„Das Märchen vom lieben Gott“

von Helmut Donat24.12.2017Gesellschaft & Kultur, Medien

Vor 100 Jahren, am Tag der dritten Kriegsweihnacht, geschieht auf dem Potsdamer Platz in Berlin Außergewöhnliches. Ein alter Mann verteilt auf Flugblättern mit der Überschrift „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ die zehn Gebote, predigt am Nachmittag des 24. Dezember den Frieden – und gerät in das Räderwerk der Militärdiktatur. Er wird verhaftet und standrechtlich erschossen.

Wenige Tage nach dem merkwürdigen Vorfall auf dem Potsdamer Platz beschließen die Feldherren in Berlin, die Welt mit dem Schwerte in der Hand vor sich in die Knie zu zwingen. Und sie erheben sich selber zum bluttriefenden Götzen, aus dessen selbstherrlicher Hand die Menschheit ihre Gesetze empfangen solle. Plötzlich werden sie gewahr, wie der totgeglaubte, alte Mann mitten unter ihnen auferstanden ist und stumm auf die zehn Gebote weist. Aber niemand schaut auf ihn. Da gibt Gott sich in dem Alten zu erkennen. Doch er muss feststellen, dass man ihn gar nicht kennen will, dass man aus ihm eine prunkende Form gemacht hat, ein goldenes Kalb, das ihn tot anglotzt. Gott flieht vor den Menschen und überlässt sie sich selbst.

Verfasser des Friedensappells an Kaiser Wilhelm II. ist der berühmte Worpsweder Maler und Bremer Jugendstilkünstler, nachträglich von ihm „Das Märchen vom lieben Gott – Brief eines Unteroffiziers an den Kaiser im Januar 1918, als Protest gegen den Frieden von Brest-Litowsk“ genannt und am 20. Januar 1918 an das Große Hauptquartier des Kaisers nach Charleville gesandt. Wie kommt Vogeler dazu, den Kaiser persönlich anzusprechen, moralisch zu bewerten und zugleich das Risiko einzugehen, liquidiert zu werden, gewillt, „den Kelch bis zur Neige zu leeren“?

Vor dem Ersten Weltkrieg lange Zeit des Bürgers „liebstes Kind“, erfolgsverwöhnt, anerkannt und verträumt, inszenierte er sein Leben zunächst als Kunstwerk – bis die Realität den Ausnahmekünstler einholte und ihn in eine tiefe Krise stürzte. Als Freiwilliger folgte er im August 1914 dem Ruf der Waffen, überzeugt, Deutschland sei von Feinden umringt und von ihnen überfallen. Als „Kriegszeichner“ erlebte er die Grausamkeit des Völkermordens in den Karpaten sowie vor den Schlachtfeldern von Verdun und erkannte, dass „die Militärkaste gar nicht fürs Volk kämpfte, sondern für den Mehrbesitz der Reichen.“ Dabei dachte Vogeler vor allem an die einfachen Soldaten, „die den Mächtigen nur als Kanonenfutter taugen. Es muss endlich Frieden sein. Der Krieg hat mich zu einem glühenden Pazifisten gemacht. Nach all dem Elend, das der Krieg über die Völker gebracht hat, kann Deutschland nur noch ein christlich geprägter Sozialismus helfen.“

Als sich im Oktober 1917 die kriegsgegnerisch orientierte bolschewistische Revolution durchsetzt, sieht er einen Silberstreif am Horizont. Doch statt einer Verständigung diktiert deutscher Eroberungsgeist den „Frieden“ von Brest-Litowsk. Vogeler soll ein Plakat für die Propaganda einer neuen Kriegsanleihe fertigen. Er entscheidet sich, den Befehl zu unterlaufen, skizziert eine niederdeutsche Bäuerin mit Holzschuhen, die sich mit der linken Hand auf einen Spaten stützt und mit der rechten die Augen vor der Sonne schützt. „Zeichnet Kriegsanleihen – Die Heimat ruft!“ steht auf dem Plakat. Der Entwurf lässt durchaus die Interpretation zu, dass die Bäuerin sich nach ihren Söhnen sehnt.

Es geschieht, was Vogeler erwartet hat

Seinen Auftraggebern missfällt das Plakat. Aber um ihm einen Vorwurf zu machen, dazu reicht es nicht. Der ihm wohlgesonnene General Gerok schickt ihn zur Erholung nach Haus, wo er einen neuen Entwurf für die Kriegsanleihe erarbeiten soll. Doch Vogeler entzieht sich der Aufgabe. Er befindet sich im Januar 1918 in Worpswede in einer fast trancehaften Stimmung. In ihm haben sich die Erlebnisse der Kriegsjahre in einer Weise verdichtet, wie es damals wohl selten der Fall gewesen sein dürfte. Wie ist das zu erklären?

In seinem „Offenen Brief zum Frieden unter den Menschen“, den er 1919 an die „Bauern, heimgekehrten Feldgrauen und die Frauen“ richtet, heißt es: „Als ich herauszog 1914 in den Krieg, da dachte ich wie die meisten von Euch, ich glaubte an den Überfall auf unser Land. Da draußen sind wir alle hellsehend geworden. Wir erkannten, dass auch im Heere mit vielerlei Maß gemessen wurde, dass Klassen regiert und Klassen unterdrückt wurden. Es widerte uns an, diese furchtbare Blutarbeit zu tun, als wir auf unser großes ‚Warum‘ immer nur die Kriegsziele der Großkaufleute, der Fabrikbesitzer und Großgrundbesitzer hören mussten: Annexion von Kurland, Estland, Belgien. Wie furchtbar viele Menschen haben wir sterben sehen auf beiden Seiten. Und uns wollte das ‚Warum‘ gar nicht mehr in den Kopf, und wer für den Frieden sprach, den sah man mit Misstrauen an. Und dann kam der Frieden … von Brest-Litowsk, da war uns alles klar.“

Vogeler sieht deutlich, dass es sich bei den Bedingungen, die Deutschland als Siegermacht den Russen auferlegt, um einen Diktat- und Raubfrieden handelt. Er fasst den Entschluss, wie er schreibt, „für die Erkenntnis der Wahrheit alles einzusetzen, um die Last der Lüge nicht durch mein ganzes Leben weiterschleppen zu müssen.“ Mit anderen Worten: Er ist nicht mehr bereit und willens, länger mitzumachen oder zu schweigen. Als die Verhandlungen von Brest-Litowsk noch laufen, sagt ein höherer Generalstabsoffizier zu Vogeler: „Wir Deutschen müssen einen Frieden machen, der das Gift der Zerstörung für unseren Feind in sich trägt.“ Solche Haltung der deutschen Regierung, Militärs und führenden Kreise nimmt sich in den Augen des Malers als Gewalt aus: „Mit dieser Anschauung vom Frieden muss aufgeräumt werden, denn das ist Krieg“ – und aus diesem Grunde setzt er sich in Worpswede hin und bringt in der Nacht zum 20. Januar 1918 die Geschichte vom alten, traurigen Mann, genannt Gott, zu Papier. In Form einer Fabel führt er den höchsten militärischen Stellen vor Augen, wie die Welt aussähe, würde Gott mit den zehn Geboten zu ihnen kommen.

In die Knie vor der Liebe Gottes?

Nachdem Gott die Menschen verlassen hat, heißt es in Vogelers „Märchen“ weiter: „Die Götzen aber führten das Volk immer tiefer ins Elend und erweckten weiter Hass, Bitternis, Zerstörung und Tod, und wie sie nichts mehr hatten außer blechernen Schmucksternen und Kreuzen, verschenkten sie das gestohlene Gut ihren Völkern. Da ging Gott zu denen, die zusammengebrochen waren unter der Bürde der Leiden, unter Hass und Lüge: ‚Es gibt über euren Götzen einen Gott, es gibt über eurem Fahneneid meine ewigen Gesetze. Es gibt über eurem Hass die Liebe.‘ Da gaben die Krüppel ihre blutstinkenden grauen Kleider, ihre Orden und Ehrenzeichen zurück an den Gott des Mammons, gingen unter das Volk und entheiligten die Mordwaffen und vernichteten sie. Gott aber ging zum Kaiser: Du bist Sklave des Scheins. Werde Herr des Lichtes, indem du der Wahrheit dienst und die Lüge erkennst. Vernichte die Grenzen, sei der Menschheit Führer. Erkenne die Eitelkeit des Wirkens. Sei Friedensfürst, setze an die Stelle des Wortes die Tat, Demut an die Stelle der Siegereitelkeit, Wahrheit anstatt Lüge, Aufbau anstatt Zerstörung.“ Und dann, als Schluss, sein unerhörtes Verlangen: „In die Knie vor der Liebe Gottes, sei Erlöser, habe die Kraft des Dienens, Kaiser!“

Erschüttert von den Erlebnissen und der Sinnlosigkeit des Krieges empfindet Vogeler die Nacht nach der Abfassung des „Märchens“ als die „seligsten Stunden seines Lebens“. Er ist mit sich im Reinen. Dies, so schreibt er, sei ein Schrei: „Für alle Öffentlichkeit bestimmt mit allen Konsequenzen! Was liegt daran, wenn man mich persönlich vernichtet, wenn ich nur gehört werde, es sterben so viel bessere, stärkere Menschen wie ich. Verloren habe ich fast alle meine Freunde, meine äußeren Erfolge, und doch müssen sie mich hören, so kann man nicht weiterleben, dann vernichtet mich lieber.“ Mit seiner Tat suchte Vogeler Frieden zu stiften, indem er sein eigenes Schicksal mit dem der Welt verknüpfte. Ungeachtet seines missionarischen Handelns blieb ihm aber bewusst: „Vorderhand“ bin ich aber weder irrsinnig noch ein Heiliger, sondern ein Mensch, der durch schwer errungene Erkenntnis etwas Licht in diese Welt bringen will.“

Um Tod oder Leben

Vogeler sendet seinen christlich-ethischen Appell mit Hilfe seines Majors nicht nur an Kaiser Wilhelm II. Eine Abschrift schickt er zugleich an die Oberste Heeresleitung. Der Generalquartiermeister Erich Ludendorff ist über das Verlangen nach einem sofortigen, bedingungslosen Frieden so empört, dass er den Künstler sofort erschießen lassen will. Vogeler hat damit durchaus gerechnet. Für ihn handelt es sich ganz einfach, wie er drei Tage später, am 23. Januar 1918, seinem vorgesetzten Major mitteilt, „um Tod oder Leben“. Er sehe sich aber gezwungen, „diesen Weg zu gehen, aus dem es kein Zurück mehr gibt.“ Denn: „Nichts mehr hielt stand vor der Wahrhaftigkeit ewiger Gesetze. Wir Menschen hatten die Seele ausgeschaltet, an ihre Stelle die Organisation gesetzt, die Organisation der Rache des Hasses, und riefen Gott an, unsere Verbrechen zu heiligen.“

In dem Schreiben an seinen Major mahnte Vogeler nochmals unmissverständlich: „Unser Volk ist am Ende, die Revolution lebt wie eine fressende Flamme. Kein Brot, keine Sättigung kann sie ausschalten! Wahrheit! Wahrheit. Gebt den Menschen Wahrheit.“ Und er schließt mit dem Appell: „Es geht um die Ehre meines Vaterlandes, es geht um Gott, es geht um mich …
Vielleicht ist noch was zu retten – nicht für mich – für den Kaiser, für das Volk! Habt nicht die Feigheit mich ins Irrenhaus zu sperren.“

Aber genau das geschieht. Vogeler kommt glimpflich davon, hat Glück – man ist versucht zu sagen, Gott hat seine schützende Hand über den „Gerechten“ gelegt – und landet in einer Bremer Irrenanstalt. Der ihn behandelnde Arzt Karl Stoevesandt, später ein Gegner der Nazis, versteht sein Aufbegehren gegen den Irrsinn des Krieges, gibt seinem „Patienten“ alles, was er zum Malen, Zeichnen und Lesen braucht, entlässt ihn nach gut zwei Monaten als nicht mehr militärfähig. Fortan engagiert sich Vogeler, obwohl unter Polizeiaufsicht, für eine neue Welt, fernab von Gewalt, sozialer Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Ein Sonderling, ein Geisteskranker

Vogeler begriff sein „Märchen vom lieben Gott“ als logische Folge der fehlenden Ethik im politischen Leben des deutschen Volkes beziehungsweise als Folge der Indienstnahme von Moral und Ethik, von Religion und Theologie für höchst amoralische Zwecke. Sein Appell an die Mächtigen des Landes lautete: „Kokettiert nicht mit dem lieben Gott. Fangt stattdessen endlich an, die zehn Gebote zu achten und zu leben.“ Mit seinem Protest gegen die eklatante Verletzung des christlichen Liebesgebotes hat Vogeler zugleich seine öffentliche Desertion vollzogen. Das deutsche Bürgertum und der deutsche Nationalprotestantismus haben ihrem „einstigen Liebling“ den Schritt, den Mächtigen den Fehdehandschuh vor die Füße zu werfen, mehr als verübelt. Angriffe und Bezichtigungen, Verfolgungen und Inhaftierungen waren nach 1918 keine Seltenheit. Selbst in Künstlerkreisen suchte man Vogeler als „Sonderling“ oder gar als „Geisteskranken“ abzutun. Dabei hätte man es besser wissen können. Wenige haben wie er den Mut aufgebracht, schlicht und ergreifend „Nein“ zu sagen und den Mächtigen Widerstand geleistet.

Ein Protest, wie ihn Vogeler sich mit seinem „Märchen vom lieben Gott“ von der Seele geschrieben hat, war von einem deutschen Künstler seiner Zeit nicht zu erwarten gewesen. Wie in Stein gemeißelt wirken seine Worte – ehern, zeitlos und damit losgelöst von seiner Person. Plötzlich hat der Kaiser keine Kleider mehr an. Pomp und Glanz sind dahin. Nackt steht er da, der oberste und mächtige Kriegsherr – und wirkt wie eine traurige Gestalt. Die Zivilcourage eines Einzelnen lässt ihn schlecht aussehen. Heinrich Vogelers Fähigkeit zu unbeirrbarer Kritik und Selbstkritik, sein Mut, mit dem er es gewagt hat, sich gegen vorherrschende Meinungen zu wenden, heben ihn aus der Menge der Anpasser und Mitmacher heraus. Mit Blick auf die deutsche Geschichte seit 1871 und die politischen Verformungen des deutschen Charakters sowie angesichts der militaristisch-nationalistischen Verirrungen großer Teile der herrschenden Schichten und des Volkes erscheint er wie ein Edelstein, der in einem Trümmerhaufen aufblüht.

Wenn der Mensch nicht reif wird zur Liebe

„Glaubt mir“, sagt Vogeler, „es gibt nichts in der Welt, was die Erkenntnis der Wahrheit, die Liebe, nicht überwindet. Und das ist auch der Sinn dieses ganzen Krieges. Kein Verein kann den Krieg bekämpfen, und diese Fürchterlichkeiten werden nicht aussterben, wenn der Mensch nicht reif wird zur großen Liebe, die versteht und überwindet, denn im Verstehen liegt schon das Überwinden.“ Von einem solchen Verständnis der Nächstenliebe und der Weihnachtsbotschaft sind die Kirchen im Ersten Weltkrieg und danach weit entfernt.

Heinrich Vogelers Friedensappell gehört zu den berühmtesten deutschen Künstlerschriften des 20. Jahrhunderts. Seine Klage über die Verlogenheit der deutschen Politik und seine Aufforderung an den Kaiser und die Oberste Heeresleitung, umzukehren und einen Frieden abzuschließen, der nicht gleich wieder den Keim eines neuen Krieges in sich trägt, hat seinem Leben und Werk eine neue Richtung eröffnet und ein Beispiel moralischer Größe gegeben, wenn seine Tat auch illusorisch anmuten mag. Die Deutsche UNESCO-Kommission spricht von der Handlung eines Menschen, „dessen Friedensbrief an Kaiser Wilhelm II. als kühnes Friedensvorhaben in die Geschichte einging und dessen Verhalten auch heutige Generationen beeindruckt.“

Wie der im Mai 1920 von einer rechtsradikal gesinnten Reichswehrtruppe ermordete Kapitänleutnant a.D. und zum Kriegsgegner gewandelte “Hans Paasche”:https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Paasche begriff Heinrich Vogeler den Ersten Weltkrieg und die deutsche Verantwortung dafür als eine „Schändung des Evangeliums“. Wie Paasche forderte er eine Abkehr vom Militarismus und für die Zeit nach 1918 eine Neuorientierung der Politik, die nicht weiter auf Gewalt- und Machtkategorien basieren, sondern auf Verständigung und Aussöhnung sowie auf christlicher Moral und Ethik beruhen sollte. Doch die große Mehrheit der Deutschen hat den Weg, wie ihn Vogeler und Paasche gewiesen haben, nicht nur abgelehnt, sondern bekämpft. Es wählte einen anderen Weg – den in das Dritte Reich und in den Zweiten Weltkrieg.

„Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ lautet auch 2017 die Weihnachtsbotschaft. Dabei sollte Heinrich Vogelers Friedensappell nicht vergessen werden.

_Im Donat Verlag erscheint Anfang Januar 2018 das von Bernd Stenzig verfasste Buch „Das Märchen vom lieben Gott – Heinrich Vogelers Friedensappell an den Kaiser im Januar 1918“ – ISBN 978-3-943425-59-8._

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