Zum 150. Geburtstag von Friedrich Wilhelm Foerster (1869-1966) am 2. Juni 2019

Helmut Donat2.06.2019Gesellschaft & Kultur, Medien

Kaum ein Weg eines Deutschen ist so sehr von Ehrabschneidungen und Verleumdungen begleitet gewesen wie der von Friedrich Wilhelm Foerster. Hitler erklärte ihn zum „Staatsfeind Nr. 1“. Gustav Stresemann denunzierte ihn als „Lumpen und Lügner“. Andere sprachen vom „übelsten Stinkgewächs am Giftbaum des deutschen Pazifismus“.

Selbst den Zweiten Weltkrieg hat der „Fall Foerster“ überdauert. „DIE ZEIT“ verunglimpfte Foerster 1953 – „einst radikaler Pazifist, jetzt blinder Hasser“ – als Mitglied einer „gemeinschädlichen Gesellschaft“. Weder der eine noch der andere Vorwurf ist zutreffend.

Am 2. Juni 1869 in Berlin geboren, engagierte sich Foerster wie sein Vater, Direktor der heute nach ihm benannten Berliner Sternwarte und (1892) Mitbegründer der Deutschen Friedensgesellschaft, zunächst in der ethischen Bewegung. Die Kritik einer Sedanrede Wilhelms des II. brachte ihm 1895 Festungshaft ein. Als Professor der Pädagogik wirkte Foerster zunächst in Zürich, ab 1912 in Wien und 1914 bis 1920 in München. Mehr und mehr wandte er sich einer reliiösen Interpretation der Lebenswirklichkeit zu, die christlich-abendländischen Werten und altkatholischen Grundsätzen ver-pflichtet gewesen ist. Durch seine wissenschaftlichen Werke erlangte Foerster als der bedeutendste deutsche Pädagoge seiner Zeit Weltruhm.

Die Moral ist nicht teilbar

Im Ersten Weltkrieg prangerte er die Schuld des Hohenzollernregimes an der Entfesselung des Krieges an und setzte sich für einen raschen Verständigungsfrieden ein. Abfällig sprach man vom „Foerster-Frieden“. An der Universität München suchten nationalistisch verhetzte Studenten und Kreise seine Vorlesungen zu sprengen. Foerster ließ sich beurlauben und ging für ein Jahr in die Schweiz. Kaiser Karl I. lud ihn 1917 nach Wien zu Konsultationen der österreichischen Frage ein. Der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner berief ihn zum Gesandten in Bern (1918/19). Foerster forderte eine tiefgreifende geistig-moralische Neuorientierung des politischen und individuellen Lebens als Voraussetzung des Wiederaufbaus Europas und der Überwindung des preußisch-deutschen Militarismus. Vor rechten Mordkommandos floh er 1922 ins Ausland. Von der Schweiz, später von Paris aus deckte er die geheimen deutschen Rüstungen auf und bekämpfte die Trennung von Staats- und Privatmoral als „Bankerott moderner Scheinerrungenschaften“. Die deutsche Politik, so Foerster, werde weiter vom militaristischen Denken bestimmt, verweigere die Anerkennung der nach 1918 geschaffenen Friedensgrundlagen, insbesondere die Unantastbarkeit der polnischen Westgrenze. Nicht allein die Militaristen und Nationalisten, sondern die Weimarer Republik selber diene dem Ziel der Wiedergewinnung der Großmachtstellung Deutschlands.

Flucht vor den Nazis

Foerster, der vor allem in der Friedensbewegung und in jungkatholischen Kreisen großes Echo fand, trat für die Verständigung mit Frankreich und Polen ein. Deutschland als Zentralland Europas stehe vor der Alternative, eine neue Katastrophe heraufzubeschwören oder seine alte Aufgabe als Mittler zwischen Ost und West, Süd und Nord wahrzunehmen und sich dem „Schwertglauben“ abzukehren. Foerster erkannte den Herd der europäischen Kriegsgefahr in Deutschland und sagte bereits 1928 den Zweiten Weltkrieg voraus. 1940 gelang es ihm, den Nazis über Portugal in die USA zu entkommen. Nach 1945 fiel ihm erneut die Rolle zu, die nun durch den Zweiten Weltkrieg und Auschwitz gesteigerte Reuelosigkeit der deutschen Führungsschichten anzuprangern. Doch seine Einsichten über die Ursachen preußisch-neudeutscher Geistesverirrung wurden und werden tabuisiert. Seine Memoiren konnten 1953 nur erscheinen, weil ein hoher französischer Diplomat das Vorhaben förderte. Schweizer Freunde ermöglichten ihm seit 1963 einen von materiellen Sorgen enthobenen Lebensabend. Am 9. Januar 1966 starb Foerster im Sanatorium in Kilchberg bei Zürich.
1982 beging Bundespräsident Karl Carstens anlässlich eines Staatsbesuchs in der Schweiz den Friedhof von Kilchberg, um Conrad Ferdinand Meyer und Thomas Mann zu ehren. Den Weg zur letzten Ruhestätte Foersters, der wenige Schritte von Thomas Mann begraben liegt, hat Carstens indes nicht gefunden. Im März 1995 fand in Potsdam eine „Tagung zu Leben und Werk von Wilhelm Foerster, Friedrich Wilhelm Foerster und Karl Foerster“ statt. Das „Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg“ bezuschusste zwar die Vorträge über Wilhelm Foerster, eine Förderung der Referate über den viel berühmteren Sohn Friedrich Wilhelm Foerster lehnte das Ministerium jedoch ab. Warum auch daran erinnern, dass der französische Botschafter Francois-Poncet 1946 schrieb: „Wenige Deutsche verdienen mehr Gehör als Foerster. Es gibt wenige Deutsche, die sich über ihr eigenes Land weniger getäuscht haben als dieser Deutsche?“

Die Schuld der deutschen Christen

„Denn das ist ja gerade das Tragische der neudeutschen Entwicklung, dass hier das Christentum im Dienste des Antichrist, die Moral im Dienste des Ungeistes, die Ordnung im Dienste der Anarchie, die Organisation im Dienste des desorganisierten Europas steht… Und die weltgeschichtliche Schuld der deutschen Christen liegt eben darin, dass sie sich zu Hauptträgern dieses großen Betruges gemacht haben, auf Grund jener untergeordneten und ungetauften Liebe zum eigenen Volke und auf Grund der dadurch abgestumpften Kraft der christlichen Unterscheidung zwischen den von oben und den von unten her wirkenden Welten. “ (F.W. Foerster, 1938)

Die Henker selber herangezogen

„Die Tragik des deutschen Christentums … besteht gerade auch darin, daß der Nationalismus und Militarismus, dem sie sich so vorbehaltlos ergaben, eine ausgesprochene Verherrlichung des Krieges, doch eine zynische Absage an die moralischen und religiösen Mächte, einen offenen Pakt mit den dämonischen Mächten bedeutete. Und eben diese innerste geistige Aussöhnung mit der politischen Barbarei hat sich so furchtbar gerächt und wird sich noch furchtbarer rächen: die deutschen Christen haben sich ihre Henker selber herangezogen.“(F.W. Foerster, 1938)

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