Von Nazis keine Spur…

Helmut Donat9.11.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

In Waldkirch, einer Kleinstadt im Schwarzwald mit etwa 22000 Einwohnern, gibt es eine „Ideenwerkstatt Waldkirch in der NS-Zeit“. In ihr beschäftigen sich BürgerInnen seit langem damit, wie sich der Nationalsozialismus im politischen und gesellschaftlichen Leben der Stadt niedergeschlagen hat. Sie wollen wissen, aus welcher Vergangenheit sie kommen, was es mit dem viel beschworenen Slogan „Hier war doch nichts!“ auf sich hat, welche Folgerungen daraus abzuleiten sind, was bis heute nachwirkt und wo Wachsamkeit und Engagement gefragt sind. Erstaunliches ist dabei in dem gerade erschienenen Buch „Hier war doch nichts! Waldkirch im Nationalsozialismus“ zutage gefördert worden.

Bremen-Borgfeld

Vor einigen Jahren hat mein Stadtteil am Rande von Bremen seine 775-Jahr-Feier begangen. Der Borgfelder „Festausschuss“ gab dazu eine farbige Hochglanzbroschüre heraus. Sie enthielt u a. einen „Kurzen Rückblick auf die Geschichte und Entwicklung unseres Ortes“, der etwa fünf Textseiten ausmacht. Eine halbe Seite ist davon der sogenannten „Franzosenzeit“ von 1806 bis 1813 gewidmet, als Bremen unter napoleonischer Herrschaft stand, die Jahre von 1933 bis 1945 sind mit keiner Silbe erwähnt – als hätte es das Dritte Reich nie gegeben. Niemand nahm daran Anstoß, keinem fiel auf, wie zweckgefärbt und einseitig die Vergangenheit behandelt wurde.

Porzellanmanufaktur Meißen

Zum gleichen Zeitpunkt feierte die Staatliche Porzellan-Manufaktur Meißen ihren 300. Geburtstag. Auch hier war die Tendenz unübersehbar, einen Teil der Geschichte, in diesem Fall nicht nur die braune, sondern auch die rote, auszuklammern. Dabei trieb die Herstellung politischen Porzellans gerade in der NS-Zeit mit dem „Führer“ in martialischer Feldherrnpose und vielen anderen Erzeugnissen – „Hitler-Junge mit Trommel“, „BDM-Mädel“, Figurengruppe „SA-Alarm“ oder „SS-Kämpfer“ – besondere Blüten. Ebenso fehlte bei den vielen Ausstellungen und Feiern jedweder Hinweis darauf, dass die weltberühmte Manufaktur u.a. mit Lenin- und Stalinbüsten, Kleinplastiken, Medaillen, Plaketten und Gedächtnistellern den Machthabern des DDR-Regimes willfährig die Hand gereicht hat.

Künstlerort Worpswede

Vor einigen Jahren ist in meinem Verlag das Buch „Worpswede im Dritten Reich“ erschienen. Worpswede, nahe bei Bremen gelegen, ist die wohl bekannteste deutsche Künstlerkolonie. Viele taten auch hier so, als sei da nichts gewesen. Andere behaupteten, es sei doch längst alles geklärt. Dass die Nazis und mit ihnen viele Worpsweder aus dem Ort eine mustergültige „Blut und Boden“-Dependance machen wollten, darüber schwieg man sich aus. Die vier Museen in Worpswede haben das Buch zunächst ignoriert und boykottiert. Schließlich haben es drei von ihnen in ihr Verkaufsangebot aufgenommen. Ein Museum tut es bis heute nicht. Die Internetdarstellung der Gemeinde über die Geschichte Worpswedes gibt keinen Hinweis auf den Band. Auch der Erste und Zweite Weltkrieg sowie das Dritte Reich bleiben ungenannt.

Saarlouis und seine jüdischen Pfadfinder

In Saarlouis, mit etwa 38000 Einwohnern die sechsgrößte Stadt im Saarland, hat man vor einigen Wochen eine Gedenktafel für jüdische Pfadfinder enthüllt. Ob sie „nur“ vertrieben oder ermordet worden sind und um wen es sich dabei handelt, ist unklar. Nichts ist darüber gesagt, ob man es herausfinden will. Zu dem Bericht, den die Stadt dazu im Internet präsentiert, gibt es ein Bild mit der Gedenktafel im Hintergrund. Was auf ihr steht, ist nicht erkennbar, auch der Artikel enthält dazu keine Information. Gut zu sehen sind im Vordergrund fünf mehr oder minder wohlgenährte Männer. Man ist versucht zu sagen, kein Gramm „Frauenquote“ hat da noch Platz.

In der Selbstdarstellung der Stadt sucht man unter dem Stichwort „Geschichte“ vergeblich nach einer Überschrift wie „Drittes Reich“ oder „Nationalsozialismus“. Lediglich unter „Saargebiet und Zweiter Weltkrieg“ erhält man ein paar Informationen, kaum mehr als es dem berüchtigten „Vogelschiss“ von Alexander Gauland entspricht. Da ist z.B. die Rede davon, um 1935 seien viele der 364 Saarlouiser Juden „aus Angst vor Verfolgung im Dritten Reich“ ins Ausland geflüchtet, und etwa 100 von ihnen „im Rahmen der NS-Verfolgung ermordet“ worden. Was die Stadt selbst, ihre Dienststellen, Bürger etc. damit zu tun gehabt haben, erfährt man nicht. Warum eigentlich nicht?

Solch Umgang mit der Geschichte, der vermeintlich Lästiges verschweigt und allenfalls am Rande zur Sprache bringt, findet sich fast überall in deutschen Kleinstädten. Das ist sozusagen gang und gäbe – und es ist offenbar nie anders gewesen. Statt längst einmal Alarm zu schlagen, wird nach wie vor und weiter selbstbeweihräuchernd behauptet, die Deutschen hätten die Lektion der Geschichte gelernt. Haben Sie es wirklich? Die Realität weist eher auf etwas anderes hin.

Ausnahmeort Waldkirch

Aber es gibt seit langem eine Ausnahme, wenn auch eher im Verborgenen. Wie das gallische Dorf im Norden Frankreichs einem überaus mächtigen Strom der Geschichte nicht erliegen wollte, so haben sich in Waldkirch Bürger zusammengeschlossen und sind dem allgegenwärtigen Trend der Geschichtsvergessenheit nicht gefolgt. Ihr Engagement hat sich mit dem neuen Buch „Hier war doch nichts!“ einen unübersehbaren und bleibenden Ausdruck verschafft. Wäre es überall in deutschen Kleinstädten so, müssten wir uns mit dem Rechtspopulismus nicht beschäftigen und uns von AfD-Leuten sagen lassen, was sie doch für eine „volksparteiliche Kraft“ sei. Das ist die AfD sicher, aber im Sinne der Deutschnationalen Volkspartei von vor 1933 mit Anklängen an die NSDAP.

Es ist nicht entscheidend, wie viele Steine uns in den Weg gelegt werden, damit wir über sie stolpern, oder wie viele Bücher und Studien es über die Zeit von 1933 bis 1945 gibt, sondern wie viele Bürger es wirklich ernst damit meinen und von Herzen dazu bereit sind, aus der Geschichte Lehren zu ziehen. In Waldkirch ist es in zäher, kluger, engagierter, sich über Jahrzehnte erstreckenden und gegen erhebliche Widerstände durchsetzenden Arbeit gelungen, ein geistig-moralisches Klima zu schaffen, das beispiellos und außergewöhnlich ist und das von einer sich oft in Ritualen und Lippenbekenntnissen erschöpfenden „Erinnerungskultur“ wohltuend und erheblich unterscheidet. Dieser Erfolg hat viele Namen und macht Mut. Jeder, der aktiv oder auch passiv daran einen Anteil gehabt hat, kann stolz darauf sein. Wenn es sich auch um ein wirkliches Gemeinschaftswerk handelt, so ist ein Name doch hervorzuheben. Es ist der von Wolfram Wette, dem Herausgeber des Bandes „Hier war doch nichts!“ Seine aufklärende Tätigkeit in Wort und Schrift ist nicht nur in Waldkirch, sondern auch weit darüber hinaus bekannt. Er und sein nie nachlassenden Bemühen, die Dinge beim Namen zu nennen, ist stellvertretend für die vielen anderen, die dem dumpfen Vergessen und dem Nicht-wahr-haben-Wollen einen Riegel vorgeschoben haben, herauszustellen.

Völkisches Denken als Volkskrankheit

Es gibt keinen Grund, so zu tun, als sei die Welt in Ordnung. Längst hat sich m.E. eine große Mehrheit der Deutschen von „Auschwitz“ verabschiedet und tut so, als sei das alles längst Geschichte – ein überaus verharmlosender und zugleich törichter Umgang mit der Vergangenheit, der jenen in die Hände spielt, die schon immer nach einem Schlussstrich gerufen haben und die heute dabei sind, völkisch-nationalistische Parolen wieder hoffähig und zur Grundlage von Politik-Konzepten zu machen.

Vergessen wir nicht: Die Geschichte des Holocaust ist in Deutschland immer auch Familiengeschichte. Nahezu alle waren mit ihr mehr oder minder verwoben, wobei der Ungeist des Dritten Reiches in mancherlei Entwicklungssträngen vorgeformt und virulent gewesen ist. Viele dieser disparaten Elemente, bereits lange vor 1933 ausgebildet, warfen ihre Schatten voraus. Nichts von der brutalen und menschenverachtenden Mentalität oder der moralisch-politischen Verwilderung ist 1933 vom Himmel gefallen oder hat sich erst in den Jahren danach ausgeprägt. Eine Abkehr von den völkisch-ideologischen Grundlagen, denen die NSDAP sich als eine der zahlreichen Spielarten antisemitisch und antidemokratisch gesinnter Vereinigungen, Verbände und Parteien aufs engste verbunden fühlte, auf denen sie beruhte und die ihr Handeln insbesondere nach 1933 bestimmte, hat es nach 1945 nicht gegeben. Völkische Denkarten haben sich tradiert, und überall dort, wo deren Wesensmerkmale und die damit verbundenen Einstellungen nicht wirklich durchschaubar gemacht worden sind – in der Familie, der Schule, der politischen Bildung etc. – wirkt gerade das subkutan fort, was man glaubt oder vorgibt, weit hinter sich gelassen zu haben. Obwohl sich der Infekt ausbreitet, tut man so, als sei man gesundet, als habe man seine Lektion gelernt – und hält an der Fehldiagnose fest, anstatt nach den Erregern der Krankheit im eigenen Körper zu suchen und merkt nicht, dass dem Übel nur beizukommen ist, wenn man es bei den Wurzeln packt. Die Folgen solcher Haltung sind heute – nach den Morden an Walter Lübke aus Kassel sowie an Jana Lange aus Halle und Kevin S. aus Merseburg – mit den Händen zu greifen. Solange man sich nicht wirklich mit dem Wesen und Unwesen deutschvölkischen Denkens auseinandersetzt und diesem einen klaren und festen Riegel vorgeschoben hat, wird sich kaum etwas ändern. Da helfen auch strengere Gesetze etc. nichts. Viel wichtiger ist es, danach zu fragen, wieviel von dem Sozialcharakter Hitler nicht nur in Höcke, sondern noch in jedem Deutschen steckt.

Halle muss nicht sein

Es ist seit langem an der Zeit, sich von jedweder Täter- und Mitläufermentalität (wozu auch die Gleichgültigkeit und Bagatellisierung zählen) zu verabschieden und einem wie immer gearteten Verständnis dafür eine klare Absage zu erteilen. Wer da z.B. meint, wie verstärkt zu hören und wahrnehmbar, man müsse vorsichtig mit dem Urteil über unsere Väter, Großväter und Urgroßväter sein, weil ja niemand wisse, wie man sich selbst in einer vergleichbaren Situation verhielte, möge erkennen, dass er sich im Fahrwasser einer unbegriffenen oder klammheimlichen Identifikation mit den Tätern und Mitläufern befindet – und er denke bitte darüber nach, warum er sich angesichts des Wissens über das Geschehene nicht auf die Seite der Opfer stellt. Ohne Umschweife und ohne Wenn und Aber sollte er sich bereit erklären, ihnen zu helfen – notfalls gegen den Willen seines Vaters, Großvaters, seiner Mutter usw.

Die Publikation „Waldkirch im Nationalsozialismus“ ist ein Novum. Von ihr und der Waldkircher „Erinnerungskultur“ geht eine Botschaft aus: „Halle muss nicht sein!“ Wo auf diese Weise mit der Vergangenheit – und mit einem wachen Blick auf die Gegenwart – umgegangen wird, haben Rechtspopulismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Verharmlosung und Gleichgültigkeit keine Chance. So dürfte es wohl auch kein Zufall sein, dass die SPD Waldkirch bei den Kommunalwahlen Ende Mai 2019 dem Bundestrend getrotzt hat und im Kreis und in Waldkirch erstmals stärkste Partei geworden ist. Wo man sich der Vergangenheit wirklich stellt, sie analysiert und Lehren daraus zieht, eröffnen sich viele Handlungsperspektiven, die dazu beitragen, die Probleme der Gegenwart und Zukunft anders und besser zu gestalten, als es das Nichthinzulernen und starre Festhalten am Verdrängen und Beschweigen der Vergangenheit jemals in der Lage sind.

Es gibt in dem nächsten Jahrzehnt sehr viel zu tun. Es geht um eine menschenwürdige, von Fremdenhass befreite, dem Frieden und der sozialen Gerechtigkeit dienende Zukunft. Dabei kommt es auf jeden Einzelnen und auf uns Selbst an.

Wolfram Wette (Hrsg.): „Hier war doch nichts!“ – Waldkirch im Nationalsozialismus. Mit einem Geleitwort von Roman Götzmann. In Verbindung mit der Stadt Waldkirch und der Ideenwerkstatt Waldkirch in der NS-Zeit (= „Waldkircher Stadtgeschichte“, Bd. 5)

528 S., 297 Abb. (viele farbig), Hardcover – Donat Verlag, Bremen ISBN 978-3-943425-86-4

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