16.7.1849 TĂŒtz/Westpreußen – 15.7.1898 Köln) und dessen Ehefrau Antonie, geb. Becker (18.12.1853 DĂŒsseldorf – 25.1.1918 Köln), in Köln geboren. Von 1902 bis 1911 besuchte er das Königliche Katholische Gymnasium an der Apostelkirche in Köln, das er am 16.3.1911 mit dem Reifezeugnis als einer der drei besten Abiturienten verließ, um alsdann Geschichte, Germanistik und Nationalökonomie zu studieren, zunĂ€chst in Bonn bis 1913, dann in Berlin bis 1914. Mit dem Ersten Weltkrieg begann sein Fronteinsatz als Gefreiter und OffiziersanwĂ€rter; am 3.6.1915 wurde er bei den KĂ€mpfen um die Lorettohöhe bei Arras in Frankreich schwer verwundet. Nach seiner Teilnahme an den Schlachten im Ailly-Wald bei Saint Mihiel und La BassĂ©e erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse. Nach Bonn zum Studium zurĂŒckgekehrt, bestand R. am 20.10.1917 die PrĂŒfung fĂŒr das Lehramt an höheren Schulen und trat gleichzeitig in den Schuldienst ein. 1918 bis 1919 war er als Studi-en-Assessor am Königlichen Prinz-Georg-Gymnasium in DĂŒsseldorf tĂ€tig. Zur gleichen Zeit promovierte er zum Doktor der Philosophie mit einer Arbeit ĂŒber „Justus Möser und die Reform des deutschen Adels“. Von 1919 bis 1924 war R. Studien-Assessor am Lyzeum der Schwestern Unserer Lieben Frau in Ratingen, wo er der Zeitzeugin Maria Körnig zufolge die „SchĂŒlerinnen sehr beeindruckt“ hat, und von 1924 bis 1930 am Lyzeum der Ursulinen in DĂŒsseldorf tĂ€tig. Sein konfessionelles Profil zeigte sich bereits 1923 in seinem zweibĂ€ndigen Werk „Die Hymnen des Breviers“, das, von Benediktiner-Abt Ildefons Herwegen von Maria Laach herausgegeben, im Vorwort das kath. Deutschland in Erinnerung ruft. R. war MitbegrĂŒnder der DĂŒsseldorfer Volkshochschule, wo er von 1920 bis 1930 als Dozent fĂŒr Geschichte und StaatsbĂŒrgerkunde wirkte. Zur selben Zeit war er der einzige kath. Dozent fĂŒr Geschichte und StaatsbĂŒrgerkunde der Akademischen Kurse in DĂŒsseldorf.

Den Bund fĂŒr das Leben schloss R. mit der aus einer Lehrerfamilie stammenden Anna-Maria Mertens (1902-1989), die er am 18.12.1925 in der Benediktinerabtei Maria Laach heiratete. Aus der Ehe gingen vier Töchter hervor: Marianne (* 1926), Hildegard (* 1928), Pia (* 1930) sowie Odilia (* 1937). Zu diesem Zeitpunkt wohnte die Familie in einem damals modernen Mietshaus in der Hochkreuzallee 165 in [Bonn-]Friesdorf, wo er zugleich seit 1935 Mitglied des Kirchenvorstandes der Pfarre St. Servatius war. Das Protokollbuch des Kirchenvorstandes vermerkt unter dem 2.2.1939: „Dem durch Wegzug ausgeschiedenen Herrn Prof. Dr. Rosenberg widmete der Vorsitzende (Pfarrer Röhrig) ein Wort des Dankes fĂŒr seine BemĂŒhungen wĂ€hrend seiner Amtszeit“.

R., der politisch dem Zentrum nahestand, engagierte sich seit etlichen Jahren in der kath. Kirche, zu der er voll und ganz stand. Bereits vor 1933 hielt er zahlreiche Reden gegen den aufkommenden NS, und zwar vor kath. Vereinen ebenso wie vor der Zentrumspartei. Zugleich war er Redner auf den Katholikentagen in Eupen (1927), Mailand (1931) und Essen (1932). Im Jahre 1932 war er Festredner bei der 25jĂ€hrigen GrĂŒndungsfeier der Friesdorfer KAB.

Zum 1.4.1930 erfolgte die Berufung zum Professor fĂŒr Geschichte und StaatsbĂŒrgerkunde an die PĂ€dagogische Akademie Bonn. Einer seiner SchĂŒler, der spĂ€tere Professor fĂŒr Geschichte August Klein, wĂŒrdigte ihn als einen „Mann, der wie wenige in Schrift und Wort die Vergangenheit lebendig werden lassen konnte und durch seine eigenen Unterrichtsstunden bewies, dass auch der frĂŒhere Studienrat den Weg zur Volksschule finden kann“ (Klein, 196).

Der Vormarsch der Nationalsozialisten ab dem Jahre 1933 verdunkelte sein Leben und Wirken nachhaltig und auf Dauer. Da R. Nichtarier war und wegen seiner aus christlichem Geist kommenden Frontstellung zum System des NS, wurde er bereits im April 1933 beurlaubt, durch Erlass vom 20.2.1934 gemĂ€ĂŸ § 5.1 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (GWBB) dann zunĂ€chst in das Amt eines Studienrates zurĂŒckgestuft, dann in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Wenn ihm auch damit die nötige Bewegungs-und Berufsfreiheit genommen worden waren, so machte er aus seiner Ablehnung des NS dennoch kein Hehl. Die Nationalsozialisten wussten sowohl durch seine öffentlichen Auftritte als auch durch seine zahlreichen Publikationen, dass er ĂŒberzeugter Katholik und damit ihr entschiedener Gegner war. Sein Haus wurde fortwĂ€hrend beobachtet. Matthias Riegel aus der Nachbarschaft der Friesdorfer Straße wurde angezeigt, weil er im Hause R. verkehrte. Freunde und Bekannte, zu denen auch der Friesdorfer Volksschullehrer Joseph Roth gehörte, durften keinen Kontakt mehr zu ihm aufnehmen. Dies und vieles andere mehr hinderte den mutigen Katholiken dennoch nicht daran, im Bonner Gesellenverein in stĂ€ndigen VortrĂ€gen bis zum Jahre 1940, dem Verbot zum Trotz, seiner Haltung gegen die „Partei der Gottlosen“, wie er sich ausdrĂŒckte, treu zu bleiben. Ferner lehnte er aus Überzeugung eine Mitgliedschaft in jeder der zahlreichen NS-Gruppen und -Vereine kategorisch ab.

Es sollte freilich noch Ă€rger kommen. Im MĂ€rz 1935 erfolgte das Verbot schriftstellerischer TĂ€tigkeit fĂŒr Juden. Am 11.10.1935 traf es R. persönlich. Es ist kaum zu ermessen, was diese Maßnahme fĂŒr einen Gelehrten bedeutet. Seine Feder ruhte nicht. Vieles von dem, was er zu Papier brachte, wurde nicht veröffentlicht. Falls einige seiner Arbeiten dennoch publiziert wurden, geschah dies unter Pseudonymen wie „Salvian“, „H. R. rh.“ oder „Prof. R.“. Seine Novelle „Der Tod im Gehorsam“ fand 1935 unter seinem Pseudonym „Salvian“ Aufnahme im „Schlesischen Bonifatiusvereinsblatt“. Auf diese Weise kamen trotz Schrift- und Redeverbot immer wieder Artikel ĂŒber die „Christliche Hausvaterlehre“, ĂŒber Geschichtsphilosophie und ErzĂ€hlungen in den Kirchenzeitungen der BistĂŒmer Berlin, Paderborn, Breslau und anderen zur Veröffentlichung, auch zu dem Zweck, sich ein Zubrot zu verdienen. Allein in den Jahren 1937 und 1938 erschienen von ihm in diversen Kirchenzeitungen etwa 65 Darstellungen von Heiligenleben. DarĂŒber hinaus waren etliche Arbeiten in Vorbereitung, die jedoch das Licht der Öffentlichkeit niemals erblickten.

Die nachfolgenden Jahre brachten ihm nur Vereinsamung, erzwungene UntĂ€tigkeit sowie mancherlei Verfolgungen und Schikanen durch die Nationalsozialisten. Gelegentlich ging der Zwangspensionierte am AushĂ€ngekasten des „StĂŒrmers“ vorbei, der an der Straßenfront der GaststĂ€tte Vershoven-Huth hing, wo Julius Streicher die Arier ĂŒber die „jĂŒdischen Untermenschen“ auf seine Weise informierte. Im Jahre 1939 verzog die Familie in die Gneisenaustraße 16 nach Bad Godesberg, um den bestĂ€ndigen Bespitzelungen zu entgehen. Eine Zeitzeugin berichtet, dass die Familie, die in der dortigen Pfarre Herz-Jesu wohnte, tief glĂ€ubig war; die beiden Ă€ltesten Töchter engagierten sich in den dortigen Jugendgruppen.

Bald erkrankte R. an Galle und Herz. Kraft seiner christlichen Grundeinstellung vermochte er die durch die Drangsalierungen hervorgerufenen seelischen Depressionen auszuhalten. Der Glaube an Gott gab ihm unerschĂŒtterlichen Halt. Die Ursache fĂŒr seinen allzu frĂŒhen Tod an Angina pectoris am 17.4.1942 in Bad Godesberg, der Ă€ußerlich als Folge eines zwangsweisen Ă€rztlichen „Nicht-Beistandes“ zustande kam, muss in einer weiteren Perspektive als Konsequenz seines christlichen Denkens und Handelns interpretiert werden. Im Alter von nur 51 Jahren war sein energischer Widerstand gegen die ns Ideologie, insbesondere ihre Juden-feindlichkeit, aufgezehrt. Er starb als Glaubens-zeuge in der inneren und Ă€ußeren Verbannung, weil er sich aus christlicher Grundhaltung gegen ein System gewehrt hat, dessen Zustimmung er ihm zu keinem Zeitpunkt hat geben können. Auch Karl Josef Schwalb, Friesdorfer BĂŒrger und Ortshistoriker, hĂ€lt R. daher fĂŒr einen Martyrer, der durch den NS zu Tode gekommen ist. Als die Nationalsozialisten die Schlinge 1944 endgĂŒltig zuziehen wollten, war R. bereits unter der Last des Psychoterrors verstorben.

Als im Jahre 1944 zwei Herren nach R. fragten, konnte die Witwe nur noch den Bonner Zentralfriedhof angeben. Keiner seiner einstigen Professoren-Kollegen hatte je den Mut aufgebracht, R. in seinem erzwungenen Ruhestand einen Besuch abzustatten. Sein Grab ist mittlerweile aufgehoben.

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