Berlin streicht Hindenburg als Ehrenbürger

Helmut Donat4.02.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Der Entschluss vor einigen Tagen in Berlin, Hindenburg die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen, hat Zustimmung, aber auch Empörung hervorgerufen. Vor diesem Hintergrund stellt sich nicht zuletzt die Frage, ob der Reichspräsident nicht wusste, was er tat, als er am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannte?

Entscheidung für Hitler – Neues über den 30. Januar 1933

Wusste Reichspräsident Hindenburg nicht, was er tat, als er am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannte? Was hat ihn bewogen, plötzlich für den zuvor als Emporkömmling abgelehnten Hitler zu sein? Darauf hat die Geschichtsschreibung bislang keine befriedigende Antwort gefunden. Dieter Hoffmann ist dem Rätsel nun in seinem gerade erschienenen Buch „Der Skandal – Entscheidung Hindenburgs für Hitler“ auf den Grund gegangen.

Der Osthilfe-Skandal

Im Mittelpunkt steht ein Skandal, den damals schon viele als die Ursache für Hindenburgs Vorgehen hielten und der im Januar 1933 in zunehmendem Maße die deutsche Presse und Öffentlichkeit beschäftigte. Ein Ausschuss des Reichstags begann, den Hinweisen auf betrügerische Machenschaften bei der „Osthilfe“, dem größten Subventionsprogramm der Weimarer Republik, nachzugehen. Die Finanzhilfen kamen hauptsächlich den ostelbischen Großgrundbesitzern zugute, während das Volk unter den Lasten der Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit litt. Die Aufdeckung der Miss-stände musste Hindenburg, den „Vater“ der „Osthilfe“, früher oder später in Verruf bringen. Doch nicht nur ihn. Nach einem Bericht der Presse soll selbst ein Mitglied der Hohenzollern-Familie in die Affäre verwickelt gewesen sein.

Hinter den Kulissen und die Profiteure

Was spielte sich hinter den Kulissen ab? Drohte Hindenburg, infolge weiterer Aufklärung sein Amt zu verlieren? Was taten die Nutznießer der „Osthilfe“, die ostelbischen Großgrundbesitzer und preußischen Junker? Zu welchem Ergebnis gelangte der vom Reichstag eingesetzte Untersuchungsausschuss? Warum ist er von den Nationalsozialisten gleich nach dem 30. Januar 1933 behindert und auseinandergetrieben worden? Weshalb ist davon auszugehen, dass Hindenburg damit einverstanden war, ja die neue Regierung zu diesem Zweck ernannt hat? Viele Fragen, die Hoffmann beantwortet. Er hat unbekannte Quellen ausgewertet sowie die auf genauen Beobachtungen beruhenden Schlussfolgerungen von Zeitgenossen sowie von Journalisten, Schriftstellern und Historikern zurückgegriffen.

In welchem Ausmaß die Großgrundbesitzer die Subventionen für private Zwecke missbraucht hatten, kam im Januar 1933 immer mehr ans Tageslicht. Es erschienen die ersten Zeitungsberichte, die dem Reichspräsidenten ein Eingreifen in Verfahren zur Subventionsvergabe vorwarfen, indem Bekannte Hindenburgs bevorzugt behandelt worden waren. Doch war das noch nicht alles. In Verbindung mit den Vorgängen um das Gut Weitenhagen der mit Hindenburg verwandten Familie hat, wie es in einem Brief des Juristen Wachsmann heißt, „der Herr Reichspräsident auf ein Entschuldungsverfahren aktiv Einfluss genommen“. Hindenburg selbst war Teil des Skandals und musste mit weiteren Enthüllungen rechnen.

Hindenburgs Ausweg: Bruch der Verfassung und Bündnis mit Hitler

Aus Sicht der ostelbischen Großgrundbesitzer und Hindenburgs war alles zu tun, um Schaden von sich abzuwenden. Über Elard von Oldenburg-Januschau, Gutsnachbar von Hindenburg, und den Reichslandbund, ihrem Interessenvertreter, übten sie Druck auf den Reichspräsidenten aus. Ohne Bruch der Verfassung gab es aber keine Möglichkeit, der Presse oder dem Untersuchungsausschuss beizukommen. Den Ausweg sah Hindenburg in einem Bündnis mit der NS-Massenbewegung, die die Straßen beherrschte und seit langem darauf aus war, die Republik abzuschaffen. Hitlers Gegenleistung bestand darin, dass er den Skandal sofort beendete.

Dass Preußentum und Nationalsozialismus eine Verbindung eingingen, war so außergewöhnlich nicht, fußten doch wichtige Elemente der NS-Weltanschauung auf der militärischen Tradition des alten Preußentums (Uniformierung, Autoritätsglauben, Kadavergehorsam, Verherrlichung des Soldaten- und Kriegertums, Denken in Gewaltkategorien). Dieter Hoffmann hat ein erhellendes und spannendes Buch geschrieben, das ein neues Licht wirft auf die Gründe von Hindenburgs Entscheidung für Hitler und auf den Beginn der NS-Diktatur.

Rudolf Olden über Osthilfe, Hindenburg und Junkertum (1935)

Die größten Namen des preußischen Adels waren in den Skandal verstrickt. Selbst den Stiefkindern des früheren Kaisers, des reichsten Mannes Deutschlands, zahlte die Republik ihre Schulden.

Das Gefährlichste an dem Skandal war, dass er in den Kreis um Hindenburg hineinreichte. Es wurde allgemein bekannt, was früher nur die mit der Agrarpolitik Vertrauten wussten, dass gute Beziehungen zu dem Palais in der Wilhelmstraße förderlich für bevorzugte Behandlung bei der Osthilfe waren. Der dicke Mann, mit dem vor Jahren der Reichspräsident über verfassungsrechtliche Fragen geplaudert hatte, der Kammerherr von Oldenburg auf Januschau, hatte sich in der letzten Zeit agitatorisch hervorgetan. In einer Rede hatte er prophezeit: „Es riecht nach Pulver. Da wird bald geschossen werden“, und hatte Hindenburg hoch gepriesen, weil er endlich nach rechts gegangen sei. Sein Herz, das könne er bestätigen, habe ihn immer dorthin gezogen. In einer anderen Versammlung sagte er mit der von ihm beliebten Derbheit: man werde dem Volk „eine Verfassung aufbrummen, dass ihm Sehen und Hören vergeht“. In den Osthilfeskandal hinein veröffentlichte Ludendorff die seltsamen Vorgänge bei der Schenkung von Neudeck. Aber als der Januschauer Beschenkte und Schenker, Hindenburg und sich selbst, zu verteidigen begann, da verrieten die Eingeweihten, dass er für die Entschuldung von vier Gütern Steuergelder beansprucht und erhalten hatte und dass er ein fünftes dazukaufte, das in der unmittelbaren Nähe von Hindenburgs Jagdrevier lag. So war er nicht nur in Ostpreußen, sondern auch bei Berlin der Nachbar seines „Freunds und Landsmanns“ geworden. Auch sein fünftes Gut, das neuerworbene, war von der geduldigen Republik saniert worden.

Die Freiheit der Presse, die parlamentarische Diskussion, die öffentliche Meinung, – alle Bürgerrechte näherten sich ihrem Ende. Zum letzten Mal taten die Sachwalter des allgemeinen Interesses, Abgeordnete und Journalisten, ihren Dienst. Das Schicksal gab ihnen zum Abschied den denkbar größten Gegenstand. […]

Das Palais hatte Hitler so oft zu verstehen gegeben, dass er nicht das Vertrauen des Reichspräsidenten besaß. Jetzt war man gezwungen, ihn zu suchen. Hindenburg musste vergessen, was er über den böhmischen Gefreiten gesagt hatte. Und ebenso, dass Hugenberg „kein Herr“ war, sondern ein anmaßender Schulmeister. Hindenburg, Hugenberg, Hitler, so sehr jeder den anderen missachtete und hasste, so sehr natürliche Abneigung und jahrelanger Zank sie trennte, waren zusammengezwungen. Sollte das Junkertum erhalten bleiben, so musste es sich den Nationalsozialisten anvertrauen.

Dieter Hoffmann: Der Skandal – Hindenburgs Entscheidung für Hitler, 208 S., 41 Abb., Hardcover, 18 € – ISBN 978-3-943425-88-8

Donat Verlag, Bremen

http://donat-verlag.de/buch-detail.php?buchid=356&katid=10

Fahrschule Hugenberg – Hugenberg zu Papen: „Der Neuling da vorn mag sich ruhig einbilden zu lenken, die wirkliche Steuerung des Wirtschaftskurses haben wir!“ – Karikatur des „Vorwärts“, der verbreiteten Ansicht Ausdruck verleihend, Hitler werde in seinem Kabinett von den Konservativen beherrscht, 1. Februar 1933
„A Good Way to Find out – Die Suche nach einem guten Ausweg“. Hindenburg zu Hitler: „Du hast behauptet, ihn reiten zu können. Jetzt versuch‘ es!“ Karikatur aus der konservativen US-Zeitung St. Louis Globe-Democrat, 4. Februar 1933

 

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